Ampeln und Wegweiser bleiben dumm

Als in Backnang Fahrverbote wegen zu hoher Stickoxidwerte drohten, wollte die Stadt das Problem auch mit einem intelligenten Verkehrsleitsystem lösen. Aus Kostengründen wurde das Projekt nun gestoppt, aber die Idee ist noch nicht vom Tisch.

Das Parkleitsystem in Backnang muss noch ein paar Jahre durchhalten, die Anschaffung eines neuen ist dem Gemeinderat zu teuer.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Das Parkleitsystem in Backnang muss noch ein paar Jahre durchhalten, die Anschaffung eines neuen ist dem Gemeinderat zu teuer.Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Die Coronapandemie hat im vergangenen Jahr viele Probleme verschärft – aber nicht alle. Auf die Luftqualität haben sich Lockdown und Homeoffice sogar positiv ausgewirkt. Auch bei der Messstation an der Eugen-Adolff-Straße in Backnang sind die Stickoxidwerte weiter gesunken. Nach den vorläufigen Ergebnissen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg lagen sie 2020 im Jahresmittel nur noch bei 36 Mikrogramm pro Kubikmeter, 2019 waren es noch 39 Mikrogramm. Der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm wurde somit bereits zum zweiten Mal in Folge unterschritten. Neben dem Corona-Effekt dürfte dazu auch der Luftreinhalteplan beigetragen haben, der 2019 aufgestellt und in Teilen bereits umgesetzt wurde (siehe Infobox).

Ein Punkt aus dem Plan, der vor zwei Jahren noch als entscheidender Beitrag zur Schadstoffreduzierung gerühmt wurde, ist nun allerdings erst einmal in die Schublade gewandert. Die Anschaffung eines digitalen Verkehrslenkungs- und Parkleitsystems wurde auf Wunsch des Gemeinderats gestoppt. Mit einem solchen System wollte die Stadt die Staus in den Stoßzeiten reduzieren und so die Luftqualität verbessern. Ein zentraler Computer sollte die Verkehrsströme in der Stadt erfassen und dann in Echtzeit die Ampelschaltungen der jeweiligen Verkehrssituation anpassen. Intelligente Wegweiser hätten den Verkehrsteilnehmern den jeweils schnellsten Weg zu ihrem Zielort angezeigt. Geplant war auch ein neues Parkleitsystem, das mit Kameras die freien Kapazitäten aller öffentlichen Parkhäuser und -plätze erfasst. Auf den Schildern sollte dann immer nur der jeweils nächstgelegene freie Parkplatz angezeigt werden. Das sollte unnötigen Suchverkehr verhindern.

Intelligente Schilder weisen in Echtzeit den schnellsten Weg.

Das alles bleibt in Backnang nun aber Zukunftsmusik, denn die Kosten von rund 4,34 Millionen Euro waren dem Gemeinderat zu hoch, obwohl die Stadt die Hälfte davon vom Bund zurückbekommen hätte. Offiziell wurde das Projekt bis zur Fertigstellung des vierspurigen B14-Ausbaus verschoben. Das wird noch mindestens bis 2026 dauern, höchstwahrscheinlich deutlich länger.

Wird daraus am Ende womöglich eine Verschiebung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag? Baudezernent Stefan Setzer widerspricht: „Wir haben das Projekt nicht aufgegeben, die Dringlichkeit ist nur nicht mehr ganz so groß“. Der ursprüngliche Zeitplan sei ohnehin sehr ambitioniert gewesen, was auch mit den sehr kurzen Fristen bei den Förderprogrammen zusammenhing. Inzwischen habe man jedoch Signale erhalten, dass die Zuschüsse auch bei einer späteren Umsetzung fließen werden.

Im Rathaus ist man deshalb nicht traurig darüber, dass nun mehr Zeit bleibt. Denn das Projekt ist nicht nur teuer, sondern auch komplex: Um die bislang autarken Ampeln miteinander zu vernetzen, müssen die Anlagen an 21Kreuzungen nachgerüstet oder sogar komplett erneuert werden. Digitale Wegweiser müssen installiert und programmiert werden. Der zentrale Verkehrsrechner muss nicht nur angeschafft werden, sondern es braucht auch qualifizierte Mitarbeiter, die ihn bedienen können.

Baudezernent Stefan Setzer und der Leiter des Stadtplanungsamtes, Tobias Großmann, sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass sich Investition und Aufwand lohnen. In vielen Städten seien solche dynamischen Systeme schon seit Jahren Standard. „Der Sinn der Verkehrslenkung besteht ja nicht darin, Ortsunkundigen zu erklären, wie sie von A nach B kommen“, betont Großmann. Vielmehr könne ein digitales System dazu beitragen, den Verkehrsfluss in der gesamten Innenstadt spürbar zu verbessern und Staustrecken zu entlasten.

„Wir können den Autofahrern dann in Echtzeit alternative Routen anbieten, die schneller sind“, erklärt Setzer. Nach Berechnungen des Ingenieurbüros Brenner Bernard könnte dadurch etwa in der Eugen-Adolff-Straße die Zahl der Fahrzeuge von 21000 auf 17000 pro Tag zurückgehen. Im Bereich der Annonaystraße wurde sogar ein Rückgang um 7600 Fahrzeuge prognostiziert.

Das Projekt einfach abzublasen, wäre aber auch deshalb nicht so einfach möglich, weil die Maßnahme im Luftreinhalteplan steht und dieser nach wie vor verbindlich ist. „Die Erstellung eines Luftreinhalteplans und die darin festgelegten Maßnahmen dienen der dauerhaften, langfristigen und sicheren Grenzwerteinhaltung. Daher wird dieser bei Unterschreitung der Grenzwerte nicht aufgehoben“, teilt das Regierungspräsidium Stuttgart auf Nachfrage mit.

Die bereits in Auftrag gegebene Planung für die digitale Verkehrslenkung läuft deshalb laut Setzer auch wie geplant weiter. Im Frühjahr sollen die Experten von Brenner Bernard das Konzept im Gemeinderat präsentieren.

Erst drei Maßnahmen des Luftreinhalteplans umgesetzt

Der im Frühjahr 2019 aufgestellte Luftreinhalteplan umfasste ursprünglich sechs Maßnahmen, die digitale Verkehrslenkung war eine davon. Auch von den fünf weiteren Punkten wurden bislang nur drei umgesetzt.

Seit Sommer 2019 gilt in der Eugen-Adolff-Straße ein Tempolimit von 40 Kilometer pro Stunde. Die Stadt wollte damit den Verkehrsfluss verbessern und so die Schadstoffbelastung reduzieren. Im vergangenen Jahr wurde diese Temporeduzierung auf den gesamten Innenstadtring ausgeweitet.

Durch den Abriss von zwei alten Gewerbehallen und eines Wohnhauses an der Eugen-Adolff-Straße sollte die Durchlüftung des Straßenraums verbessert werden. Die Abrissarbeiten mussten im Sommer 2019 allerdings zunächst gestoppt werden, weil in einem der Gebäude eine geschützte Fledermausart entdeckt worden war. Mittlerweile sind sie aber abgeschlossen.

Auch die Anschaffung von 40 abschließbaren Fahrradboxen am Backnanger Bahnhof ist Teil des Luftreinhalteplans. Sie sollen Pendlern den Umstieg vom Auto auf Fahrrad und ÖPNV erleichtern.

Ein Radschutzstreifen soll die viel befahrene Eugen-Adolff-Straße für Radfahrer sicherer machen. Weil sich dadurch der Abstand zwischen Fahrbahn und Messstation vergrößert, versprach man sich davon auch sinkende Stickoxidwerte. Bislang gibt es einen solchen Schutzstreifen aber nur im unteren Abschnitt der Eugen-Adolff-Straße. Der obere Teil bis zum Adenauerplatz soll laut Tobias Großmann im Lauf dieses Jahres folgen.

Nicht mehr Teil des Luftreinhalteplans ist das umstrittene Linksabbiegeverbot auf der B14 an der Maubacher Höhe. Dadurch sollte der Rückstau auf der Bundesstraße reduziert werden, um Ausweichverkehr durch die Innenstadt zu vermeiden. Die Stadtverwaltung und der Landkreis hielten diese Maßnahme weiterhin für sinnvoll, erklärt Tobias Großmann. Ob und wann sie umgesetzt wird, ist aber noch offen.

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Erstellt:
14. Januar 2021, 06:00 Uhr

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