Angeklagter weist viele Gedächtnislücken auf

Im Prozess zur Bluttat vom vergangenen Sommer in Allmersbach im Tal kommen durch zwei Zeuginnen neue Details ans Licht.

Der Angeklagte beim Prozessauftakt Mitte Dezember. Archivfoto: A. Becher

© Alexander Becher

Der Angeklagte beim Prozessauftakt Mitte Dezember. Archivfoto: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

ALLMERSBACH IM TAL/STUTTGART. Mit der Klärung einer wichtigen Formalie und der Wiederholung eines guten Rats begann gestern der fünfte Verhandlungstag am Stuttgarter Landgericht zum Tatvorwurf des zweifachen Mordes in Allmersbach sowie des versuchten Mordes in Gaildorf.

Die Formalie bezog sich auf den Antrag des zur Tatzeit 36-jährigen Angeklagten, seinen Pflichtverteidiger zu wechseln. Inzwischen hatte der Mundelsheimer seine Meinung aber wohl wieder geändert, wie die Nachfrage des vorsitzenden Richters Norbert Winkelmann ergab. Er gab dem Angeklagten erneut den Rat, sich nicht an die Tipps seiner Mitinsassen der Justizvollzugsanstalt Stammheim, sondern an die Ratschläge seines Anwalts zu halten, der ein versierter Strafverteidiger und als solcher in Stuttgart hoch geachtet sei. Bevor die geladenen Zeugen zu Wort kamen, wurde die Befragung des Angeklagten fortgesetzt. Hier wurde auch die Beziehung zu seiner in Gaildorf lebenden Ex-Frau thematisiert. Die Frage von Richter Winkelmann, ob es vor der Tatnacht in Allmersbach Streit zwischen ihr und dem Angeklagten gegeben habe, wusste letzterer nicht mehr so genau zu beantworten. Erst als der Richter aus den Akten des Amtsgerichts Besigheim vorlas, dämmerte dem Mann wohl wieder, dass seine Ex-Frau ihn damals der Vergewaltigung und Körperverletzung beschuldigt hatte. 2018 sei das gewesen, das Jahr, in dem er auch einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik in Heilbronn absolvierte. Woher er die Adresse ihrer neuen Wohnung hatte, als er in jener Juninacht 2020 vom Wohnort der beiden getöteten Opfer in Allmersbach nach Gaildorf dorthin fuhr, um auch die Mutter seiner beiden Kinder zu töten, wurde in der Verhandlung nicht klar. Hier kam der Name einer weiteren Zeugin ins Spiel, die damit zu tun haben könnte und in einer der folgenden Verhandlungen gehört werden soll.

Am Morgen nach der Tat ging der Angeklagte lange mit seiner Heilbronner Freundin spazieren und besuchte mit ihr ein Schnellrestaurant.


Nachdem er in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni vergangenen Jahres die Reifen am Wagen seiner Ex-Frau mit einem Lattenhammer beschädigt hatte, begab sich der Angeklagte laut eigener Aussage erst nach Hause nach Mundelsheim, entledigte sich seiner blutigen Kleidung und fuhr umgezogen dann nach Heilbronn, wo er anderntags – nachdem er in deren Abwesenheit in ihrem Rohbau genächtigt hatte – seine dortigen Freundin traf, mit der er nach Neckarsulm fuhr und einige Stunden spazieren und in ein Schnellrestaurant ging. Dabei offenbarte er sich der Heilbronnerin, die ihm zufolge gar nicht habe glauben wollen, dass er so etwas Schreckliches tun könne. Er habe sie dann heimgebracht, noch eine ganze Weile im Auto gesessen und sei dann gegen 16 Uhr zum Böckinger Polizeirevier in Heilbronn gefahren, wo er die Taten gestand und vorläufig festgenommen, der Kriminalpolizei übergeben und anschließend verhört wurde. Anderen Personen als der Heilbronner Freundin habe er nichts von den Taten mitgeteilt, wie er am Donnerstag sagte. Richter Winkelmann konnte ihm aber einige SMS vorhalten, die er in der Tatnacht an verschiedene Leute geschickt hatte und in denen er sich auf die Bluttat in Allmersbach bezog.

Die Lebensgefährtin des Bruders der getöteten Allmersbacherin und Onkel ihrer ebenfalls getöteten Tochter schilderte anschließend, wie sich die Beziehung der beiden späteren Opfer zu dem Angeklagten im Beginn entwickelt hatte. Der Mundelsheimer sei von ihr und ihrem Mann ebenso wie von den Eltern der 41-Jährigen gut aufgenommen und in den familiären Kreis integriert worden. Man glaubte ihrer Aussage gerne, dass die neue Beziehung ihr gut tue – die im Übrigen erste Beziehung nach ihrer Trennung vom Vater der neunjährigen Tochter rund zwei Jahre vorher

Die Tochter sei zwar gar nicht begeistert gewesen von dem neuen Mann im Leben ihrer Mutter, habe sich aber als sehr reif gezeigt und begriffen, dass sie die neue Situation akzeptieren müsse, so die Zeugin weiter. Doch die Euphorie der frisch verliebten 41- Jährigen verflog offenbar schon bald: Immer häufiger seien Diskussionen mit dem neuen Partner an der Tagesordnung gewesen, die auch das Umfeld mitbekam. Der Mundelsheimer habe immer wieder versucht, die Allmersbacherin ganz für sich zu vereinnahmen und ihr seine Lebensart aufzuzwängen. Das ließ die Frau aber nicht zu. So kam es nach einigen Monaten zur Trennung der beiden. Das spätere Opfer soll sich erfreut gezeigt haben, dass der 32-Jährige das Auseinandergehen anscheinend gut verkrafte und einem rein freundschaftlichen Kontakt zustimmte. „So war sie. Immer sehr positiv, immer das Gute in den Menschen sehend. Aber er wollte definitiv mehr“, so die Einschätzung der Zeugin. Sie erinnerte sich auch an Aussagen des Mundelsheimers über seine Schafe und zeigte sich angewidert von dessen Schilderungen, wie er den Tieren den Hals durchschnitt und etwa den Kopf eines Schafbocks und anderer Tiere für seine Sammlung präparierte.

Eine 21-jährige Allmersbacherin wurde gestern ebenfalls als Zeugin vernommen. Sie hatte in der Tatnacht an einer Bushaltestelle an der Ecke Im Wasenfeld/Backnanger Straße in Allmersbach zusammen mit zwei weiteren Personen gestanden. Dort soll ein Wagen in hohem Tempo auf sie zu, in die Einbuchtung und dann weitergefahren sein. Laut Zeugin könne es sich um den roten Opel Astra des Angeklagten gehandelt haben. Sie habe sich nur durch einen Sprung zur Seite retten können und den Vorfall am nächsten Tag der Polizei gemeldet.

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Erstellt:
22. Januar 2021, 06:00 Uhr

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