Angriff auf Co-Leiter der Jungen Oper

Die Staatsoper Stuttgart berichtet von einem Angriff auf den Künstlerischen Co-Leiter der Jungen Oper im Nord. Keith Bernard Stonum sei in einem Kölner Café „ganz offensichtlich aus rassistischen Gründen tätlich angegriffen worden“, schreibt die Oper auf Instagram.

Der Stuttgarter wurde in einem Kölner Café attackiert (Symbolfoto). Keith Bernard Stonum wurde in einem Kölner Café verletzt.

© Imago/Liesa Johannssen

Der Stuttgarter wurde in einem Kölner Café attackiert (Symbolfoto). Keith Bernard Stonum wurde in einem Kölner Café verletzt.

Von Jan Sellner

Stuttgart/Köln - Der Schock sitzt tief bei Keith Bernard Stonum und seinen Freunden. Dem Künstlerischen Co-Leiter der Stuttgarter Jungen Oper im Nord ist bei einem Café-Besuch in der Kölner Altstadt von einem Angreifer mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. Stonum, der US-Amerikaner ist und seit 2008 in Deutschland lebt, erlitt Verletzungen und musste in einem Kölner Krankenhaus behandelt werden. Er erstattete Strafanzeige. Die Staatsoper Stuttgart bestätigt den Vorfall auf Instagram und sprach von „offensichtlich rassistischen Motiven“.

„Es ist, wie wenn ich über dunkle Wolken fliegen würde“, erzählt der 37-jährige US-Amerikaner am Telefon auf die Frage, wie es ihm nach dem Angriff gehe: „Ich weiß noch nicht, wo ich emotional landen werde.“ Minutiös hat er aufgeschrieben, was sich am 8. März im Kölner Café Wahlen, das auch als Schwulentreff bekannt ist, abgespielt hat. Die Notizen liegen unserer Zeitung vor. Mehrere Künstlerkollegen, die mit ihm in dem Café waren, bezeugen seine Schilderung namentlich.

Demnach betraten Stonum und eine etwa 15-köpfige Gruppe von Amerikanern, Japanern und Deutschen am Freitagnachmittag das Café. Viele von ihnen Künstlerinnen- und Künstlerfreunde. Sie kamen von einer Hochzeitsfeier in einem Kölner Restaurant. Im Café Wahlen wollten sie einen Geburtstag feiern. Am Tisch nebenan saß jener blonde Mann, der Stonum später angreifen sollte. „Wir konnten eine aggressive Energie spüren“, beschreibt er die Situation: „Wir haben versucht, ihn zu ignorieren – so gut es ging.“ Schließlich habe er sich an eine Bedienung gewandt und ihr diskret signalisiert, dass sie sich als „offensichtlich queer, schwul und People of Color“ bedroht fühlten.

Kurz darauf, so berichtet Stonum, habe der Mann ihm unvermittelt mit der Faust ins Gesicht geschlagen. „Dann war alles dunkel und mir war übel“ – so steht es in seinem Bericht. Sein rechtes Auge sei blau angelaufen, darunter hätten zwei Cuts geklafft, wie nach einem Boxschlag, der einen ohne Deckung trifft. Für Stonum und die Staatsoper Stuttgart ist die Attacke ganz offensichtlich ein Fall von Rassismus gewesen. Er sei der einzige Schwarze am Tisch gewesen, erklärt der Co-Leiter der Jungen Oper im Nord. An einen Zufall glaubt er nicht. Auch das Äußere des Angreifers, seine Kleidung und Frisur, seien „starke Codes“, die in diese Richtung deuteten. Als er die alarmierten Polizisten auf das Thema Rechtsextremismus ansprach, habe er zur Auskunft erhalten: „Das ist kein wirkliches Problem, wir sind ja nicht in Ostdeutschland.“

Auf Anfrage unserer Redaktion erklärt die Kölner Polizei zu dem Vorfall: „Nach aktuellem Stand der Ermittlungen liegen keine Hinweise auf ein homofeindliches oder rassistisches Motiv vor.“ Die Ermittlungen dauerten jedoch noch an. Der Beschuldigte sei polizeibekannt, gegen ihn richteten sich mehrere ähnliche Strafverfahren, die mutmaßlich in einer „psychischen Erkrankung“ des Mannes begründet seien. Nach dem Angriff im Café sei dem Mann ein Platzverweis erteilt worden. Haftgründe hätten nicht vorgelegen. Die Polizeibeamten hätten auch geprüft, ob eine Ingewahrsamnahme nach dem in Nordrhein-Westfalen geltenden Psychisch-Kranken-Gesetz erforderlich sei, hätten dies jedoch verworfen, da keine akute Gefahr bestanden habe.

Diesen Eindruck hatte Stonum nicht. Er bezeichnet das Verhalten der Polizeibeamten als „failure“, also als Versagen. Ihre Entscheidung, den Angreifer gehen zu lassen, ist ihm unverständlich. „Wie kann das sein?“, fragt er. Seine Gefährlichkeit habe der Mann durch den Angriff doch gezeigt. Zur Begründung habe ihm eine Polizistin vor der Abfahrt ins Krankenhaus erklärt, der Mann habe eine Psychose. Zuvor hatten die Beamten dem Beschuldigten ein Klappmesser abgenommen. Inzwischen hat Stonum Hinweise, dass der Mann bereits im Oktober mehrere Personen in Köln attackierte, darunter ebenfalls People of Color. Die Polizei bestätigt entsprechende Ermittlungen.

Tief sitzt der Schock auch im Kölner Café Wahlen: „Wir sind immer noch betroffen und fassungslos“, teilt das Café auf Nachfrage mit: „Wir verurteilen den feigen Angriff auf unseren Gast aufs Schärfste und distanzieren uns entschieden von jeglicher Form von Gewalt und Diskriminierung.“ Als multikulturelles Café stünde man für Vielfalt, Toleranz und Respekt gegenüber allen Menschen: „Unser Mitgefühl ist bei dem Opfer dieser hinterhältigen Attacke.“

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Erstellt:
18. März 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2024, 21:48 Uhr

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