Invest Stuttgart

Anleger zwischen Angst und Zuversicht

Inflation, Energiepreise, Trump: Die turbulenten Märkte beschäftigen die Anleger. Profis auf der Finanzmesse Invest geben Tipps, wie man einen kühlen Kopf bewahrt.

Zur Eröffnung der 25. Invest in diesem Jahr auf dem Podium (von links nach rechts): Dragan Radanovic, Handelsvorstand der Börse Stuttgart Gruppe, Wall-Street-Experte und Finanzjournalist Markus Koch sowie Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG.

© Thomas Wagner / Messe Stuttgart

Zur Eröffnung der 25. Invest in diesem Jahr auf dem Podium (von links nach rechts): Dragan Radanovic, Handelsvorstand der Börse Stuttgart Gruppe, Wall-Street-Experte und Finanzjournalist Markus Koch sowie Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG.

Von Philipp Obergassner und Matthias Schiermeyer

Wer auf der Finanzmesse Invest in die große Halle vier strebt, kann auf Einladung der Börse Stuttgart eine Schießübung absolvieren: „Weil Deine Trefferquote überzeugt.“ Angesichts der aktuellen Situation an den Aktienmärkten könnte dies durchaus zutreffen. Die Momentaufnahme an der Börse sieht gut aus: Die US-Indizes Nasdaq und S&P 500 erreichen neue Allzeithochs, auch der deutsche Leitindex Dax setzt zu neuen Höhenflügen an. Die Börsen haben den Iran-Krieg demnach quasi für beendet erklärt.

Das sah vor sieben Wochen mit Beginn des Iran-Kriegs noch ganz anders aus. Ein „sehr schönes Comeback“ sei das gewesen, sagt der Wall-Street-Experte und Finanzjournalist Markus Koch. Das Negative sei von den Märkten mit Beginn des Krieges zu stark eingepreist worden. Nun besönnen sie sich wieder auf Fundamentaldaten – und da sehe es in Sachen Gewinn- und Wachstumserwartungen der US-Unternehmen gut aus.

Warnung vor zu viel Aktionismus im Depot

Koch warnt angesichts der irrlichternden Politik von US-Präsident Donald Trump vor zu viel Aktionismus im Depot: „Man muss über die Schlagzeilen hinwegschauen.“ Es sei auch in Trumps Interesse, die Märkte zu beruhigen. Der sogenannte „Taco-Trade“, also die Tatsache, dass Trump angesichts zu stark fallender Kurse seine Politik korrigiert, habe nach der Zollkrise funktioniert und nun wieder beim Iran-Krieg. Auch Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, gibt sich zuversichtlich: „Das Schlimmste im Iran-Konflikt haben wir gesehen.“ Zugleich warnt er die Anleger: „Der größte Fehler, den man machen kann, ist Trump ernst zu nehmen in dem, was er sagt.“

Zumindest in Stuttgart scheinen sie das nicht getan zu haben: Dragan Radanovic, Handelsvorstand der Börse Stuttgart Gruppe, attestiert den Privatanlegern Besonnenheit: „Wir haben weder Gier noch Angst in den Märkten gesehen.“ Manche Anleger hätten die sehr volatile Phase auch genutzt, um sich mit Derivaten abzusichern. Mit Discount-Zertifikaten beispielsweise lasse sich hohe Volatilität teilweise neutralisieren.

Ein vordringliches Thema für Sparer ist die steigende Inflation. Halver sieht hier ein Problem: Angesichts hoher Verschuldungen der Staaten würden die Notenbanken dieses Mal kaum eingreifen können. Er rechnet mit einer Zinserhöhung der EZB, aber keiner vonseiten der Fed in den USA. „Wir haben eine Inflation, aber sie wird nicht bekämpft.“ Sein Rat: Nur die Renditen an den Aktienmärkten könnten helfen, den Kaufkraftverlust auszugleichen.

Großer Andrang

Der Andrang ist riesig wie nie zuvor, das Publikum bunt gemischt. Für jeden Besucher – ob Börsenroutinier oder Neuling – ist etwas dabei. Dazu gehören schlichtere Weisheiten wie: „Börsen gewöhnen sich an schlimme Dinge.“ Es könne „mal rappeln“, aber grundsätzlich seien die Märkte robust, wie Falko Block von der DZ-Bank sagt. Schwächephasen bringen das Kurs-Gewinn-Verhältnis runter – das ist ein gutes Zeichen. Denn die Aktienmärkte seien von einem „extrem hohen Bewertungsniveau“ gekommen. Fünf oder sechs Prozent könnten sie noch zurückgehen – da werde es Einstiegskurse geben. Am besten die Investitionen zeitlich stückeln und „breit streuen“, rät der Kapitalmarktexperte. Und: „Nicht jedem Trend hinterher laufen!“ Doch lohne es sich auf jeden Fall, langfristig dabei zu sein.

Auch der beliebte Index MSCI World ist auf Rekordhoch – weil die „Big Techs“ und überhaupt US-Aktien darin ein so großes Gewicht haben. Zugleich handelt es sich um ein „Klumpenrisiko“, wie kritisch angemerkt wird. Ein Welt-ETF müsste demnach anders aussehen und die global wichtigsten Unternehmen – etwa auch aus Japan oder China – umfassen. Ob Meta, Nvidia & Co. gerade auch unter dem Energiepreisschock leiden, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Viele Experten auf den Bühnen vereint ein großes Sendungsbewusstsein – kein Wunder vor dicht gefüllten Reihen. Etliche von ihnen scheuen sich daher auch nicht vor handfesten Anlagetipps – Widersprüche inklusive. Andreas Lipkow, Chefanalyst von CMC Markets, setzt auf Amazon wegen all der Schnittstellen zur Künstlichen Intelligenz und „weil die sich immer wieder neu erfinden“. Auch Alphabet gehört zu seinen Favoriten und, „etwas antizyklisch“, Oracle. Nvidia sehe er nicht mehr so „bullish“, weil die Auftragshersteller der Chips in Südkorea wegen der Krise am Persischen Golf die Preise anheben müssten. Jürgen Riße von Acatis Investment hingegen mag „Oracle nicht anfassen“, weil das Unternehmen viel zu hoch verschuldet ist. Die Aktie von Nvidia wiederum sei angesichts der Wachstumsraten gar nicht so teuer. Außerdem habe der Hersteller von Grafikprozessoren kaum Schulden.

Suche nach sicheren Häfen

Gibt es noch sichere Häfen? Edelmetalle gehören nur noch bedingt dazu, denn deren Werte schwanken wegen der Attraktivität für reine Börsenspekulanten erheblich. Dennoch findet Gold eine erhöhte Aufmerksamkeit auf der Invest. Innerhalb eines Jahres hat der Goldpreis in Dollar knapp 44 Prozent zugelegt – trotz einer jüngsten Verkaufswelle durch den Iran-Krieg. Halver gibt sich überzeugt: Langfristig sei das Edelmetall für Anleger eine „Lebensversicherung gegen den Schwachsinn dieser Welt“. Ein Gold-Anteil von fünf bis acht Prozent am Portfolio mache Sinn, sagt Block. Hauptsache, der Anleger sehe es nicht als spekulatives Objekt. Ob man es in physischer Form oder als Zertifikat investiere, das spiele keine große Rolle. Kupfer könnte auch dazu gehören, wegen des großen Bedarfs in den nächsten Jahren.

Der einzige sichere Hafen, den es noch gebe, befindet Riße, sei „die langfristige Investition in resiliente Aktien, die es in 20, 30 Jahren noch gibt“. Wohl dem Besucher, der so einen weiten Anlagehorizont hat.

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Erstellt:
17. April 2026, 19:52 Uhr

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