Arbeitsintegration bedeutet eine Tour de France

Im Rems-Murr-Kreis wurde bis Ende 2019 jeder vierte Geflüchtete in sozialversicherungspflichtige Arbeit oder Ausbildung vermittelt.

2016 haben Arbeitsagentur, Jobcenter und Rems-Murr-Kreis das IBA-Team gegründet, um Geflüchteten den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern.Archivfoto: G. Habermann

© Gabriel Habermann

2016 haben Arbeitsagentur, Jobcenter und Rems-Murr-Kreis das IBA-Team gegründet, um Geflüchteten den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern.Archivfoto: G. Habermann

Von Christine Schick

BACKNANG/WAIBLINGEN. Das Team Integration – Beratung – Arbeit, kurz IBA, wurde Mitte 2016 als Initiative von Arbeitsagentur, Jobcenter und Rems-Murr-Kreis ins Leben gerufen, um Geflüchtete im Sinne eines Beratungs- und Vermittlungsservices mit einem überschaubaren Kreis an Ansprechpartnern und übergreifend zu begleiten. Waren es damals 1100 Menschen mit einem sogenannten Aufenthaltstitel und grundsätzlich in Ausbildung oder Arbeit vermittelbar (500 weitere waren im Asylverfahren), stiegen die Zahlen im Kreis bis 2018 auf 2912 Geflüchtete an, aktuell sind es 2850 Menschen. Sie kommen zu einem großen Teil aus acht Ländern mit hoher Bleibeperspektive, nämlich Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia. Seit Mitte 2019 betreut das IBA-Team die nicht anerkannten Geflüchteten nicht mehr und hat dies an die Agentur für Arbeit abgegeben.

Betrachtet man die Integrationsquote, also den Anteil an vermittelbaren Geflüchteten, die mittlerweile eine sozialversicherungspflichtige Arbeit haben oder eine Ausbildung machen, liegt der Anteil Ende 2019 bei rund 28 Prozent. Das heißt, dass mehr als jeder Vierte vermittelt werden konnte. „Das ist schon eine erstaunliche Zahl“, sagt Robert Steinbock, Leiter des IBA-Teams Backnang und Schorndorf. Insofern habe man viel erreicht. Zur Einordnung der Prozentzahl merkt er aber auch an, dass sie nicht für eine absolute Pro-Kopf-Zahl steht, sondern dort ebenso Menschen erfasst sind, die innerhalb des Jahreszeitraums nach einem Arbeitsplatzverlust wieder eine Beschäftigung finden und so erneut gezählt werden.

Ebenfalls betrachtet das Team die Qualität der Integration, sprich versucht anhand von weiteren Kriterien eine Einschätzung der Situation zu geben. Zur Frage, ob die Geflüchteten auch von ihrer Arbeit leben können und keine weitere Unterstützung mehr brauchen, gibt es eine Prozentzahl: Demnach erfahren eine bedarfsdeckende Integration 30 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (Arbeit/Ausbildung). Der generelle Durchschnitt beim Jobcenter liegt bei 40 Prozent. Die Ursache sieht Steinbock darin, dass hinter einem arbeitenden Geflüchteten oft große Familien stehen, und in der Regel reicht ein Vollzeiteinkommen nicht aus, um den Bedarf zu decken. Mit Blick auf die Stabilität der Arbeitsverhältnisse lässt sich sagen, dass die Beschäftigung der vom IBA-Team Betreuten nach einem Jahr zu 59 Prozent weiterbestand (65 Prozent sind es beim Jobcenter allgemein). Nach Werten von 2019 arbeiten die Vermittelten zu 46 Prozent in Vollzeit, meist bei kleineren und mittelständischen Betrieben. Bei 40 Prozent handelt es sich um unbefristete Anstellungen. Die überwiegende Mehrheit – 90 Prozent – der Beschäftigung erfolgt in angelernten Tätigkeiten und nicht in Ausbildungsberufen.

Zur Frage, ob sich vor dem Hintergrund von Corona die Lage für Geflüchtete auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert hat, wagt Robert Steinbock keine Aussage. Zwar habe sich die Einstellungsbereitschaft in der Krise verändert, dennoch integriere das Team weiterhin Geflüchtete in Arbeit und Ausbildung. Der Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte und Helfer sei zurückgegangen, aber Geflüchtete seien davon genauso betroffen wie andere und nicht jede Arbeitslosigkeit habe zwangsläufig mit Corona und dessen Auswirkungen zu tun.

Gleichsam bietet eine Ausbildung und fachlich qualifizierte Arbeit mehr Schutz, auch im Hinblick auf die Automatisierung und den Abbau von Jobs im Helferbereich. Allerdings hat das IBA-Team auch die Erfahrung gemacht, dass eine Arbeitsintegration seine Zeit braucht. „Es hieß ja immer, die Geflüchteten sind die Fachkräfte von morgen“, erzählt Steinbock. „Ich sage da eigentlich lieber, es sind die Fachkräfte von übermorgen.“ Die Aufgabe der Arbeitsintegration für die Menschen beschreibt er als eine Tour de France. Die Etappen beinhalteten Berge und Täler und das Fortkommen sei auch von den unterschiedlichen Lebensbedingungen abhängig. In einer Unterkunft ohne Rückzugsraum sei es beispielsweise schwerer, konzentriert zu lernen, insbesondere wenn die Menschen keine Schulerfahrung mitbringen und möglicherweise erst schreiben lernen müssen. Zentral ist die Sprache. Robert Steinbock hat die Erfahrung gemacht, dass das Risiko von Abbrüchen bei einer Vermittlung in Ausbildung hoch ist, wenn Geflüchtete die Deutschprüfung für die Stufe B2 noch nicht absolviert haben.

Ein Teil der Arbeit des IBA-Teams besteht darin, zwischen Berufswunsch und Realität zu vermitteln. „Die genauen Berufsbilder sind vielen noch nicht klar“, sagt er. Wenn ein Geflüchteter zuvor als Bäcker, Friseur oder Automechaniker in seinem Land gearbeitet hat, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen meist grundlegend. Bei einer hiesigen Bäckerausbildung beispielsweise trifft man auf eine Fülle an Brotsorten sowie das Fach Konditorei, beim Friseur gehört eine Schnitt- und Farbberatung zum Alltag. Um beurteilen zu können, ob sich jemand als Kfz-Mechatroniker-Azubi zurechtfinden würde, helfen dann auch schon mal Bilder von Spezialwerkzeugen. „Weitere Hürden sind die teils fest verwurzelten Rollenbilder, die nur langsam und mit viel Zuspruch aufgeweicht werden können“, sagt Steinbock. Zu ihnen gehöre die Vorstellung vieler Männer meist aus dem arabisch geprägten Raum, dass ihre Frauen nicht arbeiten gehen. Hinzu kommen Fragen der Kinderbetreuung und Mobilität im ländlichen Raum. Insofern ist Sprachförderung in der Elternzeit ein wichtiger Ansatzpunkt. „Gemeinsam mit Partnern beziehungsweise mit speziellen Coachingangeboten für Frauen mit Migrationshintergrund versuchen wir, den Prozess zu unterstützen“, sagt Steinbock. „Um Sprachförderung, Minijob oder später sozialversicherungspflichtige Beschäftigung anzugehen, muss die Kinderbetreuung sichergestellt sein, was in einigen Fällen besser gelingt als in anderen. Zudem sind die Bedarfsgemeinschaften mit mehr als zwei Kindern oft sehr groß, sodass es im Grunde neben ausreichend Kita-Plätzen dann auch um die Zeit in der Schule geht.“

Weiter unterstützt werden kann durch Probearbeit, die auch dazu dient, Kompetenzen zu eruieren, Praktika in Betrieben sowie Einstiegsqualifizierung über einen Zeitraum von einem halben bis ganzen Jahr vor einer dualen Ausbildung im künftigen Betrieb. Um Geringqualifizierten Perspektiven zu bieten, plant das Team beispielsweise im Bereich Lager/Logistik ein IHK-Zertifikat mit Abschluss Fachlagerist zu etablieren, das stufenweise in Modulform und parallel zur Arbeit erworben werden kann. Bei all diesen Unterstützungsformen betont Steinbock auch, dass sie nicht nur Geflüchteten, sondern allen Klienten offenstehen.

Seine Gesamtbilanz ist positiv: Nach seinem Eindruck zeigen die Betreuten nicht nur Zuverlässigkeit, sondern auch eine hohe Motivation. „Sie möchten unabhängig von Transferleistungen sein und der Gesellschaft etwas zurückgeben.“

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Erstellt:
2. November 2020, 18:28 Uhr

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