Arbeitstier im Formhoch

Jamie Leweling bringt seine Fähigkeiten beim VfB Stuttgart immer besser ein – und bewirbt sich um einen Vertrag über die Saison hinaus.

Von David Scheu

Stuttgart - Oft genügt eine einzige Aktion, um völlig neue Kräfte freizusetzen und das Selbstvertrauen in ungeahnte Höhen schießen zu lassen. Jamie Leweling hatte diesen einen Moment am Wochenende in der 64. Minute im Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund (1:0). Genau genommen waren es mehrere Momente für den Flügelstürmer des VfB Stuttgart – erst ein ganz langer Sprint über die rechte Seite, dann die Ballmitnahme nach vorne und schließlich ein ebenso präziser wie druckvoller Rückpass auf den Siegtorschützen Serhou Guirassy. Danach? War Leweling wie beflügelt, flitzte die Linie hoch und runter, gewann vorne Dribblings und hinten Zweikämpfe. Bis es irgendwann nicht mehr ging.

Begleitet von vehementen Dortmunder Zeitspielvorwürfen schleppte er sich vom Platz und schob im Anschluss die Erklärung hinterher: „Ich konnte wirklich nicht mehr, ich hatte Krämpfe in beiden Waden.“ 26 Zweikämpfe wies die Statistik für den Rechtsfuß aus, so viele wie bei keinem anderen Stuttgarter.

In einem Mix aus Erschöpfung und Glückseligkeit sprach Leweling dann gar vom „vielleicht besten Spiel meiner Karriere“. Ob es in seinen Jahren bei der Spvgg Greuther Fürth oder im Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Nürnberg wirklich keine vergleichbare Partie gab, sei dahingestellt. Bemerkenswert und mitentscheidend für den 1:0-Sieg war Lewelings Auftritt aber allemal, auch der Stuttgarter Sportdirektor Fabian Wohlgemuth bescheinigte dem 23-Jährigen eine „absolut überragende Leistung“.

Mit dieser machte Leweling auch Werbung in eigener Sache. Fußballprofis sind dazu ohnehin immer aufgerufen im wöchentlichen Konkurrenzkampf um Einsatzzeiten, beim rechten Außenspieler des VfB kommt aber noch eine zweite Komponente hinzu: Er ist lediglich ausgeliehen vom Ligakonkurrenten 1. FC Union Berlin – und will die Stuttgarter Verantwortlichen davon überzeugen, dass eine Festverpflichtung über den Sommer hinaus eine gute Idee wäre. „Ich fühle mich hier wohl, wir sind eine Topmannschaft. Auf und neben dem Platz. Da wieder weg zu wollen, ist natürlich keine Option.“ Sollte es anders kommen, akzeptiere er selbstverständlich auch das. Lewelings VfB-Präferenz ist aber klar, die Aussicht auf die Champions League macht das Ganze zudem nicht weniger reizvoll.

Nur: Am Spieler alleine liegt die Entscheidung über einen Verbleib natürlich nicht. Der VfB verfügt über eine Kaufoption in Höhe von rund fünf Millionen Euro – eine ordentliche Stange Geld, die dem Club in der Hinrunde wohl noch des Guten zu viel gewesen wäre. Denn ein Senkrechtstarter war Leweling in Stuttgart nicht. Er brauchte Anlaufzeit, agierte anfangs im Dribbling und Torabschluss oft unglücklich, zeigte ab und an technische Ungenauigkeiten. Seine torlose Hinrunde nagte zusätzlich an ihm.

Im Jahr 2024 aber ist der Knoten geplatzt. Drei Tore und vier Vorlagen in zwölf Spielen können sich mehr als sehen lassen, wobei eine wichtige Stärke da noch gar nicht miteingerechnet ist. „Ich bin ein Spieler, der die ganze Zeit weitermacht. Ich komme über das Kämpferische und Läuferische“, beschreibt sich Leweling selbst. Nie würde er nach einem Ballverlust vorne stehen bleiben, den Kopf hängen lassen, Launen zeigen. Keine unwichtigen Attribute in einer Mannschaft, die reich an Freigeistern und Technikern ist – und auch das eine oder andere Arbeitstier gut gebrauchen kann.

Defensiv fleißig und offensiv wuchtig – Sebastian Hoeneß schätzt das. In jedem Saisonspiel hat der VfB-Trainer Leweling bisher eingesetzt, diese lückenlose Bilanz weist im Kader sonst nur noch Chris Führich auf. Das ist auch deshalb eine Erwähnung wert, weil die Konkurrenz gerade auf Lewelings rechter Seite beträchtlich ist. Da sind zunächst Silas Katompa und Youngster Luca Raimund, die genau diese Flügelposition eins zu eins ausfüllen. In einem System mit Viererkette und leicht eingerückten Mittelfeldspielern bildet zudem Enzo Millot oft die erste Option für Hoeneß auf rechts.

Über das physische Profil Lewelings verfügt aber keiner von ihnen. Nicht die schlechtesten Argumente für den Austausch über die sportliche Zukunft, der jetzt konkreter werden soll. „Wir machen uns die ganze Saison über Gedanken und führen die ganze Saison über Gespräche“, sagt Wohlgemuth, um vielsagend nachzuschieben: „Nach der Leistung von Dortmund könnte es sein, dass wir noch mehr Gespräche führen.“ Jamie Leweling hat sein Bewerbungsschreiben dafür abgegeben.

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Erstellt:
8. April 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
9. April 2024, 21:59 Uhr

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