Klima der Aggression

Attacken auf Uniformierte nehmen zu

Bahnpersonal, Rettungskräfte und Polizisten leben gefährlich. Attacken auf Uniformträger und andere öffentlich Bedienstete häufen sich. Was sind die Gründe?

Nach Tod eines Zugbegleiters im Februar - die Attacken gegen Bahnpersonal nehmen zu.

© Boris Roessler/dpa

Nach Tod eines Zugbegleiters im Februar - die Attacken gegen Bahnpersonal nehmen zu.

Von Armin Käfer

Aktuelle Schlagzeilen illustrieren einen üblen Trend: Anfang Februar wurde ein Zugbegleiter in einem Regionalexpress nahe Kaiserslautern angegriffen und dabei lebensgefährlich verletzt. Er starb später an den Folgen des Übergriffs. Polizisten erleben täglich Hunderte von gewalttätigen Attacken. Selbst Rettungskräfte werden immer häufiger behelligt. Gefährdet sind auch Lehrer.

Was sagt die Statistik?

Laut der Bundespolizei wurden im vergangenen Jahr 2689 Gewaltdelikte gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn verzeichnet. Dabei kamen mehr als 3000 Bahnbedienstete zu Schaden. Verglichen mit dem letzten Jahr vor der Pandemie hat die Zahl der Übergriffe um 63,6 Prozent zugenommen, die der Opfer um 60,6 Prozent. Bei 43,3 Prozent dieser Delikte handelt es sich um Körperverletzungen. In 36,4 Prozent der Fälle geht es um Bedrohung.

Nach Auskunft der Bundesregierung haben sich knapp die Hälfte dieser Übergriffe in fahrenden oder abfahrbereiten Zügen ereignet. Dabei ist überwiegend der Nah- und Regionalverkehr betroffen. In Baden-Württemberg gab es vergangenes Jahr insgesamt 319 solcher Attacken, also fast täglich eine. In Relation zur Bevölkerungszahl ist der Südwesten eher unterdurchschnittlich häufig von jener Art der Kriminalität betroffen.

Nicht nur das Personal der Bahn sieht sich solchen Belästigungen ausgesetzt. „Gewalt an Beschäftigten des öffentlichen Dienstes ist ein wachsendes gesellschaftliches Problem“, teilt die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen mit. Zu den „Opfergruppen“ zählten unter anderem Lehrkräfte, Vollstreckungsbeamte, Polizisten und Rettungskräfte. Nach einem Forschungsbericht der Universität Speyer haben 23 Prozent der Menschen, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, „bereits Gewalterfahrung“. Unter Feuerwehrleuten, dem Wachpersonal in Gefängnissen und Parkplatzkontrolleuren sei es sogar jeder Dritte.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet für 2024 insgesamt 557 gewalttätige Attacken auf Lehrkräfte und 1283 Fälle von Körperverletzungen in diesem Umfeld. Die Zahl der Gewaltdelikte ist binnen zehn Jahren um mehr als 100 Prozent gestiegen, die der Körperverletzungen um knapp 80 Prozent. Im gleichen Jahr gab es unter Polizisten 106 875 Opfer gewalttätiger Übergriffe (35 Prozent mehr als 2018). Zudem kamen 1012 Feuerwehrleute zu Schaden, weil irgendwer sie vom Löschen abhalten wollte (knapp 14 Prozent mehr als 2018). Dazu kommen 2916 Gewaltopfer unter Rettungskräften (52,8 Prozent mehr als 2018).

Was ist über die Täter bekannt?

Die Attacken gegen Bahnpersonal wurden im vergangenen Jahr überwiegend von deutschen Staatsangehörigen begangen. Verglichen mit ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung sind Ausländer unter den Tatverdächtigen jedoch überrepräsentiert. Unter den Verdächtigen hatten beispielsweise 5,1 Prozent einen polnischen Pass. Der Anteil der Polen an der Bevölkerung in der Bundesrepublik liegt hingegen bei lediglich einem Prozent. Weitere Beispiele: Syrer waren unter den Tatverdächtigen solcher gewalttätiger Übergriffe viermal häufiger vertreten als ihr Bevölkerungsanteil in Deutschland eigentlich vermuten ließe. Bei Türken liegt der Bevölkerungsanteil unter zwei Prozent, der Anteil an den Tatverdächtigen beträgt hingegen genau 3,3 Prozent.

Bei Gewaltdelikten gegen Polizeibeamte sind 83 Prozent der Tatverdächtigen Männer. 75,8 Prozent waren schon vor dem jeweiligen Übergriff polizeibekannt, es handelt sich demnach überwiegend um Stammkundschaft der Polizei. 48,6 Prozent haben sich unter Alkoholeinfluss zu Gewalt hinreißen lassen. 34,9 Prozent der Tatverdächtigen hatten keinen deutschen Pass. Der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung liegt hingegen bei lediglich 13 Prozent.

Was ist zu tun?

Die Deutsche Bahn hat nach Auskunft der Bundesregierung 2024 begonnen, ihr Zugpersonal mit Bodycams auszustatten. Allerdings werden die Mitarbeiter dazu nicht verpflichtet, das Tragen einer Kamera ist freiwillig. Inzwischen liege die Ausstattungsquote bei 26 Prozent. Die Bahn gebe jährlich 200 Millionen Euro für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter aus. Das Sicherheitspersonal umfasste 2017 noch 4000 Bedienstete, 2022 waren es bereits 4300. Dazu kommen laut Regierung 6000 Bundespolizisten, die ausschließlich für die Bahn zuständig seien.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Was die zunehmende Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten betrifft, so deuten laut der Bundesregierung „kriminologische Erkenntnisse auf ein erhöhtes Risiko hin, wenn ein polarisiertes gesellschaftliches Klima herrscht“. Ein weiterer Erklärungsansatz sei die Zunahme von Personen in einer „prekären wirtschaftlichen Situation“. Die damit verbundene Unsicherheit könne zu einem „negativen Stress“ führen. Je mehr solcher Menschen in Städten unterwegs sind, „desto wahrscheinlicher werden auch Gewalttaten“.

Was über Gewaltdelikte gegen öffentlich Bedienstete statistisch erfasst wird, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer liegt nach Regierungsinformationen bei 70 Prozent.

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Erstellt:
17. Mai 2026, 17:22 Uhr

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