„Auch ich habe schon K.-o.-Tropfen im Getränk gehabt“

Die Stuttgarterin Jette Heim hat mit Freunden eine Internetseite gestartet, auf der Clubgängerinnen eintragen können, welche Erfahrungen sie in Clubs und Bars machen – und wie die Clubs auf die Beschwerden der weiblichen Gäste tatsächlich reagieren.

Die Stuttgarterin Jette Heim will das Nachtleben mit einer Internetseite, auf der Nachtschwärmerinnen ihre Erfahrungen schildern, sicherer machen. Die Stuttgarterin Jette Heim will das Nachtleben mit der Internetseite https://safesips.online sicherer machen.

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Die Stuttgarterin Jette Heim will das Nachtleben mit einer Internetseite, auf der Nachtschwärmerinnen ihre Erfahrungen schildern, sicherer machen. Die Stuttgarterin Jette Heim will das Nachtleben mit der Internetseite https://safesips.online sicherer machen.

Von Hilke Lorenz

Stuttgart - Die Stuttgarterin Jette Heim (21) bezeichnet sich und ihren Freundeskreis als „sehr aktive Ausgeher“ – mit entsprechenden, auch negativen Erfahrungen. Inzwischen studiert sie Politikwissenschaften in Amsterdam. Mit ihren Freunden baut sie gerade eine Internetseite für mehr Sicherheit in Clubs und Bars auf. Dort können Clubgängerinnen ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und K.-o.-Tropfen eintragen. Und auch, wie Clubbetreiber für die Sicherheit ihrer Gäste sorgen.

Frau Heim, warum diese Seite?

Wir wollen Druck ausüben, damit mehr für die Sicherheit getan wird. Wir wollen das Nachtleben sicherer machen. Je mehr Leute die Website nutzen, desto wirksamer wird sie. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln. Wenn man sich in eine unbekannte Stadt begibt, soll man da reinschauen können und eine Idee bekommen, wie sicher die Bars dort sind. Wobei klar ist: Man kann nie sicher sein, dass nichts passiert.

Wer ist wir?

Ich habe das Projekt initiiert. Mittlerweile sind wir eine Gruppe von Studierenden, die Spaß und Zeit haben, sich daran zu beteiligen. Ich habe Freunde, die studieren Marketing, andere IT. Zusammen wollen wir das jetzt aufziehen. Wenn wir genügend Reichweite haben, wollen wir versuchen, mit Clubs und Bars zu kooperieren. Es gibt ja mittlerweile Deckel für Gläser, damit niemand etwas ins Glas schüttet. Vielleicht können wir ja die Brücke zwischen den Clubs und den Produzenten herstellen und solche Positiv-Beispiele dann auf unserer Website vermerken.

Seit wann sind Sie online?

Seit der Woche vor Ostern. Wir haben aber jetzt schon über 800 Leute, die unsere Website besucht haben. Wir bekommen viel positives Feedback. An Ostern haben wir in Stuttgart QR-Codes verteilt und in Clubs und Bars mit Leuten geredet. Ich habe das Gefühl, es kommt sehr gut an. Wir müssen jetzt an weitere Leute rankommen, die die Seite weiter mit Daten befüllen.

Was hat den Ausschlag gegeben, diese Seite zu starten?

Tatsächlich hatte ich selber K.-o.-Tropfen im Getränk, als ich im Jahr 2021 in Rom per Interrail unterwegs war. Mir fehlen neun Stunden Erinnerung. Zum Glück war meine Cousine dabei, die mich sehr gut kennt. Meine Cousine hat dann die Polizei und einen Krankenwagen alarmiert. Die Ärztin hat mir gesagt, dass die Drogen unterschiedlich sind. Man kann nicht nur bewusstlos werden, sondern auch aggressiv. Aber die Erinnerung daran fehlt mir völlig. Diese Erfahrung hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe dann begonnen, mich mit der Thematik zu beschäftigen. Ich habe lange gehadert, aber dann dachte ich mir: Wenn wir was Gutes hinkriegen, können wir vielleicht etwas verbessern.

Und wahrscheinlich haben Sie ja auch angefangen, mit anderen über Ihr Erlebnis zu reden.

Unglaublich. Das hat mich so schockiert, dass in meinem Freundeskreis drei von fünf Mädchen schon K.-o.-Tropfen-Erlebnisse gehabt hatten. Und die Dunkelziffer ist enorm hoch, es gibt kaum Statistiken. Aber sobald man mit Leuten spricht, hört man ähnliche Geschichten.

Es geht auf Ihrer Website aber nicht nur um K.-o.-Tropfen.

Es geht um sexuelle Übergriffe und Spiking Drugging, also den Einsatz von Drogen wie K.-o.-Tropfen. Es läuft eigentlich auf das gleiche Ziel hinaus. Bei dem einen ist man sich bewusst, dass man gerade falsch angefasst wurde oder jemand sich falsch angenähert hat. Beim anderen weiß man es nicht, aber es geschieht. Aber am Ende ist beides ein Angriff auf die persönliche Sicherheit. Ein Clubbesitzer kann nichts dafür, wenn so etwas passiert. Aber er kann etwas dafür, wie er damit umgeht. Abwimmeln und sagen „selbst verschuldet“ oder Wegschauen geht gar nicht. Darum geht es uns.

Sie bewerten nicht nur Clubs in Stuttgart?

Nein, die Amsterdamer Uni, an der ich studiere, ist sehr international. So wie unser persönliches Netzwerk. Wir haben jetzt erst einmal alle Freundesgruppen per Instagram informiert, die Informationen zu teilen. Aber mit momentan 550 Besuchern ist Deutschland mit Abstand unser stärkstes Land. Danach kommen die Niederlande. Dann Spanien, die USA. Aber das liegt an unserem Netzwerk, das war nicht so geplant.

Wo waren und sind Sie selbst eigentlich in Stuttgart unterwegs?

Wir gehen sehr gerne in die Lange Theke. Das Lehmann ist für uns eine Anlaufstelle. Und auch die Schankstelle.

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Erstellt:
11. April 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
12. April 2024, 22:00 Uhr

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