Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Auf der Spur von Alt-Backnang

Sie haben sich eine aufwendige Arbeit vorgenommen. Heiner Kirschmer und Daniel Waack recherchieren für ein Backnanger Häuser-Lexikon mit Informationen zur Bau- und Besitzgeschichte der Gebäude in der Innenstadt.

Daniel Waack und Heiner Kirschmer haben sich dem Projekt „Häuser-Lexikon“ verschrieben. In alten Karten und anderen Quellen forschen sie nach, welche Gebäude es in Backnang gegeben hat, wann sie errichtet wurden, wie sie sich verändert haben, wer im Lauf der Zeit darin gewohnt hat und wie die Bauten jeweils genutzt wurden. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Daniel Waack und Heiner Kirschmer haben sich dem Projekt „Häuser-Lexikon“ verschrieben. In alten Karten und anderen Quellen forschen sie nach, welche Gebäude es in Backnang gegeben hat, wann sie errichtet wurden, wie sie sich verändert haben, wer im Lauf der Zeit darin gewohnt hat und wie die Bauten jeweils genutzt wurden. Foto: A. Becher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Die Idee ist nicht neu. Bereits Anfang der 2000er-Jahre hat sich der Architekt und Bauhistoriker Johannes Gromer aus Oppenweiler mit Gedanken zu einem Backnanger Häuserbuch beschäftigt. Robert Gommringer begann 2002 mit Auswertungen von Kaufbüchern aus dem Backnanger Stadtkataster. Das Projekt scheiterte jedoch an fehlenden Mitstreitern und finanziellen Mitteln, weiß Heiner Kirschmer. In verschiedenen anderen Städten, etwa in Schwäbisch Hall, gibt es bereits ein Häuser-Lexikon.

Heiner Kirschmer bezeichnet sich als „leidenschaftlicher Backnanger“. Von 1990 bis 2016 war er Leiter der Heimatabteilung beim Backnanger Heimat- und Kunstverein. Die Stadtchronik für das jährlich erscheinende Backnanger Jahrbuch, das im Auftrag der Stadt und in Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Kunstverein herausgegeben wird, führte er von 2004 bis 2019 weiter. Im Jahr 2016 hat er im Helferhaus eine Ausstellung mit dem Titel „Backnanger Häuserbuch“ zusammengestellt, mit einem Querschnitt ausgewählter Gebäude mit geschichtlichen Informationen, Bauplänen und Fotos. Schon lange hat sich der Bauingenieur im Ruhestand vorgenommen, das Projekt „Häuser-Lexikon“ fortzuführen.

Mit Daniel Waack hat Kirschmer einen jungen, engagierten Mitstreiter gefunden. Der 34-jährige Zahnarzt beschäftigt sich schon seit seiner Jugend mit der Backnanger Geschichte. Angefangen hat es eigentlich mit dem Hobby des Briefmarkensammelns.

Immer mehr interessierten ihn jedoch die alten Ansichtskarten, auf die er in diesem Zusammenhang stieß. Das Datum auf dem Poststempel weicht oft erheblich vom Zeitpunkt der Aufnahme ab. Sein Forschergeist war geweckt, und er ging Fragen nach wie: Wann wurde das Foto aufgenommen? An welchen Häusern oder Geschäften lässt sich die Entstehungszeit festmachen? Bei seinen Recherchen stellte er fest, dass eine systematische Auflistung der Häuser, deren Geschichte und Wandel an Besitzern und Nutzung fehlt. Als sich Heiner Kirschmer und Daniel Waack kennenlernten, entdeckten sie, dass ihre Interessen in die gleiche Richtung gehen. Sie beschlossen, ihre Kapazitäten zu bündeln.

Nun durchsuchen sie systematisch verschiedene Quellen wie Einwohnerbücher, Grundbücher oder Feuerversicherungsakten. Seit 1832 gab es eine Pflicht für Hausbesitzer zur Feuerversicherung. In den Unterlagen sind die Gebäude mit Scheunen und sogar Schweineställen vollständig beschrieben und deren Besitzer oder Mieter aufgelistet. Das Häuser-Lexikon könne auch für die Genealogie nützlich sein, unterstreicht Waack.

Die beiden durchforsten frühere Arbeiten. So veröffentlichte etwa Gemeinderat Gustav Hildt in den Blättern des Murrgauer Altertumsvereins, einem der Vorläufer des Heimat- und Kunstvereins, in den Jahren 1908 bis 1912 Beiträge über „Backnanger alte Häuser und ihre Bewohner“. Bauakten finden sich unter anderem im Ludwigsburger Staatsarchiv, oder es wird das Archäologische Stadtkataster Backnang zurate gezogen.

Im Backnanger Häuser-Lexikon soll später alphabetisch nach den heutigen Straßen und Hausnummern vorgegangen werden. Die Recherche birgt Schwierigkeiten, denn bis 1890 waren die Häuser in Backnang lediglich durchnummeriert. Die Straßennamen, die dann entstanden, haben sich im Laufe der Zeit oft mehrfach verändert. So hieß etwa ein Teil der Schillerstraße einst Schmiedgasse, weil hier viele Schmiede ansässig waren.

In den Quellen tauchen längst ausgestorbene Berufe auf.

Bei der Frage nach den Bewohnern und der Nutzung der Häuser stoßen die beiden Heimatforscher immer wieder auf Berufe, die heute längst ausgestorben sind, wie etwa den Feldscher, der für Aderlass, Schröpfen und Wundbehandlung zuständig war. Das Häuser-Lexikon wird auch ergänzt durch alte Zeitungsanzeigen aus dem Murrtal-Boten, dem Vorläufer der Backnanger Kreiszeitung. So inserierte etwa der Wundarzt Gix, der sich 1880 in Backnang niederließ, dass seine Spezialität die Heilung von Hühneraugen, Warzen und „Ballgeschwulsten“ sei. Gleichzeitig betrieb er ein „Rasier- und Haarschneide-Cabinet“ und bot das „Zahnausziehen“ an. Hier wird es natürlich für den Zahnarzt Daniel Waack, der seit 2015 in Sulzbach an der Murr eine eigene Praxis betreibt, besonders interessant. Er weiß, dass Dentisten früher nur gelegentlich in Gasthöfen logierten und ihre Behandlung anboten. Wie 1886 ein Zahnarzt im Gasthaus Hirsch, der auch das Plombieren anpries. Für das Zahnziehen oder auch „Zahnbrechen“ waren ansonsten Friseure, Wundärzte oder Bader zuständig.

Das Häuser-Lexikon soll ein vielseitiges Nachschlagwerk werden, das durch Fotos, Bau- und Lagepläne und Zusatzinformationen ergänzt wird. Die beiden Hobbyhistoriker wissen, welche Sisyphusarbeit sie sich zur Aufgabe gemacht haben. Immer wieder kommen neue Erkenntnisse dazu. „Es wird wohl nie ganz fertig werden“, sagt Heiner Kirschmer. Und Daniel Waack fügt hinzu: „Mir macht es Spaß, und irgendjemand muss es ja machen.“

Es ist angedacht, das Recherchierte zu gegebener Zeit ins Internet zu stellen und kontinuierlich zu ergänzen. Backnanger, die Informationen zu bestimmten Häusern in der Innenstadt haben, können gerne mithelfen und unter der Adresse www.kirschmer-backnang.de Kontakt aufnehmen.

Zum Artikel

Erstellt:
15. September 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!
Das Gebäude ist völlig ausgebrannt. Fotos: A- Becher
Top

Stadt & Kreis

Großbrand in der Innenstadt

Gebäude an der Eduard-Breuninger-Straße brennt völlig nieder. Der Sachschaden beläuft sich auf 400.000 Euro. Feuerwehr war mit 22 Fahrzeugen und 92 Wehrleuten im Einsatz