Aus dem Kirchenschiff wird ein Wohnhaus

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Das Totenkirchle mit Friedhof und die letzten Backnanger Störche. Weil der Schornstein des ehemaligen Ziegeleianwesens wieder rauchte, bekamen die heimatlos gewordenen Tiere eine neue Nistgelegenheit.

Postkarte mit dem Totenkirchle, der Friedhofsmauer und dem Storchennest um 1915. Repros: P. Wolf

Postkarte mit dem Totenkirchle, der Friedhofsmauer und dem Storchennest um 1915. Repros: P. Wolf

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Das Totenkirchle an der Sulzbacher Straße gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt. Am 22. Juli 1452 wurde außerhalb der Stadtmauer die „Kirche unserer lieben Frau im Eckertsbach“ geweiht, informiert das Backnang-Lexikon. Die Marienkirche bekam später im Volksmund den Namen „Totenkirchle“, weil sich bei ihr bis 1841 der erste außerstädtische Friedhof befand. Der älteste Backnanger Friedhof ist im Bereich der späteren Stiftskirche (Freithof) belegt. Nach Einrichtung des Augustiner-Chorherrenstifts im frühen 12. Jahrhundert wurde er an die neu erbaute Michaelskirche verlegt (heute Markgrafenhof zwischen Stadtturm und Helferhaus). Nachdem die Begräbnisstätte im 15. Jahrhundert zu klein geworden war, musste man auf einen Bestattungsplatz außerhalb der Stadtmauer ausweichen.

1837 verkaufte die Stadt das Totenkirchle an einen Gerber.

Die Gegebenheiten im Jahr 1685 kann man auf einem Gemälde von Andreas Kieser, der ältesten Stadtansicht von Backnang, sehen. Jenseits der Sulzbacher Brücke gab es außer dem Totenkirchle nur drei Gebäude – ein Haus an der Sulzbacher Brücke und zwei an der Kirche. Über das Totenkirchle zu jener Zeit fügt das Backnang-Lexikon an: „Es lässt sich erkennen, dass sich über dem Kirchenschiff ein Dachreiter erhob. Auch nach der Reformation wurde die Kirche noch genutzt. Nach dem Stadtbrand von 1693 diente sie wieder regelmäßig für Gottesdienste, da die anderen Kirchen in der Stadt ausgebrannt waren.“

Meist führten die Trauerzüge zum Friedhof die Untere Marktstraße entlang, die sich vom Marktplatz bis zur Sulzbacher Brücke erstreckte. Das brachte diesem Teil der Marktstraße im Volksmund den Namen „Totengäßle“ ein.Die Bevölkerung von Backnang wuchs weiter, und die Bebauung breitete sich zunehmend in die Bereiche außerhalb der Stadtmauer aus. Im 19. Jahrhundert war der Friedhof durch die Sulzbacher Straße und die inzwischen entstandenen Häuser begrenzt, sodass keine Erweiterung mehr möglich war. Im Jahr 1837 verkaufte die Stadt das Totenkirchle an den Gerber Matthias Breuninger, der unter Verwendung der alten Mauern in das Kirchenschiff ein Wohnhaus einbaute. Den Chor nutzte er als Lederlager. Ab 1905 fanden dort wieder sporadisch Bibelstunden und Gottesdienste statt. 1841 verlegte man den Friedhof an seinen neuen Standort südlich der Stadt (heute: Stadtfriedhof).

Auf dem Dach befindet sich ein Storchennest.

Eine Postkarte zeigt die „Sulzbachervorstadt“ um 1915 mit dem Chor des Totenkirchles und der teilweise noch bestehenden Friedhofsmauer. Auf dem Dach erhebt sich eine Konstruktion mit einem Storchennest. Was es damit auf sich hat, schreibt Helmut Bomm in seinem Büchlein „Was Straßenschilder erzählen“ von 1987. Er zitiert darin einen Vortrag, den der ehemalige Rektor und Heimatkundler Friedrich Funk im Jahr 1929 gehalten hat. Funk berichtete darin vom Arnold’schen Ziegeleianwesen im Zwischenäckerle, das 1899 niederbrannte. Auf einem hohen, stehen gebliebenen Kamin hatte sich ein Storchenpaar ein Nest eingerichtet. Als der Schornstein jedoch 1901 von einer Holzspielwarenfabrik wieder in Betrieb genommen wurde, fanden die Störche bei ihrer Rückkehr im Frühjahr einen rauchenden Schlot vor und zogen suchend weite Kreise über die Stadt. Waldhornwirt Feucht nahm sich der heimatlosen Tiere an und sorgte auf dem Totenkirchle für eine geeignete Nistgelegenheit, welche die Störche sofort annahmen. Mehrere Jahre lang sei das Storchennest „ein Schmuck des Kirchleins“ gewesen. Bis einer der Störche verunglückte und das Nest nicht mehr besetzt wurde. Bomm zitiert aus dem Vortrag von 1929: „Wenn die Spaßmacher das Ausbleiben der Störche mit dem im vergangenen Winter vorgenommenen hochprozentigen Aufschlag der Hebammen in Verbindung bringen wollten und meinten, die Störche haben wegen Unrentabilität ihres Absatzes Backnang von da ab gemieden, so hatten sie stets die Lacher auf ihrer Seite.“ Der Storch wurde übrigens ausgestopft und konnte noch lange Zeit im Nebenzimmer der Waldhornwirtschaft betrachtet werden. Später kam er in die Lehrmittelsammlung der Backnanger Volksschule, heißt es in dem Vortrag.

Das angebaute Haus kaufte im Jahr 1925 der Arzt Alfred Bosler.

Das angebaute Haus kaufte 1925 der Arzt Alfred Bosler und richtete ein Jahr später eine Praxis darin ein. Diese wurde im Jahr 1955 von seinem Sohn Volker Bosler übernommen. In den 1950er-Jahren ist ein Foto entstanden, das dieses Gebäude zeigt, das 1956/57 abgerissen wurde. Man ersetzte es durch einen Neubau, in dem sich heute die BrückenApotheke befindet.

Der Chor des Totenkirchles wurde in den Jahren 1987/88 grundlegend renoviert und mit einer neuen Einrichtung und Orgel versehen. Im Inneren der Kirche befindet sich ein schönes Rippengewölbe. Bemerkenswert ist außerdem das Maßwerk der Fenster, heißt es im Backnang-Lexikon. In jüngster Zeit wurden im Totenkirchle einmal im Monat Spätgottesdienste der evangelischen Stiftskirchengemeinde und wöchentlich ein Taizé-Gebet der Gesamtkirchengemeinde gehalten, was derzeit wegen Corona im Totenkirchle nicht stattfinden kann.

Das angebaute Wohnhaus mit Praxis des Arztes Alfred Bosler in den 1950er-Jahren.

Das angebaute Wohnhaus mit Praxis des Arztes Alfred Bosler in den 1950er-Jahren.

Das Bild mit den Störchen ist in den 1910er-Jahren entstanden.

Das Bild mit den Störchen ist in den 1910er-Jahren entstanden.

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Erstellt:
1. September 2020, 06:00 Uhr

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