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Aus einem Tiefschlag das Beste gemacht

Tanzlehrerin Heidrun Rebsch denkt mit 65 Jahren noch nicht ans Aufhören – Vor vier Jahren hat sie sich selbstständig gemacht

In einem Alter, in dem sich andere bereits auf der Zielgeraden in Richtung Ruhestand befinden, hat Heidrun Rebsch noch einmal neu angefangen. Nach dem Aus bei der Tanzschule Seidel hat sich die beliebte Backnanger Tanzlehrerin selbstständig gemacht und unterrichtet unter anderem beim Tanzsportzentrum Weissacher Tal. Sie ist jeden Abend in Sachen Tanz unterwegs.

Heidrun Rebsch – hier mit Thomas Kienzle – ist jeden Abend in Sachen Tanz unterwegs. Mit 60 hat sie sich selbstständig gemacht. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Heidrun Rebsch – hier mit Thomas Kienzle – ist jeden Abend in Sachen Tanz unterwegs. Mit 60 hat sie sich selbstständig gemacht. Foto: T. Sellmaier

Von Annette Hohnerlein

BACKNANG/WEISSACH IM TAL. „Vor, vor, seit, an, rück“, gibt Heidrun Rebsch die Schrittfolge des Quickstepps vor. Die gertenschlanke Tanzlehrerin mit der markanten sportlichen Kurzhaarfrisur schaut ihren Schülern zu, sechs Paare, die sich gekonnt im Takt der Musik durch das Foyer der Gemeindehalle in Unterweissach bewegen. Es sind keineswegs Anfänger, das sieht man auf den ersten Blick. Alle waren schon Schüler von Heidrun Rebsch, als sie noch in ihrer eigenen Tanzschule in Backnang unterrichtete. Und alle sind mitgekommen, als sie vor vier Jahren zum Tanzsportzentrum Weissacher Tal gewechselt ist. Als ein langsamer Walzer läuft, dreht der Vorsitzende des Vereins, Thomas Kienzle, mit ihr eine Runde auf dem Parkett.

Im Grunde konnte Heidrun Rebsch gar nichts anderes werden als Tanzlehrerin. Schon als Heranwachsende war sie vertraut mit Walzer, Foxtrott, Cha-Cha-Cha und Co. Ihre Mutter hatte ihr Hobby zum Beruf gemacht und sich nach ihrer Scheidung mit Tanzunterricht eine Existenz aufgebaut. Zunächst im Wohnhaus der Familie in Hohnweiler und später in Turnhallen und Nebenräumen von Gaststätten. Immer dabei: die kleine Heidrun.

Von Backnang in den Schwarzwald und weiter nach Hamburg

„Wir sind viel rumgetingelt“, erinnert sie sich. Nach ihrer Schulzeit in Backnang ließ sie sich im Schwarzwald zur ADTV-Tanzlehrerin ausbilden und unterrichtete danach drei Jahre in einer Tanzschule in Hamburg. 1976 kam sie zurück nach Backnang, um ihrer Mutter zur Seite zu stehen. Denn diese hatte einen mutigen Schritt gewagt und eine eigene Tanzschule in der Öhringer Straße 7 in Backnang gebaut, mit einer Wohnung für sich und ihre drei Kinder.

„Und dann habe ich einen Mann kennengelernt“, erzählt Heidrun Rebsch. Nach der Heirat zog sie mit ihm 1983 nach Kirchheim unter Teck und eröffnete dort eine eigene Tanzschule. 1988 war die Beziehung zu Ende, Rebsch kam mit ihren beiden Kindern zurück nach Backnang. Dort betrieb sie viele Jahre lang die Tanzschule zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Winfried. Ihr anderer Bruder Dieter richtete im Untergeschoss des Gebäudes ein Fitnessstudio ein.

2014 verkaufte Winfried Rebsch als Inhaber der Schule den Betrieb überraschend an Christian Seidel. Dieser versprach, Heidrun Rebsch bis zu ihrem Ruhestand weiter zu beschäftigen. Aber nach anderthalb Jahren folgte ein Tiefschlag für die beliebte Tanzlehrerin: Sie wurde entlassen, mit 60 Jahren. „Die Kündigung hat mich aus den Socken gehauen“, erinnert sie sich. Als sie nach dem Grund fragte, bekam sie zu hören, sie sei zu alt. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen und nutzte den Schicksalsschlag für einen Neuanfang. „Am 1.10.2015 habe ich mich arbeitslos gemeldet. Am 2.10. war ich selbstständig“, berichtet Rebsch. Das Tanzsportzentrum Weissacher Tal hatte ihr ein Angebot gemacht, das sie heute als Glücksfall bezeichnet. Sie bekam die Aufgabe, den Breitensport des Vereins auszubauen.

Ihr Sohn, der wie sie noch heute im Gebäude ihrer ehemaligen Wirkungsstätte in der Öhringer Straße wohnt, fand sie eines Tages in Tränen aufgelöst am Telefon sitzen. Vor ihr lag eine Liste mit Namen, die immer länger wurde. Reihenweise meldeten sich Schüler, die ihr nach Weissach folgen wollten.

Über 60 Paare waren es schließlich, die Heidrun Rebsch die Treue hielten; manche von ihnen hatten schon seit 40 Jahren ihren Unterricht besucht. „Das ist ein wahnsinniger Vertrauens- und Liebesbeweis, dass die alle mitgegangen sind“, sagt die Tanzlehrerin gerührt.

Inzwischen hat die Tanzschule Seidel den Standort Backnang geschlossen. Wie es mit den Räumen weitergeht, ist noch offen, die Verhandlungen mit verschiedenen Interessenten laufen noch.

Heute unterrichtet Heidrun Rebsch an fünf Abenden in der Woche an verschiedenen Standorten für den Weissacher Verein. Daneben gibt sie Schülerkurse in Backnang und Murrhardt und leitet vier Linedancegruppen. Und sie unterrichtet samstags wieder in ihrer alten Tanzschule, und zwar im ehemaligen Fitnessstudio im Untergeschoss. Bleibt da überhaupt noch ein Abend, an dem sie frei hat? „Ja, am Donnerstag ab 19 Uhr“, verrät Rebsch, „da gehe ich zum Singen.“

Heute ist sie mit sich im Reinen und sagt: „Die Selbstständigkeit ist das Beste, was mir passiert ist. Die Zusammenarbeit mit dem TSZW funktioniert hervorragend.“ Eine neue und sehr angenehme Erfahrung sei es, eine Organisation im Hintergrund zu haben, die ihr die Verwaltungsarbeit abnimmt, sodass sie sich auf das konzentrieren kann, was ihr Lebensinhalt ist: das Unterrichten. „Ich empfinde das nicht als Arbeit“, sagt Rebsch, „sondern ich frage mich eher: Wer besucht mich heute?“

Ende November feiert Heidrun Rebsch ihren 65. Geburtstag. Und denkt gar nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. „Ich hoffe, dass es meine Gesundheit zulässt, dass ich das noch lange weitermachen kann“. Genau das ist sicher auch der Wunsch ihrer vielen zufriedenen Schüler.

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Erstellt:
26. November 2019, 16:00 Uhr

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