Ausbau des freien WLAN stockt weiter

Die Idee, den Backnanger Bahnhof mit einem für die Nutzer kostenlosen Internetzugang zu versehen, wurde noch unter Frank Nopper als Oberbürgermeister auf Eis gelegt. Für die Mitglieder der Freifunk-Initiative ist das Thema aber längst nicht vom Tisch.

Timo Haible (links) und Konrad Panzlaff – hier beim Aufbau eines freien WLAN-Zugangspunkts zum Backnanger Straßenfest – engagieren sich in der Freifunk-Initiative und würden auch gerne das Areal am Bahnhof Backnang entsprechend aufrüsten. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Timo Haible (links) und Konrad Panzlaff – hier beim Aufbau eines freien WLAN-Zugangspunkts zum Backnanger Straßenfest – engagieren sich in der Freifunk-Initiative und würden auch gerne das Areal am Bahnhof Backnang entsprechend aufrüsten. Foto: J. Fiedler

Von Bernhard Romanowski

Backnang. Fast zweieinhalb Jahre ist es her, dass sich die Kommunalpolitik mit dem Thema Freies WLAN in Backnang befasst hat. Damals ging es um die Frage, ob auch am Backnanger Bahnhof ein freier Zugang zum weltweiten Datennetz geschaffen werden soll, wie es bereits rund um das Rathaus am Marktplatz und im Bereich Im Biegel der Fall ist. Eine klare Entscheidung dazu gab es seither nicht. Getan hat sich internettechnisch also noch nichts am Bahnhof. Aber das ist kein Problem, wenn man Reiner Gauger glauben darf.

Als Wirtschaftsförderer– und zwischenzeitlicher Pressesprecher – der Stadt gibt er auf Nachfrage zu verstehen: „Es ist letztlich eine politische Entscheidung. Aber ich persönlich halte es für unnötig.“ In Backnang werde das freie WLAN bereits seit rund zehn Jahren durch die Stadt an den beiden benannten Punkten angeboten. Für die Anbieter handle es sich aber um ein auslaufendes Produkt. Längst sei überall im Stadtgebiet das 4-G-Netz Standard. 5G sei gerade im Ausbau. Da brauche es solche kleinteiligen Lösungen nicht mehr, so Gauger weiter.

Allenfalls mit Blick auf den sozialen Aspekt sei ein von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellter WLAN-Zugang noch sinnvoll, also für Leute, die sich eine Flatrate für ihr Smartphone nicht leisten können oder die ihr Datenvolumen schonen wollen. Da aber die deutliche Mehrheit auch der Bahnnutzer über eine entsprechende Flatrate verfüge, bestehe heute kein Bedarf mehr für freies WLAN. Zumal die Kosten auch nicht vergessen werden dürften, wie Gauger betont. Jährlich koste das die Stadt rund 7000 Euro.

Abgerechnet werde mit der Anbieterfirma Unitymedia, die dem Konzern Vodafone angehört. Würde man das auf die ganze Stadt ausweiten, wären 100000 Euro an Kosten schnell überschritten. Auch zum generellen Zugriff auf das freie WLAN hat Gauger Zahlen parat. 2020 seien es im Durchschnitt 90 Logins, also Anmeldungen, pro Tag gewesen. „Davon waren aber rund 20 Prozent quasi Wiederholungstäter. So dürften es täglich 50 bis 60 Nutzer gewesen sein, von denen wir hier reden“, schränkt Gauger ein. Freilich komme es hier auch auf die Tageszeit und den Monat an. Beim Straßenfest etwa seien es auch schon über 1000 Nutzer gewesen. „Die Wirtschaft braucht es nicht“, ist sich Gauger sicher, der aber auch einräumt, dass Oberbürgermeister Maximilian Friedrich, der zurzeit im Urlaub weilt, das ganz anders sehen dürfte. Friedrich gilt als ausgewiesener Freund ehrenamtlichen Engagements. Und ein solches besteht auch in Sachen freies WLAN.

Die Freifunk-Initiative hat bereits mehrfach angeboten, das notwendige Netz am Bahnhof einzurichten und sich dann auch weiter darum zu kümmern. Das Go dafür hat ihnen bislang niemand erteilt. Warum nicht? Das wissen Timo Haible und Konrad Panzlaff auch nicht, wie sie kopfschüttelnd bekennen. „Es wird immer gesagt, man braucht das nicht“, berichten die beiden Freifunker, doch ihre Meinung dazu ist: „Das eine schließt das andere ja nicht aus.“ Flächendeckendes 4-G-Netz und freies WLAN an bestimmten Stellen seien komplementär sinnvoll, ergänzen sich also. „Oder warum bieten Restaurants und Baumärkte das an, wenn niemand es gebrauchen kann“, fragen sie rhetorisch. Eine üppige Flatrate, also mit ausreichend Datenvolumen, um im Internet zu agieren, könne sich aber vielleicht nicht jeder leisten. Panzlaff, der als Elektroingenieur bei Tesat in Backnang arbeitet, verweist auf die Stadt Esslingen. Dort kooperiert die Stadtverwaltung mit der Freifunk-Initiative aus Stuttgart. Panzlaff: „Und das funktioniert gut.“ Auf ebensolche Weise und mit einem geringeren städtischen Betrag für die Kosten als für eine Firma ließe sich das auch am Backnanger Bahnhof realisieren, meinen die Backnanger Freifunker.

Das mitunter geäußerte Gegenargument, dass dann bei einem Wegzug oder einem sonst wie bedingten Ausscheiden der verantwortlichen Ehrenamtler womöglich das Angebot nicht mehr aufrechterhalten bleibt, können Haible und Panzlaff grundsätzlich erst einmal nachvollziehen. Nur: „Deshalb empfehlen wir der Stadt ja, einen Vertrag mit Freifunk Stuttgart abzuschließen. Das ist ein großes Netzwerk an Leuten und sehr verlässlich. Die Backnanger Freifunk-Initiative hat in der Vergangenheit schon während des Straßenfests lokal begrenztes WLAN installiert (wir berichteten).

Auf Nachfrage der Stadt wurde seinerzeit auch ein Isoliergebäude einer Flüchtlingsunterkunft mit WLAN von den Freifunkern versorgt. „Und zwar innerhalb kürzester Zeit. Gisela Blumer vom Backnanger Ordnungsamt weiß genau, was mit uns geht und wie verlässlich wir sind“, so Panzlaff und Haible. Bislang habe es jedenfalls „kein valides Argument dagegen“ gegeben, betonen die beiden. Dass die Entscheidung 2019 über freies WLAN am Backnanger Bahnhof im Gemeinderat vertagt wurde, sei einem Taschenspielertrick des damaligen Oberbürgermeisters Frank Nopper geschuldet. Nopper hatte auf einen Zeitungsartikel verwiesen, in dem von Problemen am Ludwigsburger Bahnhof die Rede war, wo es durch das freie WLAN zur Bildung eines sozialen Brennpunkts gekommen sein soll. Allerdings entpuppte sich der Artikel dann als veraltet, das Problem war längst aus der Welt geschaffen, wie auch eine BKZ-Recherche damals ergab.

Die Backnanger Mitglieder der Freifunk-Initiative nahmen später auch Kontakt zu einigen der Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl auf, um mit ihnen das Thema zu besprechen, so auch mit Maximilian Friedrich. Er soll sich für das Thema freies WLAN sehr offen gezeigt haben. Bislang sei aber noch niemand auf sie zugekommen.

Auch mit den Jugendvertretern in Backnang haben sie gesprochen. „Die haben das auch auf der Agenda. Demnach ist freies WLAN hinter der Skateranlage bei ihnen ein Thema“, berichten Panzlaff und Haible. Auch das Freibad sei seit Jahren im Gespräch dafür.

„Es ist letztlich eine
politische Entscheidung. Aber ich persönlich halte
es für unnötig.“ Wirtschaftsförderer Reiner Gauger zum Thema freies WLAN am Bahnhof Backnang Die Backnanger Freifunker nahmen auch Kontakt mit einigen OB-Kandidaten auf.

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Erstellt:
23. August 2021, 06:00 Uhr

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