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Außenspiegel trifft Ellenbogen

Radfahrer haben in Backnang einen schweren Stand – Heute präsentiert die Verwaltung ihr neues Radinfrastrukturkonzept

Um Fahrradfahrer haben sich die Verkehrsplaner in Backnang jahrzehntelang kaum gekümmert. Das soll sich ändern: Heute präsentiert die Verwaltung im Gemeinderat erstmals ein umfassendes Radinfrastrukturkonzept. Höchste Zeit, sagen diejenigen, die regelmäßig mit dem Rad in der Stadt unterwegs sind.

Julian Muhl kämpft sich mit dem Fahrrad durch den dichten Berufsverkehr. Weil es in Backnang zu wenige Radwege gibt, kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Autofahrern und Radlern.Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Julian Muhl kämpft sich mit dem Fahrrad durch den dichten Berufsverkehr. Weil es in Backnang zu wenige Radwege gibt, kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Autofahrern und Radlern.Foto: T. Sellmaier

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Julian Muhl fährt gerne und oft mit dem Fahrrad. Seit seinem Umzug von Leutenbach vor einem Jahr ist er fast täglich in Backnang unterwegs. Früher ist er viel in Winnenden gefahren, wo er zur Schule gegangen ist, und auch in Waiblingen kennt er sich aus, denn dort jobbt er neben seinem Studium bei Stihl. Der 25-Jährige hat also den Vergleich und er sagt: „In Backnang nehmen die Autofahrer weniger Rücksicht auf Radfahrer als in anderen Städten.“

Der Student kann seine These mit Beispielen belegen. „In Kreisverkehren werde ich regelmäßig von Autofahrern geschnitten. Ich weiß gar nicht, wie oft ich da schon eine Vollbremsung hingelegt habe.“ In der Gartenstraße würden ihn Autofahrer zunächst überholen, um dann vor der nächsten Verkehrsinsel abrupt abzubremsen oder um – häufig ohne zu blinken – auf einen der Supermarkt-Parkplätze abzubiegen. Und auch mit den 1,50 Meter Abstand, die ein Autofahrer beim Überholen eines Fahrrads eigentlich einhalten sollte, nehmen es viele nicht so genau. „Ich wurde schon von Außenspiegeln am Ellenbogen getroffen“, erzählt Julian Muhl. Sein Fazit zum Radfahren in Backnang: „Es ist schon ein bisschen ein Kampf.“ Seine Freundin nehme deshalb lieber den Bus und das könne er gut verstehen.

Jürgen Ehrmann, Vorstand des neu gegründeten Backnanger Ortsverbands beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Auch er wird in Backnang regelmäßig von Autofahrern abgedrängt, ausgebremst und angehupt. Allerdings glaubt er nicht, dass die Backnanger per se rücksichtsloser sind als Bewohner anderer Städte. Schuld ist aus seiner Sicht die schlechte Infrastruktur für Fahrradfahrer. „Wo es eng zugeht, ist vorprogrammiert, dass man sich in die Quere kommt“, sagt Ehrmann. Beim ADFC wartet man deshalb mit Spannung auf das neue Radinfrastrukturkonzept der Stadt, das heute Abend (17.30 Uhr, Kreisverwaltungsgebäude, Erbstetter Straße 58) im Gemeinderat öffentlich vorgestellt wird.

Konzeption enthält

145 Verbesserungsvorschläge

Das Konzept, das vom Verkehrsplanungsbüro Brenner Bernard aus Aalen erarbeitet wurde, listet insgesamt 145 Verbesserungsvorschläge für den Radverkehr in Backnang auf. Darunter sind solche, die nur ein paar Tausend Euro kosten und von heute auf morgen umsetzbar sind, aber auch solche, die aufwendige Baumaßnahmen erfordern und sechsstellige Summen verschlingen. Das Gesamtvolumen der vorgeschlagenen Maßnahmen liege bei rund neun Millionen Euro, sagt Tobias Großmann, Leiter des Stadtplanungsamts. Allerdings sollen die Verbesserungen schrittweise über mehrere Jahre hinweg umgesetzt werden.

„Mit dem Radinfrastrukturkonzept haben wir jetzt eine Grundlage, mit der wir den Ausbau strukturiert angehen können“, freut sich Großmann. Im nächsten Schritt will er einen runden Tisch einrichten, an dem neben Stadträten und Verwaltungsleuten auch Vertreter des ADFC und der Backnanger Schulen sitzen. Dort sollen dann Prioritäten festgelegt werden: „Im besten Fall haben wir am Ende eine Liste, die wir Jahr für Jahr abarbeiten können“, sagt der Amtsleiter.

Jürgen Ehrmann vom ADFC begrüßt zwar, dass sich die Verwaltung um den Radverkehr kümmern will, hat aber die Sorge, dass die guten Vorsätze rasch wieder im Sande verlaufen könnten. „Es ist deshalb wichtig, die Vorschläge mit einer Zeitschiene zu versehen und regelmäßig zu überprüfen, ob sie auch umgesetzt wurden.“ Neben gutem Willen brauche man dafür auch die entsprechenden Mittel und das nötige Personal: Der ADFC fordert deshalb, jedes Jahr einen festen Betrag pro Einwohner in die Radinfrastruktur zu stecken und im Rathaus eine 75-Prozent-Stelle für einen Fahrradbeauftragten zu schaffen.

Ob es dazu kommen wird, ist fraglich. Um zu beweisen, dass es der Verwaltung mit dem Radverkehr ernst ist, will Tobias Großmann dem Gemeinderat aber schon heute ein Paket mit Sofortmaßnahmen vorschlagen: Dazu gehören unter anderem neue Fahrradboxen am Bahnhof, zwei neue Abstellanlagen in der Innenstadt und neue Radwegmarkierungen und Schilder an verschiedenen Stellen. Als erstes größeres Projekt kann sich Großmann eine Umgestaltung der Kreuzung am Adenauerplatz vorstellen.

Der ADFC hat seine eigene Prioritätenliste schon erstellt. Sie enthält sechs Maßnahmen, die aus Sicht der aktiven Radler einfach und rasch umzusetzen wären. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Schulwegen. So kritisiert der ADFC unter anderem die unzureichende Markierung der Radwege zwischen Maubach und dem Schulzentrum auf der Maubacher Höhe sowie den fehlenden Radstreifen am Potsdamer Ring beim Schulzentrum in der Taus. Das alles sei der Stadt schon lange bekannt, sagt Jürgen Ehrmann: „Jetzt muss man die Dinge auch endlich mal angehen.“

Stimmen von Radfahrern auf unserer Facebook-Seite Info Steffen Schneider: Im Prinzip ist es ganz einfach: Jede breitere Hauptstraße benötigt einen Radstreifen. Radwege dürfen niemals im Niemandsland enden, sondern müssen wie eine normale Straße ausgebaut werden – eben eine Straße für Radfahrer. Elli Late: Kreisverkehre sind höllisch gefährlich für Fahrradfahrer, aber auch als Autofahrer ist man nicht gefeit. Radwege in BK: Fehlanzeige. Möglichkeiten, sein Fahrrad sicher in der Stadt abzusperren, gibt es auch keine. Anaïs Dupuis-Dreher: Als Radfahrer wird man in Backnang nicht als Verkehrsteilnehmer anerkannt. Die Stuttgarter Straße runter ist gefährlich für Radfahrer, dann an der Kreuzung kommt ein kurzes Stück ersehnter Radweg, der in der Menge von Fußgängern endet und dann weiter in der Eugen-Adolff-Straße von parkenden Autos behindert wird. Tobias Rock: Eigentlich muss man überall auf der Straße fahren und das mit wenig Platz. Wolfgang Schopf: Gerade in der Aspacher Straße hat der Fahrradfahrer kaum Platz. Die gestrichelte Linie hilft einem auch nicht. Auch hat es schon Unfälle an dem Hundeübungsplatz an der L1150 gegeben, weil die Autofahrer beim Abbiegen die Fahrradfahrer auf dem Radweg nicht sehen. Armin Dobler: In der Maubacher Straße herrscht morgens gegen 7.30 Uhr zwischen
B14 und Schulzentrum oft ein ziemliches Chaos, vor allem, weil die Verkehrsführung für Radfahrer völlig unklar gekennzeichnet ist. Sigrid Michelfelder: Entlang der Sulzbacher Straße endet der Radstreifen plötzlich und Pkws parken. Ich finde auch keine Möglichkeit, mein Rad zu parken. Nichts vorhanden.

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Erstellt:
25. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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