Autoexperte Bratzel hält Ladenetz-„Gipfel“ für überflüssig

dpa Bergisch Gladbach. Von den ehrgeizigen Zielen der Bundesregierung für mehr E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen ist der Autoverkehr noch weit entfernt. Was auch an der mangelnden Ladeinfrastruktur liegt. Hilft da ein weiterer „Gipfel“ von Industrie und Politik?

Ein Parkplatz mit einer Ladesäule für Elektroautos. Das Bundesverkehrsministerium plant gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium und der Branche ein Spitzentreffen zum Thema Ladesäulen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Ein Parkplatz mit einer Ladesäule für Elektroautos. Das Bundesverkehrsministerium plant gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium und der Branche ein Spitzentreffen zum Thema Ladesäulen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die Pläne von Bund und Automobilindustrie für einen Ladesäulen-„Gipfel“ sind nach Ansicht des Branchenexperten Stefan Bratzel überflüssig.

„Eigentlich ist kein Gipfel nötig, wir kennen viele Themen schon“, sagte Bratzel der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben weniger ein Erkenntnisproblem als ein Umsetzungsproblem.“ E-Mobilität und die notwendige Ladeinfrastruktur seien seit vielen Jahren ein Thema. Doch aufseiten der Bundesregierung und auch der Hersteller sei bisher zu wenig unternommen worden, und auch jetzt gehe es nur langsam voran, sagte der Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach.

Bratzel betonte, dass die Umsetzung vieler Fragen noch offen sei. Zu klären sei etwa, wie sich Autofahrer an den Ladesäulen authentifizieren, wie der Ladevorgang abgerechnet wird und wie sichergestellt wird, dass Ladesäulen nicht durch vollgeladene Fahrzeuge blockiert werden. „Das geht bis in den privaten Bereich“, sagte Bratzel. „Wir müssen die Verteilernetze ertüchtigen, dass nicht nur der Nachbar sein Auto ebenfalls laden kann, sondern auch der Nachbar des Nachbarn.“ Außerdem seien intelligente Netze notwendig, die regulieren, wer wann seinen Wagen lädt.

„Ohne eine ausreichende Dichte der Ladeinfrastruktur, ohne Verfügbarkeit und Verlässlichkeit wird der Markthochlauf auf den Straßen nicht funktionieren“, mahnte er. „Es geht nicht nur um Quantität, sondern auch darum, dass die Ladeinfrastruktur verlässlich betrieben wird und funktioniert.“

Wie das Bundesverkehrsministerium mitteilte, plant es gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium und der Branche ein Spitzentreffen zum Thema Ladesäulen. Auch die Chefin des Automobilverbands VDA, Hildegard Müller, forderte einen Ladenetz-„Gipfel“. Das deutsche Netz der Ladesäulen für E-Autos müsse schleunigst ausgebaut werden. „Ich möchte einen Ladenetz-Gipfel mit allen Playern, und der sollte noch vor Weihnachten stattfinden“, hatte Müller dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Freitag) gesagt. Zu den wichtigen Themen gehörten beschleunigte Planungsverfahren und erleichterte Genehmigungen für Ladestationen an Tankstellen, der Ausbau des Ökostroms und eine Befreiung des Ladestroms von der EEG-Umlage.

Bratzel sagte dazu: „Ein Gipfel ist immer ein wenig eine Symbolveranstaltung.“ Aber wenn ein solches Treffen dazu beitrage, das Thema stärker ins Bewusstsein zu bringen, „dann bin ich für einen Gipfel“.

Die Bundesregierung hält sieben bis zehn Millionen E-Autos auf deutschen Straßen in Deutschland bis 2030 für notwendig, um Klimaschutzziele zu erreichen. Von diesem Ziel ist der Autoverkehr allerdings noch weit entfernt: Anfang 2020 waren im gesamten Pkw-Bestand von 47,7 (2019: 47,1) Millionen lediglich 0,5 (0,3) Prozent reine E-Autos oder Plug-In-Hybride. Nachholbedarf sehen Experten vor allem beim Ladenetz. Aktuell steht nach VDA-Angaben im Schnitt für 13 Elektroautos ein Ladepunkt zur Verfügung, schon in einem halben Jahr müssten sich voraussichtlich 20 Autos einen teilen.

© dpa-infocom, dpa:201114-99-330559/2

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Erstellt:
14. November 2020, 10:38 Uhr

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