Backnanger Grabenstraße wird größtenteils autofrei

Der Backnanger Gemeinderat stimmt für eine Verkehrsberuhigung der zentralen Einkaufsstraße. Der Bereich von der Sulzbacher Brücke bis zum Drogeriemarkt Müller soll zur Fußgängerzone werden. Der hintere Teil bleibt für Autos über die Bácsalmásbrücke weiterhin erreichbar.

Wo sich bisher die Zufahrt zum Parkhaus Stadtmitte befindet, soll eine neue Verbindung von der Talstraße zur Grabenstraße entstehen. Foto: K. Fritz

Wo sich bisher die Zufahrt zum Parkhaus Stadtmitte befindet, soll eine neue Verbindung von der Talstraße zur Grabenstraße entstehen. Foto: K. Fritz

Von Kornelius Fritz

Backnang. Am Ende sprach Oberbürgermeister Maximilian Friedrich von einem „wegweisenden Beschluss“ und einem „gordischen Knoten“, der endlich gelöst worden sei. Auch bei vielen Stadträten herrschte Erleichterung. „Jetzt hat der Graben eine gute Zukunft“, jubelte Heinz Franke. Der SPD-Fraktionschef gehört zu denjenigen, die sich schon seit Jahren für eine autofreie Grabenstraße verkämpfen. Täglich rollen knapp 2000 Fahrzeuge durch die Einkaufsstraße. Doch gegen eine Verkehrsberuhigung gab es in der Vergangenheit heftigen Widerstand aus der Händlerschaft: Die Geschäftsleute befürchteten Umsatzeinbußen, wenn ihre Läden nicht mehr mit dem Auto angefahren werden können.

Wer mit dem Auto in die Grabenstraße möchte, muss künftig einen Umweg in Kauf nehmen. Der vordere Bereich bis zum Drogeriemarkt Müller wird zur Fußgängerzone (blau markiert). Nur Busse, Taxis und Lieferverkehr dürfen weiterhin dort fahren. Karte: OpenStreetMap/J. Bauer

Wer mit dem Auto in die Grabenstraße möchte, muss künftig einen Umweg in Kauf nehmen. Der vordere Bereich bis zum Drogeriemarkt Müller wird zur Fußgängerzone (blau markiert). Nur Busse, Taxis und Lieferverkehr dürfen weiterhin dort fahren. Karte: OpenStreetMap/J. Bauer

Trotz dieser scheinbar unvereinbaren Positionen ist es nun offenbar gelungen, einen Kompromiss zu finden, mit dem alle leben können. Erarbeitet wurde dieser von einer sogenannten Lenkungsgruppe, die OB Friedrich im vergangenen Jahr eingesetzt hatte. Neben Mitgliedern des Gemeinderats und der Stadtverwaltung gehörten ihr auch Vertreter der Händlerschaft an.

Der Vorschlag sieht vor, dass die Einfahrt von der Sulzbacher Brücke in die Grabenstraße für Privatautos gesperrt wird. Künftig sollen nur noch Linienbusse, Taxis und Lieferverkehr diese Zufahrt nutzen dürfen. Trotzdem wird es auch weiterhin möglich sein, mit dem Auto in die Grabenstraße zu kommen – zumindest in den hinteren Teil, wo sich unter anderem die Tiefgarage der Volksbank und mehrere Arztpraxen befinden. Allerdings ist dafür künftig ein Umweg nötig: Der Weg dorthin führt von der Talstraße über die Bácsalmásbrücke und den heutigen Müllerparkplatz. Zwischen dem Drogeriemarkt und der ehemaligen BW-Bank besteht dann die Möglichkeit, nach rechts in die Grabenstraße einzubiegen. Der Bereich davor soll hingegen zur Fußgängerzone werden. „70 Prozent der Grabenstraße werden so vom Individualverkehr befreit“, erklärt Maximilian Friedrich. Dort soll eine Flaniermeile mit hoher Aufenthaltsqualität entstehen.

Kosten und Zeitplan stehen noch nicht fest

Weitere Themen

Was beim Blick auf den Stadtplan einfach aussieht, ist in der Umsetzung aber recht kompliziert. Denn die Flächen, über die die Autos künftig in die Grabenstraße fahren sollen, sind zum Teil in Privatbesitz. Außerdem befinden sich dort Zufahrten zu zwei Parkgaragen und die Warenanlieferung für den Drogeriemarkt. Neben Grunderwerb sind deshalb auch bauliche Veränderungen nötig. So muss etwa eine neue Rampe zum Parkhaus Stadtmitte gebaut werden, damit die Autos dort künftig von der anderen Seite einfahren können. Auch der Müllerparkplatz werde neu gestaltet, erklärte Stadtplanungsamtsleiter Tobias Großmann im Gemeinderat. Um Platz für die neue Durchfahrt zu schaffen, rücken die Stellplätze an den Rand. Außerdem möchte die Stadt die triste Asphaltfläche mit Bäumen auflockern. Auch Abstellplätze für Fahrräder und Motorräder sind dort geplant.

Dass das alles grundsätzlich machbar ist, hat die Stadt bereits geprüft, auch die privaten Grundstückseigentümer wollen laut Großmann mitziehen. Unklar ist allerdings noch, wie teuer das Ganze wird. „Die Kosten können wir Ihnen heute noch nicht nennen. Dafür gibt es zu viele Unwägbarkeiten“, erklärte Erster Bürgermeister Stefan Setzer. Auch einen Zeitplan für die Umsetzung gibt es noch nicht. Der Grundsatzbeschluss, den der Gemeinderat jetzt mit großer Mehrheit gefasst hat, bedeutet lediglich, dass die Verwaltung die Pläne weiter vorantreiben soll.

Vertreter mehrerer Fraktionen betonten die Vorteile einer Verkehrsberuhigung: „Für Poser und Durchfahrer wird die Straße dadurch uninteressant“, erklärte Grünen-Fraktionschef Willy Härtner. Er verspricht sich deshalb auch eine Verkehrsreduzierung im hinteren Abschnitt. Ute Ulfert (CDU) sieht in einer Verkehrsberuhigung auch die Chance, die Grabenstraße insgesamt attraktiver zu gestalten und die Außenbewirtschaftung der Lokale zu erweitern. Auch Meike Ribbeck (Christliche Initiative Backnang) und Michael Malcher (AfD) äußerten sich positiv zu den Plänen.

Widerspruch kam lediglich aus dem Lager des Bürgerforums Backnang (BfB). Fraktionschefin Charlotte Klinghoffer hält die Pläne für zu teuer. Sie prophezeite Kosten zwischen acht und zehn Millionen Euro. Klinghoffer und ihr Mann Jörg Bauer waren dann auch die Einzigen, die gegen den Vorschlag stimmten, die beiden anderen Mitglieder der BfB-Fraktion enthielten sich.

Kommentar
Friedrichs Coup

Von Kornelius Fritz

Seit knapp drei Jahren ist Maximilian Friedrich Oberbürgermeister in Backnang. In dieser Zeit ist er als fleißiger, aber nicht unbedingt als visionärer Rathauschef in Erscheinung getreten. Die meisten Projekte, die seit seinem Amtsantritt in Backnang umgesetzt wurden, hat er noch von seinem Vorgänger Frank Nopper übernommen.

An eine Verkehrsberuhigung in der Grabenstraße hat sich Nopper allerdings nicht herangetraut, obwohl es eigentlich auf der Hand liegt, dass die vielen Autos in der wichtigen Einkaufsstraße fehl am Platz sind. Zu groß waren die Widerstände der Geschäftsleute, zu kompliziert erschien die praktische Umsetzung.

Maximilian Friedrich wagte es, das heiße Eisen anzufassen, und wie es aussieht, hat er gewonnen. Clever war es, den Betroffenen keine fertige Lösung zu präsentieren, sondern sie in eine Lenkungsgruppe einzubinden, die am Ende selbst auf die Idee kam, die der Oberbürgermeister wohl von Anfang an im Kopf hatte. Eine Fußgängerzone in der Grabenstraße ist damit endlich in greifbare Nähe gerückt. Für Backnang wäre sie ein großer Gewinn, für Maximilian Friedrich der erste echte Coup als OB.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
29. April 2024, 06:00 Uhr

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