Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Batman im Wohnzimmer zu Gast

Wenn sich Fledermäuse ins Haus verirren, gibt es ein paar Dinge zu beachten – Meist finden sie von alleine wieder nach draußen

Batman – eigentlich ein Thema für einen gemütlichen Filmabend auf der Couch. Dass sich das tierische Vorbild, sprich die Fledermaus, auch einfach mal dazugesellen kann, ist in der Zeit von Mitte August bis Mitte September gar nicht selten. So geschehen in der Murrhardter Innenstadt. Die Fachleute vom Naturschutzbund (Nabu) wissen, was in solch einem Fall angeraten ist.

Vor fünf Jahren hat das Naturparkzentrum in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt in einer Sonderausstellung ausführlich über Fledermäuse informiert. Zu den heimischen Arten gehören das Große Mausohr (Foto) genauso wie die Zwergfledermaus. Sie ist allerdings sehr viel kleiner, kommt zusammengefaltet kaum auf Daumengröße und wiegt gerade mal so viel wie zwei Stück Würfelzucker. Archivfoto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Vor fünf Jahren hat das Naturparkzentrum in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt in einer Sonderausstellung ausführlich über Fledermäuse informiert. Zu den heimischen Arten gehören das Große Mausohr (Foto) genauso wie die Zwergfledermaus. Sie ist allerdings sehr viel kleiner, kommt zusammengefaltet kaum auf Daumengröße und wiegt gerade mal so viel wie zwei Stück Würfelzucker. Archivfoto: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Das Szenario: Ein ruhiger Spätsommerabend in der Murrhardter Innenstadt, die Dämmerung hat eingesetzt, die Fenster im Wohnzimmer stehen weit offen, um die allmählich abkühlenden Temperaturen zu genießen. Beim Ende der Fernsehsendung scheint das Licht zu flackern und nicht nur der Sprecher, sondern auch die Bewohnerin der Wohnung im Altstadtkern werden hektisch umkreist. Der erste Gedanke: Wie um Himmels Willen hat es ein Vogel geschafft, hier durchs Fenster zu kommen? Es war doch gar nichts zu hören! Dann zeichnet sich aber ab, dass Größe und die enorme Geschwindigkeit nicht so recht passen. Der Flattermann ist so schnell und wendig, dass es sich um eine Fledermaus handeln muss. Vielleicht sind es auch zwei Tiere, mit bloßem Auge ist der Körper nicht auszumachen. Insofern ist auch schnell klar: Hier Fledermausfängerin zu spielen, macht keinen Sinn, zudem haben beide Parteien großen Respekt voreinander. Also wird bei weit geöffneten Fenstern der Rückzug ins Schlafgemach nebenan angetreten. Am nächsten Morgen ist wieder Ruhe eingekehrt, es lässt sich davon ausgehen, dass der kleine Batman, so schwer es ihm wohl anfangs fiel, den Weg nach draußen wieder gefunden hat.

Beim Anruf im Naturparkzentrum Schwäbisch-Fränkischer Wald und der Frage, ob andere Murrhardter vielleicht ähnliche Vorfälle gemeldet hätten, muss Lisa-Marie Funke zwar passen, allerdings weiß sie von einer noch viel intensiveren Begegnung zu berichten. In Rudersberg, wo sie wohnt, war es eine ganze Gruppe von Fledermäusen, die vor rund zwei Jahren ins Haus geflattert kam. „Wir vermuten, dass sich erst ein Tier hineinverirrt und dann um Hilfe gerufen hat“, erzählt sie. „Es sind immer mehr nachgekommen.“ Das angeschaltete Licht jedenfalls hielt die Tiere nicht von ihrer Stippvisite ab. Nach einer gewissen Zeit verabschiedeten sich einige wieder, aber eine Reihe der Besucher musste eingesammelt werden. „Sie hingen in Vorhängen oder Jacken. Wir haben Lederhandschuhe angezogen und sie behutsam angefasst.“ Ein sehr junger Gast wurde auf die Fensterbank gelegt, damit er von dort selbst wieder starten konnte.

Fledermäuse sind auf der Jagd oder auf der Suche nach einem Quartier

Rolf Pfaff vom Naturschutzbund Backnang, der zudem Sachverständiger der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz Baden-Württemberg (AGF) ist, bestätigt, dass diese Art von Besuchen im Spätsommer und zu Herbstbeginn jedenfalls keine Seltenheit ist. Auch zu anderen Zeiten können sie vorkommen. „In Innenstädten sieht man die Tiere in der Nähe von Laternen flattern, weil sich dort auch ihr Futter, sprich Insekten, tummelt“, sagt Pfaff. Insofern würden sie von Lichtquellen angezogen. Manchmal können es auch unerfahrene Jungtiere sein, die sich auf der Suche nach neuen Quartieren in menschliche Behausungen verirren. „Aber es gibt auch neugierige ältere Tiere.“ Bei einem nächtlichen Besuch rät der Experte: „Licht aus, und Fenster weit aufmachen. Wenn es dann wieder hell ist, sollten Sie die Wohnung absuchen.“ Für Fledermäuse als Spaltenbewohner gibt es typische Stellen wie ein leicht von der Wand abgerückter Schrank oder anderes Möbelstück, Gardinen oder Vorhänge. Auch hinter Bildern oder in Vasen können sich Tiere verkriechen, die nicht nach draußen gefunden haben. „Zum Umgreifen des kleinen Körpers sollte man nicht zu dicke Handschuhe benutzen, am besten aus Leder. Wenn man sie auf die Fensterbank legt, können sie nach einer gewissen Zeit wieder selbstständig starten“, sagt er. „Es sollte eine erhöhte Stelle sein, an die beispielsweise keine Katzen kommen.“

Vor Tollwut müsse man seiner Einschätzung nach keine Angst haben, wenn man bestimmte Dinge beachtet. Bluttrinkende Fledermausarten, die für das Vampirimage gesorgt haben, gibt es nur in Südamerika. Sie fliegen nah am Boden, um an den Beinen von Weidetieren per Biss und gerinnungshemmendem Speichel an das Blut zu kommen. Einheimische Tiere ernähren sich ausschließlich von Insekten.

Keine blutrünstigen Absichten

Zwar können sie unter Umständen mit der Krankheit infiziert sein, aber die Verwendung besagter Handschuhe sollte ausreichend Schutz vor einem Biss bieten, der in der Regel aus Angst und zur Verteidigung geschieht. Auf seinen Führungen stellt Rolf Pfaff die verschiedenen Arten vor. Ob es Zwergfledermäuse und Abendsegler am Waldrand oder Wasserfledermäuse auf dem Neckar bei Fellbach sind, sie lassen sich anhand eines Detektors orten. Auf die Frage, welche Art denn da möglicherweise in der Innenstadt eine Wohnungsinspektion vorgenommen hat, sagt der Experte: „Zwergfledermäuse sind auch oft im Altbaubestand zu finden, oder beispielsweise an Häusern mit einer Holzvertäfelung, bei der es einen kleinen Abstand zur Wand gibt. Insofern ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um Zwergfledermäuse gehandelt hat.“

Oder eben um eine andere Art, die in der Nähe ihr Quartier hat. Eine Fledermaus zieht in der Regel ein Junges groß, manchmal sind es auch zwei. „Die Fledermäuse hängen ja kopfüber in ihrem Quartier, wenn beim Weibchen die Geburt bevorsteht, dreht es sich um“, sagt Pfaff und ergänzt: „Auch die Paarung läuft jetzt noch. Die Weibchen speichern den Samen lange Zeit, bis im Frühjahr die Befruchtung vonstattengeht.“ Sollte dieser Tage also ein Flattermann vorbeischauen, keine Angst, er hat keine blutrünstigen Absichten.

Info
Erste Hilfe für Fledermäuse: Ein Kuschelturm als Abflugplatz

Nabu-Broschüre „Aktiv für die Schönen der Nacht. Aktionsleitfaden Fledermausschutz“, Kapitel Bathelp – Erste Hilfe für Fledermäuse: Wenn sich eine unverletzte und noch muntere Schöne der Nacht in die Wohnung verirrt hat, rät der Nabu, nicht zu versuchen, sie mit dem Besen zu verscheuchen oder einzufangen, sondern die Fenster zu öffnen, damit sie ins Freie fliegen kann.

Falls die Fledermaus geschwächt wirkt, könnte ein Einfangen notwendig sein: „Tragen Sie bitte immer dicke Garten- oder Arbeitshandschuhe (zum Beispiel aus Leder). Nur so sind Sie vor Verletzungen und potenziellen Infektionen geschützt. Bitte halten Sie eine Fledermaus niemals an den Flügeln fest. Die Nachtschwärmer sollten immer mit der ganzen Hand umfasst werden. Setzen Sie die geschwächte Fledermaus in einen gut verschließbaren Karton mit Luftlöchern, damit sie sich erholen kann. Füllen Sie das Notquartier mit locker zerknülltem Küchenpapier oder einem Stofftuch und einem flachen Wasserschälchen (Einweckdeckel). Im Sommer bewahren Sie die Kiste bis zum Abflugversuch bei Zimmertemperatur auf. Im Winter befindet sich die Fledermaus vermutlich in einer durch den Winterschlaf bedingten Kältestarre. Stellen Sie die Notfallkiste in einen etwa 5 bis 10 Grad kühlen Raum, bis Sie weitere Hilfe durch Experten organisiert haben. Mit Fledermäusen ohne erkennbare Verletzungen können Sie – außer in Frostnächten oder bei Dauerregen – einen Abflugversuch unternehmen: Setzen Sie die Fledermaus in der Abenddämmerung im Freien katzensicher an eine raue Wand, eine Holzverschalung oder an ein Fensterfliegengitter. Bis zum Abflug kann längere Zeit vergehen: Fledermäuse brauchen bis zu 45 Minuten, um ihre Flugtemperatur von 37 Grad zu erreichen.“

„Der Kuschelturm ist sowohl für Jung- als auch Alttiere ein guter Abflugplatz. Füllen Sie dafür eine hohe Getränkeflasche mit lauwarmem Wasser und stellen Sie diese umkippsicher in eine Schüssel. Eine alte, über die Flasche gezogene Socke bietet den Fledermäusen Halt. Setzen Sie den Findling in der Dämmerung an die Socke und stellen Sie den Kuschelturm katzensicher in der Nähe des Fundortes auf. Jungtiere geben für die Mutter hörbare Laute ab, sodass sie ihren Nachwuchs in der Nacht abholen kann. Ausgewachsene Fledermäuse wagen den Abflug von allein.“

Weitere Hilfe gibt es bei der Nabu-Fledermaushotline unter der Telefonnummer 030/2849845000 sowie im Netz unter der Adresse www.nabu.de/fledermaushotline.

Zum Artikel

Erstellt:
5. September 2019, 11:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!
Marco Holzwarth aus Kleinaspach wünscht sich, dass die Arbeit der Landwirte in der Bevölkerung wieder mehr Anerkennung findet. Foto: A. Becher
Top

Stadt & Kreis

Stiller Protest auf den Feldern

Mit grünen Kreuzen ein Zeichen setzen – Landwirt Marco Holzwarth aus Aspach: „Man ist für viele nur der dumme Bauer“