Baustopp, Berechnungen, Bußgeld

Der Ärger um die Auffüllungen im Garten der Backnanger Villa Adolff zieht sich über mehr als vier Jahre hin: Eine Chronik

Von Matthias Nothstein

Eine Chronik des Ärgers seit 2014:

Die Anfänge des Engagements von Riva-Chef Hermann Püttmer waren geprägt von Aufbruchstimmung und Harmonie. Als Püttmer im Juli 2014 die sanierte Villa als Gästehaus „hauptsächlich für Besucher aus arabischen Ländern“ wiedereröffnete, titelte die Backnanger Kreiszeitung „Glanzvolle Bereicherung für die Stadt“. Bei der Eröffnung vor geladenen Gästen aus Verwaltung, Wirtschaft und Kultur verlieh Backnangs Oberbürgermeister Frank Nopper dem damals 75 Jahre alten Hermann Püttmer anerkennend den Ehrentitel eines „schwäbischen Schaffers und Wuhlers“.

Im gesamten Sommer 2014 prägten schwer mit Erde beladene Laster und Traktorgespanne das Stadtbild. Fuhre um Fuhre wurde am Hang der Villa Adolff abgekippt. Im November nannte Stadtrat Norwin Balmer die Auffüllungen „einen erheblichen Eingriff in die Landschaft“. Der CDU-Rat wollte von der Stadtverwaltung wissen, welchen Zweck die Maßnahme habe, um wie viel Erde es sich handele und ob es eine baurechtliche Genehmigung dafür gebe. Stefan Setzer, damals der Leiter des Stadtplanungsamts, erklärte, eine Auffüllung von 19000 Kubikmetern sei genehmigt, damit auch hinter dem Gebäude ein großer Park angelegt werden könne.

Im Frühjahr 2015 zeichnet es sich immer deutlicher ab, dass viel mehr Material als erlaubt herangekarrt worden ist, die Rede ist von 40000 Kubikmetern, das wäre mehr als das Doppelte des Erlaubten. Die vordere Kante der neu gestalteten Fläche ist bereits 4,5 Meter höher als genehmigt. Der Leiter des Baurechtsamts begutachtet die Baustelle und spricht noch vor Ort mündlich die Baueinstellung aus. Da die Arbeiten wenig später wieder aufgenommen werden, erfolgt am 22. April 2015 eine schriftliche, gebührenpflichtige Baueinstellungsverfügung.

Am 23. April 2015 werden die Mitglieder des Ausschusses Technik und Umwelt erstmals informiert, dass Püttmer auf dem Areal ein Rundtheater nach antikem Vorbild bauen möchte. Das Amphitheater, in dem Musik- und Kleinkunstdarbietungen stattfinden könnten, soll über 700 Sitzplätze verfügen. Die Stadträte sind von der Idee nicht begeistert. Themen wie Parkplätze oder Lärm habe der Bauherr ausgespart. Der Firmenchef zeigt sich erstmals angefressen.

Im Sommer 2015 spendet Püttmer 4500 Euro an die Hospizstiftung Rems-Murr. Es ist der Erlös eines Konzerts der „jungen Tenöre“, das als eine Art Test auf dem Villengelände stattgefunden hat.

Im August 2015 wird der Ton rauer. Es bestätigt sich der Verdacht, dass deutlich mehr Erde als erlaubt herangekarrt wurde. Nun soll ein Landschaftsarchitekt einen Vorschlag erarbeiten, wie es weitergehen soll. Ausgewählt wird dieser von der Stadt, damit nicht der Verdacht eines Gefälligkeitsgutachtens aufkommt. Bezahlen muss das Gutachten aber Püttmer. Der erklärt: „Die Stadtverwaltung behindert mich nur noch.“ Er bezweifelt, dass es sich um die doppelte Menge handelt und würde dies im Übrigen als nicht so dramatisch ansehen. Seine Erklärung: Er habe mehrere benachbarte Grundstücke dazugekauft, die er in gleicher Weise auffüllen ließ, daher die Übermenge. Püttmer schaltet von seiner Seite zwei weitere Experten ein, die berechnen sollen, wie viel Erde abgelagert wurde.

Im Oktober 2015 spricht im Backnanger Rathaus niemand mehr von der doppelten Menge, jetzt kursiert die Zahl, die nicht genehmigte Menge liege bei 13000 Kubikmetern Erde. In einer Stellungnahme des Bauherrn heißt es: „Wenn man die Geländeschnitte aus dem Bauantrag umrechnet, kommt man auf ein genehmigtes Volumen von 22000 Kubikmetern. Somit hat Riva das beantragte Volumen um zirka 10000 Kubikmeter überschritten.“ Auch wenn diese Zahl deutlich geringer ist als die zunächst genannte, so ist dies doch ein Eingeständnis des Bauherrn. Der versteht die Welt nicht: „Warum man sich wegen ein paar Schaufeln Erde, die eventuell zu viel aufgefüllt wurden – zudem noch sinnvoll –, so künstlich aufregen kann, mag das Geheimnis der Stadt bleiben.“ OB Nopper hingegen kündigt ein Bußgeld an.

Im November 2015 ist es mit dem Nervenkostüm des Firmenchefs nicht mehr zum Besten bestellt. In einem Leserbrief rechnet er in unflätiger Weise mit seinen Kritikern vom BUND ab, spricht von einem „Konglomerat von Pseudo-Möchtegern-Wissenschaftlern“ und attestiert ihnen „Uninformiertheit, Ahnungslosigkeit und Untätigkeit“. Um auf die „vor Blödheit strotzenden Behauptungen einzugehen“, fehle ihm die Zeit.

26. Februar 2016: In einer Pressemitteilung beklagt Püttmer, dass das Gutachten der Stadt seit Monaten auf sich warten lässt und nun für den 8. April angekündigt wurde. Püttmer prognostiziert: „Da die Abstimmungsarbeiten zwischen Stadt und Firma bei der derzeitigen Geschwindigkeit danach sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen, kann man heute schon davon ausgehen, dass im Jahr 2016 kein Bagger seine Arbeit aufnehmen wird.“

Am 9. April 2016 titel die BKZ: „Keine Chance für die Freilichtbühne“. Tags zuvor führt Nopper mit Püttmer ein „lebhaftes und munteres“ Gespräch. Die Schilderung stammt von Nopper. Als Püttmer von der Zeitung um eine Stellungnahme gebeten wird, knallt er den Hörer auf die Gabel. Bei der Besprechung stellt der von der Stadt bestellte Landschaftsplaner Sigurd Henne sein Gutachten vor. Er sieht wenig Chancen für das Projekt, in dem Park einen See und eine Bühne für nun 800 Zuschauer zu bauen. Im Gegenteil: „Um den Charakter der Gartenanlage zu wahren, muss das zu viel aufgeschüttete Erdreich zumindest teilweise wieder entfernt werden.“ Für Nopper ist der Garten der Villa für eine Kulturbühne ungeeignet. Aufgrund der erhöhten Lage befürchtet er bei Konzerten wegen des Schalls Probleme mit den Anwohnern. Zudem sei das Parkplatzangebot in dem Quartier völlig unzureichend.

27. April 2016: Püttmer teilt via Pressemitteilung mit, er werde die Villa an eine Nahost-Firma verkaufen, da er es sich im Gegensatz zur Stadtverwaltung nicht leisten könne, „über Jahre einen absolut nichtigen Streit zu führen“. Gleichzeitig kündigt Püttmer an, sämtliche Spenden und Sponsorentätigkeiten im Einflussbereich der Stadtverwaltung einzustellen.

Im Juni 2016 fordert die Stadtverwaltung, dass die auf der Basis der Untersuchungen von Professor Henne gefundene Lösung unverzüglich vereinbarungsgemäß umgesetzt werden muss. Ein Abstimmungsgespräch zur Umsetzung der Maßnahmen habe noch kein Ergebnis gebracht. Am 23. Juni 2016 schreibt der städtische Pressesprecher Hannes Östreich: „Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass ein solches bald vorliegt.“

Im Februar 2017 ist eine Einigung im Streit um die Auffüllung greifbar. Laut Gutachten muss Püttmer 5000 Kubikmeter Erde abfahren, das sind etwa 500 Lkw-Fuhren, und die Hangkante um zehn Meter zurücknehmen. Im Gemeinderat kommt der Kompromiss nicht überall gut an. BfB-Stadtrat Eric Bachert, damals noch für die Grünen im Stadtparlament, schimpft: „Das Signal ist verheerend.“ Püttmer habe „in betrügerischer Absicht“ gegen das Baurecht verstoßen und werde dafür jetzt auch noch belohnt. Auch Norwin Balmer will der Lösung nicht zustimmen. OB Nopper und Baurechtsamtsleiter Wagner widersprechen. Von einer Sonderbehandlung könne keine Rede sein. Sie kündigen an, dass Püttmer noch einen Bußgeldbescheid erhält.

Hermann Püttmers Sohn Marcus Püttmer bezahlt im Frühjahr 2017 ein Bußgeld in Höhe von 50000 Euro für die zu hohe Erdauffüllung. Im Juli 2017 bezweifelt der Senior plötzlich wieder das Kompromissergebnis. Nun will er lediglich 1700 Kubikmeter Erde abtragen lassen.

Der Versuch, von Riva den aktuellen Stand zu erfahren, scheitert. Pressesprecher Witold Buenger teilt schriftlich mit: „Die Firma Riva sowie Hermann Püttmer stehen derzeit für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.“ Auch Marcus Püttmer erteilt keine Auskunft.

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Erstellt:
3. November 2018, 06:00 Uhr

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