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Beauftragter: Antisemitismus wächst an allen Schularten

dpa/lsw Mannheim/Stuttgart. Antisemitismus stellt Schulen vor große Herausforderungen. Eine Mannheimer Schule hat kürzlich Probleme damit publik gemacht - und großes Lob dafür bekommen.

Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung. Foto: Bernd Weissbrod/dpa/Archivbild

Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung. Foto: Bernd Weissbrod/dpa/Archivbild

Die judenfeindlichen Chats angehender Abiturienten an einem Mannheimer Gymnasium sind aus Sicht des Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung, Michael Blume, nur die Spitze des Eisbergs. „Das ist eine Problem, das um sich greift, und zwar an allen Schularten von der Hauptschule bis zum Gymnasium“, sagte Blume am Montag in Stuttgart. Beim Kultusministerium sind seit April 2018 insgesamt 62 solcher Fälle gemeldet worden. „Aber die Dunkelziffer ist riesengroß.“ Das Beispiel der Mannheimer Oberstufenschüler sei bedrückend, aber nicht überraschend. „Digitale Verrohung“ gebe es auch in gutbürgerlichem Milieu. Zuvor hatten Medien über den Fall an der evangelischen Schule berichtet.

Einer Lehrkraft waren während einer Klassenfahrt die volksverhetzenden Inhalte in einer Chatgruppe aufgefallen. Sie gab die Information an die Rektorin weiter, die den Vorfall dem Kultusministerium meldete. Die Schulleitung erstattete überdies Anzeige unter anderem wegen des Benutzens verfassungsfeindlicher Bilder und Kennzeichen. Die Polizei gab keine Details zum laufenden Verfahren bekannt.

Unbekannt ist die Zahl der beteiligten Schüler, unter denen laut Blume auch Mädchen waren. Die Zahl der gemeldeten Vorfälle wird nach Blumes Prognose noch stark ansteigen. Die Meldepflicht seit April 2018 helfe den Rektoren enorm, weil diese den Vorwurf entkräfte, die Schulleiter schwärzten ihre eigene Schule an. „Dabei ist es genau umgekehrt: Wer solche Entgleisungen vertuscht und nicht rechtzeitig gegensteuert, gefährdet die Zukunft der Jugendlichen.“

Die scheinbare Anonymität des Internets erleichtere es jungen Menschen, sich zu radikalisieren, sich gegenseitig mit judenfeindlichen und rassistischen Witzen zu übertrumpfen und schließlich die Grenze zur Strafbarkeit zu überschreiten. Blume: „Sie vergessen dabei ganz, dass WhatsApp eine Teilöffentlichkeit darstellt und Folgen im realen Leben haben kann.“ Die jungen Menschen hätten jetzt die Chance, dies zu erkennen. Geschehe dies erst im Erwachsenenalter, habe das weit schlimmere Folgen.

Blume hat nach eigenen Angaben die betroffene Schule Anfang des Jahres besucht. Er lobte die Transparenz, mit der die Schulleitung den Vorfall behandelte. „Viele Lehrer sagen mir, wenn ich jede Entgleisung melden würde, könnte ich kaum etwas anderes tun. “

Probleme bereite den Pädagogen der adäquate Umgang mit Antisemitismus im Unterricht. „Die auf Mitleid und Schuldgefühl basierende Holocaust-Pädagogik ist nicht mehr zeitgemäß, und es fehlt an geeigneten Materialien, die den Fokus auf ein künftiges friedliches Zusammenleben legen, und auch Möglichkeiten für Begegnungen.“ Der Beratung- und Fortbildungsbedarf der Lehrer sei enorm.

Das Kultusministerium hat eine Handreichung „Umgang mit Antisemitismus an Schulen“ entwickelt, die fachdidaktische und pädagogische Grundlagen sowie konkrete Unterrichtsvorschläge enthält.

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Erstellt:
17. Februar 2020, 16:39 Uhr

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