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Beauftragter Blume: „Internet radikalisiert Antisemitismus“

dpa/lsw Stuttgart. Hassmails hier, erniedrigende Fotos dort - das Internet radikalisiert nach Ansicht des baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten die Vorurteile gegen Juden. Mehr noch: Michael Blume rechnet nicht damit, dass der Kampf gegen den Antisemitismus je gewonnen wird.

Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, bei einer Pressekonferenz. Foto: Marijan Murat/Archivbild

Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, bei einer Pressekonferenz. Foto: Marijan Murat/Archivbild

Das sogenannte Darknet, Facebook, WhatsApp und Youtube - das Aufkommen von Internet und sozialen Medien hat den Antisemitismus nach Ansicht des zuständigen Landesbeauftragten Michael Blume nicht nur beschleunigt. Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte geht sogar davon aus, dass der Judenhass per Tastatur und Mausklick sich verfestigen und zu einer bleibenden Bedrohung werden wird. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs stimmt dem zu: „Wir akzeptieren es zwar nicht, aber wir müssen hinnehmen, dass es wahrscheinlich immer existieren wird“, sagte Vorstandsmitglied Susanne Jakubowski. „Wichtig ist, dass man sich gegen diese Geisteshaltung wehrt.“

Nach Ansicht Blumes wird der Einfluss des Internets auf den Antisemitismus und die schwelende Abneigung in der Gesellschaft deutlich unterschätzt. Er forderte im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur eine bessere Medienausbildung für Pädagogen, einen stärkeren Einsatz für Lokalzeitungen und eine Neukonzeption der „Holocaust-Pädagogik“.

„Im Internet begegne ich Trump, Erdogan, Macron, Netanjahu und Merkel. Aber ich begegne nicht mehr der Politik vor Ort“, kritisierte Blume. „Unser Vertrauen in das demokratische System hat eigentlich darauf aufgebaut, dass ich zum Beispiel über die Zeitung die Kommunalpolitik kennenlerne und dann einen Blick für die größere Politik erhalte. Und das wird jetzt durch Emotionen und Verschwörungsvorwürfe im Internet auf den Kopf gestellt.“

Er fürchte, dass diese Entwicklung noch nicht vorbei sei: „Der Antisemitismus als Glauben an jüdische Weltverschwörer war nie weg. Jetzt radikalisiert er sich aber zusätzlich über das Netz und ist leider wieder voll da. Und es ist meine Befürchtung, dass er nicht mehr von alleine verschwinden wird.“

Blume schlägt neue Angebote wie Podcasts und eine landesweit einheitliche Bezahlschranke - eine Paywall - für lokale Medien mit Schultarifen vor, um auch jungen Menschen einen bezahlbaren Zugang zum politischen Prozess zu bieten. „Wenn die lokale Ebene in der Wahrnehmung wegfällt, dann verlieren die Menschen das Gefühl von Selbstwirksamkeit“, warnte Blume. „Auf lokaler Ebene können sie noch etwas bewirken. Fehlt diese aber, wird das Internet zum Einfallstor für Verschwörungsmythen.“ In den Gelbwesten-Protesten in Frankreich, aber auch den zuletzt niedrigen Wahlbeteiligungen und hohen Wahlergebnissen für extreme Parteien sieht Blume genau diesen Trend voranschreiten.

Lokale und regionale Medien balancierten aus, sagte er. „Fehlen sie, entsteht eine Unwucht.“ Menschen zögen sich zunehmend in ihre eigene Medienblase zurück und lösten sich aus der Realität heraus. „Und wenn die gemeinsame Realität verschwindet, dann werden Dinge, die noch vor zwei Wochen oder drei Monaten unsagbar gewesen wären, plötzlich schon wieder ganz normal“, warnte Blume.

Ein ähnliches Problem sieht er bei jungen Muslimen, die frisch aus islamisch geprägten Ländern kommen. „Man bewegt sich dort in der eigenen Medienblase - und dort kommen Juden und Israel regelmäßig nur als böse Superverschwörer vor.“ Integration werde aber verhindert, wenn sich junge Migranten als Opfer von Verschwörungen wahrnähmen.

Zwar habe die Zahl der Antisemiten nicht massiv zugenommen. „Aber die Leute, die eine antisemitische Einstellung oder antisemitische Tendenzen haben, werden radikaler“, sagte der Landesbeauftragte. Es gehe weiterhin nur um weniger als jeden Fünften in Baden-Württemberg. „Aber die Menschen, die in diese Richtung tendieren, haben in Blasen wie Facebook und WhatsApp das Gefühl, sie stünden für eine schweigende Mehrheit.“

Wichtig sei es auch, die Jugendlichen für die Debatte über den Nationalsozialismus und Antisemitismus zu gewinnen. Juden dürften zudem nicht nur als Opfer dargestellt werden. „Dann entsteht zwar Mitleid. Aber Mitleid ist noch kein Respekt“, sagte Blume. „Wir können den Kindern nicht sagen „Jetzt schauen wir uns im Schwarzweiß-Film an, wie Juden getötet wurden, danach besuchen wir eine Gedenkstätte und dann seid Ihr immun gegen Antisemitismus.“ So einfach ist es halt nicht.“

Eine Haltung gegenüber Antisemitismus zu entwickeln, bedeute, mit Vielfalt umgehen zu können. „Deshalb lassen mich Lehrerinnen und Lehrer zunehmend wissen, dass die alte sogenannte Holocaust-Pädagogik nicht mehr funktioniert“, sagte Blume. „Wir sollten nicht mehr nur über Juden reden, sondern jüdischem Leben begegnen.“

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Erstellt:
6. September 2019, 08:01 Uhr

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