Bedenkenträger sind die Visionäre

Automanager, die zur Besonnenheit mahnten, wurden oft belächelt. Würde man ihnen nur besser zuhören.

Von Klaus Köster

Stuttgart - „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“, sollen schon Karl Valentin und Mark Twain gesagt haben. Sie bringen damit ein Grundproblem des Wirtschaftens auf den Punkt, an dem keine Firma vorbeikommt, die sich mit ihrer Zukunft beschäftigt. Das gilt erst recht, wenn die für das Pläneschmieden notwendigen Prognosen in eine Zeit voller Umbrüche fallen.

Besonders betroffen von diesen Unsicherheiten ist die Autoindustrie. Die Elektrotechnologie revolutioniert den Antrieb und droht der auf dem Verbrenner beruhenden Kernkompetenz den Boden zu entziehen. Für Unternehmen stellen sich im Kern ähnliche Fragen wie einem Anleger, der abwägen muss, ob er alles auf eine Karte setzt oder sich verschiedene Optionen offenhält.

Beim Stuttgarter Bosch-Konzern gehört die breite Aufstellung seit jeher zur Identität. Neben der Autosparte gibt es weitere Milliardengeschäfte; und auch innerhalb des Autogeschäfts betreibt Bosch eine Vielfalt von Technologien. Ungeachtet eines zwischenzeitlichen Chefwechsels hat Bosch nicht nur mit Milliardensummen die E-Mobilität vorangebracht, sondern auch weiter in den Verbrenner investiert und vor dessen Vernachlässigung gewarnt.

Ex-Bosch-Chef Volkmar Denner mahnte unentwegt, außer den ökologischen auch die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte zu berücksichtigen. Sein Nachfolger Stefan Hartung erklärt, für eine Generationenaufgabe wie die Klimaneutralität könne man auf keine Technologie verzichten. Auch warnte Bosch vor einseitigen Abhängigkeiten von China und teuren E-Rohstoffen; überdies hänge die Klimabilanz stark von der Energiequelle des Fahrstroms ab. Wie andere drängte auch Bosch auf den Ausbau des Ladenetzes.

Manche Klimaschützer rollten die Augen ob solcher Bedenkenträgerei; und in der Autoindustrie wurde hinter vorgehaltener Hand gar die Frage gestellt, wie lange sich der Zulieferer Bosch diese von den vollmundigen Versprechungen einiger Großkunden abweichende Meinung noch werde erlauben können. Inzwischen allerdings ist die E-Mobilität ins Stocken geraten, und Tausende Jobs gehen verloren. Zu den Hauptursachen zählen just jene Entwicklungen, auf die die angeblichen Bremser frühzeitig hingewiesen hatten, ohne ausreichend Gehör zu finden: Hohe Preise, soziale Kosten, fehlende Infrastruktur und die Frage, wie groß der Klimavorsprung des E-Autos angesichts des Kohlestroms wirklich ist, dämpfen die Euphorie der Kunden, die man aus dem Auge verloren hatte. Ganz abgesehen davon, dass die Welt nicht nur aus der wohlhabenden EU besteht.

Kaum jemand bestreitet, dass der E-Mobilität eine zentrale Rolle zusteht. Doch der Euphorie, der Schalter werde sich bald umlegen lassen, folgt nun Ernüchterung. Auch Mercedes musste nun die Maximalstrategie „electric only“ an die Realität anpassen. Nüchterner agierende Konzerne wie Bosch und BMW dagegen können nun ihren Kurs beibehalten. Die Bedenkenträger erweisen sich heute als diejenigen, die mit dem klarsten Blick in die Zukunft schauen. Sie sind die eigentlichen Visionäre.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Klimabilanz des Verbrenners weit schlechter ist als notwendig. Durch die Ausrichtung auf die E-Mobilität wurden Investitionen gestrichen; der breite Einsatz moderner 48-Volt-Bordnetze, mit denen sich Bremsenergie zurückgewinnen lässt, könnte die Effizienz wesentlich erhöhen. Zudem bremste Deutschland den Einsatz klimafreundlicher Biokraftstoffe jahrelang zugunsten des politisch gewollten E-Autos aus. Reichlich spät bekommt der Klimaschutz nun auch beim Verbrenner eine Chance. Zum Dazulernen ist es nie zu spät.

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Erstellt:
8. April 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
9. April 2024, 21:59 Uhr

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