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Begeisterung und eine proppenvolle Halle

Serie: Bewegende Sportmomente (9) In den Fünfzigern und Sechzigern sorgt Backnangs Boxstaffel um die Bley-Brüder für Furore

Sie tanzten nicht nur einen Sommer. Bis Mitte der Sechziger war Backnang eine Box-Hochburg. Wettkämpfe der TSG-Staffel lockten 15 Jahre lang regelmäßig Massen an. 800 Zuschauer strömten in die Halle, wenn das Team um die Brüder Bley in den Ring stieg und sich mit Vereinen wie Partisan Belgrad, MTK Budapest oder einer österreichischen Auswahl duellierte.

Sind heute noch froh und stolz auf die große Zeit des Boxsports bei der TSG Backnang: Die Brüder Frieder (links) und Heinz Bley. Foto: A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Sind heute noch froh und stolz auf die große Zeit des Boxsports bei der TSG Backnang: Die Brüder Frieder (links) und Heinz Bley. Foto: A. Becher

Von Uwe Flegel

Wer mit alten Backnanger Sportbegeisterten wie dem ehemaligen Löwen-Wirt Werner Lutz oder dem Ehrenvorsitzenden der TSG Backnang 1846 Manfred Strohhäcker spricht, der bekommt irgendwann einmal zu hören: „Das waren richtige Spektakel, da war es brechend voll, das waren Großereignisse.“ Geschwärmt wird dann von der großen Zeit des Boxsports bei der TSG Schwerathletik. Die Jahre, in denen Meister in den Sportarten wie Ringen und eben dem Boxen zu Helden der Nation wurden. Was Ringer-Olympiasieger Wilfried Dietrich mit dem Rufnamen Kran von Schifferstadt war, das waren die Brüder Bley und ihre Mitstreiter wie Horst Küster, Werner Sannwald sowie ihr emsiger Trainer Kurt Greif fürs ganze Murrtal. Sportler und Kämpfer, auf die eine Region stolz war.

Angefangen hatte die Erfolgsgeschichte Ende der Vierziger. Frieder Bley, damals noch Ringer und ältester von fünf boxenden Brüdern, fand Gefallen am Boxen. Nicht viel später tat es ihm sein nur ein Jahr jüngerer Bruder Heinz nach. „Bei den ersten Wettkämpfen stand der Ring noch im alten Bahnhofhotel“, erinnern sich der heute 87- und der 86-Jährige. Rudolf Zimmermann als Leiter der Boxsparte und Trainer Kurt Greif leisteten gute Aufbauarbeit. Um für den Sport zu werben, wurden in Nachbarstädten wie Gaildorf, Murrhardt oder Marbach Kämpfe veranstaltet. Ansonsten war die Heimat bald die Stadthalle, nachdem dort die Kriegsschäden beseitigt worden waren. Rasch besaß die TSG eine leistungsstarke Truppe. Bereits 1951 boxte eine kombinierte Mannschaft aus Backnang und von Prag Stuttgart gegen die damals wohl beste europäische Staffel, gegen Partizan Belgrad. Ein Großereignis.

800 Zuschauer quetschen sich in Stadthalle und der Oberfan ist OB Walter Baumgärtner

Begeisterte eine ganze Region (von links): Die TSG-Staffel, die hier Mitte der Fünfziger mit Wilhelm Bley, Römer, Schigel, Heinz Bley, Horst Küster, Ernst Bley, Zimmermann und Gassmann antrat. Der Name des neunten Kämpfers ist nicht bekannt. Foto: privat

© Foto: privat

Begeisterte eine ganze Region (von links): Die TSG-Staffel, die hier Mitte der Fünfziger mit Wilhelm Bley, Römer, Schigel, Heinz Bley, Horst Küster, Ernst Bley, Zimmermann und Gassmann antrat. Der Name des neunten Kämpfers ist nicht bekannt. Foto: privat

Überhaupt waren es Höhepunkte, wenn die TSG-Mannschaft im Seilgeviert stand. Brechend voll war die Halle. 700 bis 800 Zuschauer quetschten sich auf die Plätze rund um den Ring. In der ersten Reihe saß aller meist der damalige Oberbürgermeister Walter Baumgärtner, ein Liebhaber des Sports und der Zigarren. In ihren besten Jahren brachten es Backnangs Boxer auf elf, zwölf Vergleichswettkämpfe. In der Hochsaison stieg die Staffel alle zwei Wochen in den Ring, war einmal pro Monat die Stadthalle gestopft voll. Hießen die Gegner Rot-Weiß Stuttgart, Prag Stuttgart oder Neckarsulm, dann war’s oft sogar ein rein Backnanger Team. Gegen die österreichische oder Schweizer Landesauswahl, gegen Belgrad, Budapest, Riesa und andere große Klubs verstärkte sich die TSG mit Gastkämpfern aus Stuttgart, Neckarsulm und anderen Städtern. Schließlich ging’s darum, die Duelle zu gewinnen, was den Kämpfern aus dem Murrtal nicht selten gelang. 1958 zum Beispiel lautete die Bilanz: Sechs Siege, zwei Unentschieden und nur drei Niederlagen.

Die TSG-Boxer hatten Klasse. An der Spitze Heinz Bley und sein sechs Jahre jüngerer Bruder Wilhelm Bley. Erstgenannter wurde im Leichtgewicht mehrfach württembergischer Meister und 1956 sowie 1957 auch Dritter der Deutschen Meisterschaft. 1956 in Karlsruhe hatte der damals 23-jährige Schwabe im Halbfinale den späteren Titelträger Harry Kurschat am „Rand einer Niederlage“, wie die Backnanger Kreiszeitung berichtete. Eine Riesenleistung. Immerhin war der drei Jahre ältere Berliner Europameister und gewann wenige Wochen später in Melbourne Olympiasilber. Wilhelm Bley, der von allen nur „Bube“ gerufen wurde und ebenfalls in den sogenannten leichten Gewichtsklassen boxte, wurde 1955 und 1956 Deutscher Juniorenmeister und 1959 bei den Erwachsenen Vizemeister. Reiste das Riesentalent zu wichtigen Titelkämpfen oder kehrte er heim, dann war das im wahrsten Sinne des Wortes großer Bahnhof. „Als er zur Meisterschaft nach München fuhr, hat ihn OB Baumgärtner am Bahnhof verabschiedet“, erinnern sich Heinz und Frieder Bley an die Zeit, in der TSG-Sportler wie Heinz Bley, Ernst Bley, Wilhelm Bley, Manfred Sannwald oder Horst Küster oft in der württembergischen Auswahl standen. Reisen nach Irland, Schottland, Nordirland, Österreich und Vergleiche mit dortigen Meistern waren Belohnung für Erfolge und Mühen im Training. Zu dem kamen regelmäßig 30 Kämpfer und noch mehr. Zweimal pro Woche wurde geübt, „vor Meisterschaften manchmal auch jeden Tag“, erzählt Heinz Bley.

Umso prominenter war der Gegner von Heinz Bley (rechts), der den Backnanger im Halbfinale der deutschen Meisterschaft 1956 nur knapp schlug. Der Berliner Harry Kurschat (helles Trikot) war immerhin amtierender Europameister und gewann nur wenige Wochen nach dem Duell in Karlsruhe bei den Olympischen Spielen in Melbourne Silber. Foto: privat

© Foto: privat

Umso prominenter war der Gegner von Heinz Bley (rechts), der den Backnanger im Halbfinale der deutschen Meisterschaft 1956 nur knapp schlug. Der Berliner Harry Kurschat (helles Trikot) war immerhin amtierender Europameister und gewann nur wenige Wochen nach dem Duell in Karlsruhe bei den Olympischen Spielen in Melbourne Silber. Foto: privat

Ende der Fünfziger war die ganz große Zeit dann allerdings vorbei. Zuerst waren es Heinz und Siegfried Bley, die sich in die USA aufmachten, um beruflich ihr Glück zu finden. Ein Weg, den wenig später auch Wilhelm und Ernst Bley einschlugen. Während die beiden Letztgenannten über dem großen Teich blieben, kehrten Siegfried und Heinz ins Murrtal zurück. „Meine damalige Freundin Paula wollte nicht rüber kommen, also bin ich wieder heim“, erzählt Heinz Bley und schaut zu der Frau, die schmunzelnd danebensitzt und weiß, dass sie Backnangs Sport einen großen Dienst erwiesen hat.

Die beste Zeit der TSG-Boxer allerdings ging langsam zu Ende. Zwar hatte Karl-Heinz Blattert 1960 noch einmal einen württembergischen Titel ins Murrtal geholt und Mittelgewichtler Heinz Maiwald 1963 bei der deutschen Bundeswehr-Meisterschaft Rang zwei belegt, doch 1964 bereits verfügte Backnang bei den Aktiven nur noch über 15 Kämpfer. Zu wenig, für eine eigene Staffel. Nicht genug, um die riesige Begeisterung zu erhalten. Vor allem zu wenig, um die Boxsparte innerhalb der TSG zu erhalten.

Info
„Hallo, ich heiße Clay“

In den USA blieben die Bley-Brüder dem Boxen treu. Wilhelm Bley gewann im seiner Gewichtsklasse zweimal gar das traditionsreiche Turnier Golden Gloves. Heinz Bley stand bei eben jenem Goldenen Handschuh im Halbfinale in Chicago. Ein Riesenerfolg und ein besonderes Erlebnis für den Schwaben, sprach ihn dort doch ein Jüngling an, der später Muhammad Ali hieß und größter Boxer aller Zeiten war. Heinz Bley: „Er hat beim Aufwärmen neben mir ebenfalls Schattenboxen gemacht. Dann hat er aufgehört und gefragt, wer ich bin und woher ich komme. Sein Name sei Cassius Clay.“

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Erstellt:
8. Juni 2019, 06:00 Uhr

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