Bei der Ampel sehen die Bauern rot

Helmut Reiner-Saal ist einer von 5000 Landwirten auf dem Wasen. Doch sollte man nicht besser bei Lidl demonstrieren?

3200 Traktoren sind am Dienstag zum Protest in die Landeshauptstadt

© Lichtgut/Leif Piechowski

3200 Traktoren sind am Dienstag zum Protest in die Landeshauptstadt

Von Eberhard Wein

Stuttgart - In zwei Reihen fährt die Treckerkolonne durch den Rosensteintunnel. Es sind die letzten Meter zur großen Bauernkundgebung auf dem Cannstatter Wasen, und ein wenig wirkt es wie im Spielertunnel vor dem VfB-Spiel. Dazu passen die Fanfarenklänge, die jetzt volles Rohr aus den Traktorenhupen blasen. Jemand hat „Axel F“, die Titelmusik der 1980er-Jahre-Serie „Beverly Hills Cop“, programmiert – der richtige Soundtrack für die Stuttgarter Treckerparade.

Für Helmut Reiner-Saal ist es ein besonderer Moment. Normalerweise zieht der 59-Jährige einsam mit seinem Schlepper auf 70 Hektar Ackerland rund um Hausen an der Zaber bei Brackenheim (Landkreis Heilbronn) seine Runden. Jetzt ist er Teil einer großen Gemeinschaft – hinter ihm Traktoren, vor ihm Traktoren. 5000 Kollegen mit gut 3000 Fahrzeugen sind es am Ende und damit deutlich mehr als bei der ersten großen Bauerndemo kurz vor Weihnachten. „Wir Landwirte sind zusammengerückt“, sagt Reiner-Saal. Das ist der positive Nebeneffekt der gegenwärtigen Situation.

Früher gab es mal 100 Landwirte in Hausen an der Zaber. Heute sind es noch zehn. Sechs hat Reiner-Saal im Schlepptau, als er gegen 6.30 Uhr zum ersten Treffpunkt nach Bönnigheim (Kreis Ludwigsburg) aufbricht. Der Trecker ist vollgetankt, 160 Liter reinster Agrardiesel. Der stammt noch aus dem vergangenen Jahr und unterliegt damit noch nicht der Steuer, mit der die Bundesregierung ihren Haushalt retten möchte und die die Landwirte auf die Straße getrieben hat. „Was zuviel ist, ist zuviel“, haben etliche Kollegen auf die Tafeln geschrieben, die vorne oder hinten an ihren Traktoren hängen.

„Um den Agrardiesel geht es hier aber niemandem mehr“, sagt Reiner-Saal. Stattdessen geht es ums große Ganze. Um das Gefühl, als größte Umweltverschmutzer hingestellt zu werden. Um mangelnde Wertschätzung. Und um fehlende Planungssicherheit und viel zu geringe Preise. Kartoffeln, Raps, Zuckerrüben, Dinkel, Braugerste und Wein baut Reiner-Saal an. Doch die Lebensmittelkonzerne verhandeln hart. Und dann kommt noch der Klimawandel. Dass der Regen im vergangenen Jahr nicht rechtzeitig fiel, kostete ihn bei der Braugerste 20 000 Euro. „Damit muss man zurecht kommen.“

Inzwischen ist Reiner-Saal in Pulverdingen angekommen. Der Weiler bei Markgröningen mit einer Bushaltestelle, zwei Hofläden und einer Pferdepension ist an diesem Tag der zentrale Sammelpunkt aus Richtung Nordwest. Entlang der drei Zufahrtswege stehen Traktoren, so weit das Auge reicht, dazwischen finden sich vereinzelt auch Handwerkerautos. Auf einem Sattelschlepper hängt kaum verklausuliert eine AfD-Werbung: „Sei schlau, wähl blau.“

Allein die Kolonne hinter Helmut Reiner-Saal misst mehr als 100 Traktoren, weitere tuckern aus Fürfeld bei Bad Rappenau und aus Marbach heran. Bis hierhin sind sie über die Wirtschaftswege gefahren. Auf der B 10 in Richtung Stuttgart staut sich trotzdem der Berufsverkehr. „Jetzt fehlen noch die Kollegen aus Ubstadt-Weiher“, sagt Organisator Martin Linckh. Ein Lieferwagen der Metzgerinnung hat 700 Leberkäswecken an Bord zur kostenlosen Unterstützung der Bauern.

Dann biegt der Konvoi mit Polizeieskorte auf die Bundesstraße ein. Eine Stunde lang folgt ein Traktor dem nächsten. Die Autofahrer spielen mit ihren Handys, ein Mann macht Fotos, eine Kindergartengruppe winkt vom benachbarten Wirtschaftsweg, Lastwagenfahrer hupen aufmunternd. Obwohl man den Menschen viel zumute, sei die Unterstützung riesig, sagt Reiner-Saal.

Dass hier gegen die Ampel-Regierung demonstriert wird, scheint viele zu freuen. Ihre eigene Rolle bei der Bewältigung des Problems analysieren wohl die wenigsten. „Wir haben die billigsten Lebensmittelpreise in Europa“, sagt Reiner-Saal. Ob man nicht mal vor der Lidl-Zentrale demonstrieren sollte? „Das ist ein heißes Eisen.“

Einem Kollegen reißt unterwegs der Keilriemen. Er bleibt am S-Bahnhof Zuffenhausen liegen. „Was ich mir von der Politik wünsche, wären jetzt mal klare Zusagen“, sagt Christian Coenen von der Organisation „Land Schafft Verbindung“ später bei der zentralen Kundgebung auf dem Wasen. Dann geht es wieder nach Hause. In Begleitung der Polizei durften die Landwirte auch bei Rot weiterfahren. Jetzt muss Reiner-Saal aufpassen. „Beim letzten Mal hatte ich mich daran schon so gewöhnt, dass ich eine Vollbremsung machen musste“, sagt er. Mit der Ampel haben es die Landwirte eben nicht so.

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Erstellt:
30. Januar 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
31. Januar 2024, 21:47 Uhr

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