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Bei der Arbeit gibt’s Orgelmusik gratis

Ein Expertenteam saniert zurzeit Dach und Dachstuhl der Murrhardter Stadtkirche. Die Zimmerleute nehmen sich nach den Reinigungsarbeiten Schritt für Schritt der Schäden an den Balken an, erneuern verschiedene Abschnitte und decken das Dach.

Tobias Rosenstengel (links) erläutert gut gelaunt, was für ihn und seine Kollegen bei der Sanierung alles ansteht. Das sechsköpfige Team der Firma Jako Baudenkmalpflege hat bereits rund ein Drittel der Dach- und Dachstuhlsanierung geschafft. Die Zimmerer sind auf die Arbeit in und an historischen Gebäuden spezialisiert. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Tobias Rosenstengel (links) erläutert gut gelaunt, was für ihn und seine Kollegen bei der Sanierung alles ansteht. Das sechsköpfige Team der Firma Jako Baudenkmalpflege hat bereits rund ein Drittel der Dach- und Dachstuhlsanierung geschafft. Die Zimmerer sind auf die Arbeit in und an historischen Gebäuden spezialisiert. Fotos: J. Fiedler

Von Christine Schick

MURRHARDT. Die Tür zur Stadtkirche steht offen, Orgelmusik weht nach draußen. Noch ist es nicht Zeit fürs Abendsingen, zu dem sich zurzeit regelmäßig Gemeindemitglieder und Gäste im Kreuzgarten treffen, aber Pfarrer Hans Joachim Stein geht davon aus, dass Gisela Jakubek sich für den Abend warmspielt, da sie Kantor Gottfried Mayer vertritt. Gemeinsam mit Kirchenpfleger Bernd Fischer geht es auf eine kleine Erkundungstour um und durch das majestätische Gotteshaus. Die Kirche ist mittlerweile fast komplett eingerüstet. Eine Ausnahme bildet der Mittelteil an der Flanke zum Kreuzgarten. „Dort mussten wir wieder ein Stück herausnehmen, damit die Fledermäuse oben reinfliegen können“, erklärt Pfarrer Stein. Hintergrund ist, dass die Kirchengemeinde beziehungsweise Planer beim Sanierungsprojekt in Bezug auf den Naturschutz noch nachbessern mussten. Dazu gehörten ein baubiologisches Gutachten und besagte Gerüstaussparung. Zwar bedeute dies rund 10000 Euro Mehrkosten, andererseits können die Arbeiten auch weitergehen, da die Tiere so nun ihre Einflugschneise haben.

Insgesamt liege man gut im Zeitplan. „Bei solch einer Sanierung muss man ja auch immer auf Überraschungen gefasst sein, die gab es bisher Gott sei Dank noch nicht“, sagt Stein. Bernd Fischer zeigt nach oben. Das Mittelschiff ist bereits neu gedeckt und die Sanierungsarbeiten am zugehörigen Dachstuhl sind weit fortgeschritten. Die Dachsparren mussten erneuert werden, dafür konnte der Großteil der Biberschwänze zum Decken wiederverwendet werden. Der Ausschuss beträgt bisher um die zehn Prozent. Zu planen ist noch das Vorgehen bei den Balkonen an den Türmen. Wie umfangreich die Sanierung ausfallen muss, sollen Probebohrungen bei den Stahlelementen und beim Beton zeigen. Nicht auf dem Plan hatte die Kirche die unbekannten Tunichtgute, die sich an Turmuhr und Minutenzeiger zu schaffen gemacht haben. Die Gemeinde hat nun aber entschieden, dass neben der Reparatur auch die Motoren der Uhr überholt werden sollen, solange sie mittels Gerüst zugänglich und ausbaubar sind. Dann geht es hinter der Walterichskapelle auf schmalen Gerüsttreppen nach oben. An der Seite stehen ein paar der alten Balkenteile, die das Zimmererteam bereits ausgetauscht hat. Tobias Rosenstengel und seine Kollegen tragen blaue Schutzanzüge, auch Masken gehören zur Ausrüstung.

Schadstellen werden durch neue Hölzer aus Fichte oder Eiche ersetzt.

Das ist nicht Corona geschuldet. Die Zimmermänner müssen sich vor allem wegen der alten, heute verbotenen Holzschutzmittel wie PCP und Lindan schützen, die in den 1970er-Jahren in die Balken gespritzt wurden und krebserregend sind, wie Tobias Rosenstengel erläutert. Ganz zu Anfang hieß es für das Team, alte Isolier- und Dämmstoffe zu entfernen. „Und wir haben den kompletten Dachstuhl abgesaugt“, berichtet der Vorarbeiter. Die Geräte sind mit Spezialfiltern ausgestattet. Beim Blick ins Innere des Dachstuhls wird schon deutlich, woran sich die Zimmerer nun abarbeiten. Immer wieder scheint das helle Holz an den Balken auf, das die Fachleute dort neu eingesetzt haben.

Sie gehen den Dachstuhl nach Schadstellen durch und erneuern die jeweiligen Abschnitte. Oft sind Fuß- und Firstpunkte betroffen, manchmal auch ganze Balken. Tobias Rosenstengel zeigt nach unten auf einen Schwellenbalken. „Wenn sich hier beispielsweise Dreck und Feuchtigkeit sammelt, fängt das Holz an zu modern, ebenso Schädlinge wie Holzwürmer oder Insekten können ein Thema sein“, sagt er. Als Fachmann für historische Gebäude, die oft auch unter Denkmalschutz stehen, erkennt er die typischen Schäden schnell. „Wenn man dann Teile entfernt und ins Innere vordringt, kann es natürlich sein, dass man auch noch tiefer gehen muss.“ Als neue Hölzer werden Fichte und Eiche eingesetzt – je nach genauem Standort. Eiche hat den Vorteil, dass sie auch mit Feuchte vergleichsweise gut klarkommt, erklärt der Zimmermann.

Von unten ist Orgelmusik zu hören und Rosenstengel lächelt. „Es wird richtig viel gespielt, manchmal fast den ganzen Tag über. Wir fragen uns, wie das zu schaffen ist“, sagt er. Hans Joachim Stein und Bernd Fischer grinsen und erklären, dass die Orgel quasi noch taufrisch sei und immer noch liebend gerne ausgekostet werde. Tobias Rosenstengel schätzt, dass das Team ungefähr ein Drittel des Dachstuhls bereits geschafft hat. „Wir gehen jetzt auf die Hälfte zu.“ Er macht sich in Richtung Dachschräge zu einer Stelle auf, die in den 1970er-Jahren ausgebessert wurde, allerdings trotzdem noch mal überholt werden muss. Ein vielleicht ein Meter langes Stück des Balkens ist am Ende, wo es auf dem Mauerwerk aufliegt, ausgetauscht worden. Die Anschuhung, wie die Fachleute sagen, also das Ersetzen eines Teilstücks, ist nach seiner Beurteilung hier zu sparsam erfolgt. Der Balken hat eine tragende Funktion, ist in statischer Hinsicht wichtig. „Der Abschnitt ist zu kurz, das trägt nicht“, erklärt er. Auch bei den hinteren Balken muss in diesem Punkt nachgebessert werden. Im Moment hat sich das Team auch den Bereich zwischen den beiden Türmen vorgenommen, bei dem das Dach erneuert werden muss.

Begonnen haben auch die Arbeiten einer weiteren Fachfirma an der Fassade, die mit Wasserdampf gesäubert wird. Im Anschluss geht es an die Ausbesserung von Rissen und Fugenerneuerung. Stein und Fischer hoffen, dass die Arbeiten stetig weitergehen können. Ob man schon im Spätsommer – so eine sehr optimistische Zielmarke – mit der Sanierung von Dach und Dachstuhl fertig sein kann, muss offen bleiben. Bis dahin werden die Fachleute sicher noch das eine oder andere Orgelstück zu hören bekommen. Die Stadtkirche bleibt weiterhin offen. „Das ist auch wichtig in diesen Zeiten“, so Pfarrer Stein.

Heller als gewohnt: Im Mittelschiff machen sich die ausgetauschten Balkenelemente, sprich die neuen Hölzer, sowie das teils offene Dach bemerkbar.

© Jörg Fiedler

Heller als gewohnt: Im Mittelschiff machen sich die ausgetauschten Balkenelemente, sprich die neuen Hölzer, sowie das teils offene Dach bemerkbar.

Geschätzte Sanierungskosten

Die Kosten für die Sanierung, die im November 2019 begonnen hat, wurden bisher auf 1,9 Millionen Euro geschätzt. Die Landeskirche hilft mit 900000 Euro, das Landesdenkmalförderprogramm mit 181300 Euro. Die evangelische Kirchengemeinde Murrhardt stemmt mit dem Neubau des Kindergartens im Klosterhof ein weiteres großes Projekt und ist dankbar für Spenden. Weitere Infos: www.evangelisch-in-murrhardt.de.

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Erstellt:
3. Juni 2020, 06:00 Uhr

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