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Beim Einkauf im Netz ist Service Mangelware

Lebensmittel online einzukaufen liegt im Trend – trotz eklatanter Schwächen vieler Anbieter

Handel - Lebensmittel online einzukaufen liegt im Trend – die Branche wächst. Dass die Unternehmen damit Erfolg haben, liegt nicht in erster Linie an ihren guten Angeboten, sie müssen vieles verbessern, kommentiert Erik Raidt.

Stuttgart Bücher, Spielzeug, Joggingschuhe – all das kaufen Menschen gerne im Internet ein, aber doch keine Tomaten, Äpfel oder Käse. Frische Produkte eben, die man vor dem Einkauf ansehen, an denen man riechen, die man vielleicht sogar anfassen möchte – noch vor einigen Jahren waren viele Experten skeptisch, wenn es um Online-Lieferdienste von Lebensmitteln ging. Inzwischen steht fest: Sie haben sich geirrt. Es ist keine Frage mehr, ob der Lieferdienst an die Haustüre als Geschäftsmodell funktioniert, es ist nur noch eine Frage, wie schnell sich der derzeitige Trend zu einem Megatrend auswächst. Zuletzt steigerten die Online-Supermärkte ihren Umsatz im dritten und vierten Quartal 2018 um jeweils rund 20 Prozent.

Der Zuwachs ist eine logische Folge gesellschaftlicher Umbrüche: In immer mehr Familien sind beide Eltern berufstätig, ihnen fehlt unter der Woche schlicht die Zeit, um neben der Kinderbetreuung auch noch im Supermarkt einzukaufen. Zudem wächst die Zahl jener Senioren, die sich entgegen früheren Klischees bestens im Internet auskennen und die irgendwann aufgrund nachlassender körperlicher Kräfte keine Getränkekästen mehr in ihre Wohnung im dritten Stock tragen wollen. Den Online-Handel mit Lebensmitteln befeuern die Kräfte der digitalen Revolution: Bestellt wird von zu Hause, rund um die Uhr, alle Preise sind transparent und miteinander vergleichbar.

Dabei steht derOnline-Einkauf von Lebensmittelnerst am Anfang eines absehbaren Booms. Dass die Zuwachsraten jetzt schon so hoch sind, liegt weniger an den Anbieter. Denn diese kämpfen alle mit Problemen. Kürzlich stellte die Stiftung Warentest den Unternehmen ein mäßiges, stellenweise sogar ein miserables Zeugnis aus. Die Platzhirsche Real und Rewe hatten Probleme mit der Kühlkette, der Online-Händler Allyouneedfresh verlangte happige Liefergebühren, und Amazonfresh war mal wieder das schwarze Schaf beim Thema Datenschutz. Dies spiegelt sich auchin einem Test unserer Zeitung von Online-Händlern in Stuttgart.

Dabei zeigte sich unter anderem, dass in einigen Fällen Verpackungsmüll anfiel – das ist ein Armutszeugnis in Zeiten, in denen die Politik zu Recht gegen Plastiktüten und Trinkhalme vorgeht und weltweit viele Küstenregionen unter Tonnen von angeschwemmtem Müll zu leiden haben. In diesem Punkt müssen viele Lieferdienste zwingend nachbessern.

Die Zwischenbilanz zeigt:Der Online-Einkauf im Netz boomt nicht wegen der Leistungen der meisten Unternehmen, sondern trotz deren Mängeln. Dies wird unweigerlich dazu führen, dass sich der Markt in den nächsten Jahren drastisch verändern wird. Noch tastet sich Amazon mit seinem Dienst Amazonfresh in ausgewählten Städten auf dem Lebensmittelmarkt vorsichtig voran, doch wenn der Service-Riese Ernst macht, wird es für viele traditionelle Handelsunternehmen eng werden.

Einst ist der Tante-Emma-Laden von den Landkarten verschwunden, weil es anderswo mehr Auswahl und Sonderangebote gab. Dann rollte die Discounterwelle der Geiz-ist-geil-Generation durchs Land. Aus den Sparfüchsen von gestern sind Smartphone-Shopper geworden, die die Welt als gigantischen Kaufladen begreifen, der jederzeit geöffnet hat. Wenn diese Generation am Wochenende von den Bildschirmen ihrer Tablets aufblickt und in die reale Welt hinausstrebt, führt sie ihr Weg aber oft auf den guten alten Wochenmarkt. Dieser wird als lokaler Treffpunkt, der regionale Produkte anbietet, seinen Platz im Alltag vieler Menschen behalten. Dahingegen wird der Supermarkt ohne virtuelle Käsetheke und einen einfachen digitalen Bestellvorgang zum großen Verlierer dieser Entwicklung.

erik.raidt@stzn.de

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Erstellt:
5. Januar 2019, 03:14 Uhr

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