Belastung im Gastgewerbe wächst

Gewerkschaft: Beschäftigte sind bei der Arbeitszeit hochflexibel

UmfrageLaut einer Umfrage der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sind die Beschäftigten einem großen Stress ausgesetzt. Der von den Arbeitgebern geforderte Zwölf-Stunden-Tag gehe daher an der Realität vorbei.

stuttgart Die Arbeitgeber im Allgemeinen sowie der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) als ihre Speerspitze haben nach jahrelangem Werben erreicht, dass sich wirtschaftsnahe Regierungen für die bundesweite Aufhebung starrer Arbeitszeiten einsetzen. An diesem Freitag zum Beispiel will die schwarz-gelbe NRW-Landesregierung eine Gesetzesinitiative in den Bundesrat einbringen, die eine Freigabe der täglichen Höchstarbeitszeit zugunsten einer wöchentlichen Höchstgrenze vorsieht. Wenngleich die Entschließung „Arbeitszeiten an die Herausforderungen der digitalisierten Arbeitswelt anpassen“ ohne Abstimmung an die Fachaussschüsse verwiesen werden dürfte, so ist die Richtung vorgegeben.

In ihrem Abwehrkampf hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) eine Umfrage in den Betrieben des Gastgewerbes gestartet. 1012 Antwortbögen aus vier südwestlichen Bundesländern sprechen aus Sicht der Initiatoren eine deutliche Sprache: Demnach seien die Beschäftigten längst einer hohen Belastung ausgesetzt, und keine Branche leide so sehr unter Fachkräftemangel – der von der Gegenseite geforderte Zwölf-Stunden-Tag gehe daher an der Realität vorbei.

Konkret hat laut Online-Umfrage für 81 Prozent der Teilnehmer die Arbeitsbelastung zugenommen. Bei 72 Prozent fielen regelmäßig ungeplante Überstunden an. Bei 66 Prozent könne man von einer verlässlichen Dienstplangestaltung kaum noch reden. Und 46 Prozent müssten regelmäßig in ihrer Freizeit im Betrieb einspringen. Folglich lehnen 70 Prozent der Beteiligten eine Anhebung der höchstzulässigen Tagesarbeitszeit von zehn auf zwölf Stunden ab. Zwar würden 19 Prozent einen längeren Arbeitstag akzeptieren – aber nur, wenn die Wochenarbeitszeit gleich bliebe. Aus Sicht des NGG-Landesbezirkschefs Uwe Hildebrandt „wird keiner Branche ein derart hohes Maß an Flexibilität abverlangt“. Als Beispiel nennt er neben der Abrufarbeit, bei der Mitarbeiter kurzfristig aus der Freizeit geholt werden, die Teildienste. Dabei wird die tägliche Arbeitszeit in zwei Blöcke geteilt, die in der Regel mittags und abends liegen. Früh-, Spät- und Nachtschichten sind ebenso Standard wie das Arbeiten an Wochenenden und Feiertagen. Zudem hat die Gewerkschaft Arbeitszeitkonten im Tarifvertrag zugestanden, die bis zu 2028 Stunden im Jahr zulassen. Was darüber hinaus geht, erfordert Mehrarbeitszuschläge. Als Obergrenze bleibt der Zehn-Stunden-Tag erhalten.

Hildebrandt führt die hohe Abbrecherquote bei Azubis an. „Eine Vertragslösungsquote von rund 50 Prozent bei den Ausbildungsverträgen und eine Vielzahl an freien Stellen, die nicht besetzt werden können, sollten auf der Arbeitgeberseite langsam zu einem Umdenken führen“, mahnt er.

Flankiert wird die Umfrage durch den Gewerkschaftsbund (DGB). Dessen Landeschef Martin Kunzmann wertet es als Erfolg des DGB, dass die baden-württembergische Landesregierung „bisher keine Initiative zu einer Verlängerung der täglichen Höchstarbeitszeiten gestartet hat“. Dank der Positionierung der Grünen-Fraktion sei „ein ­solcher Vorstoß deutlich unwahrscheinlicher geworden“. Letztlich werde es davon abhängen, ob Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann zu den heutigen Regelungen stehe. Er hatte dem Dehoga schon vor zwei Jahren versprochen, sich für eine Flexibilisierung und die Einführung einer Wochenarbeitszeit einzusetzen. „Mir brennt in dieser Frage selbst der Kittel“, bekannte er. Der Dehoga Baden-Württemberg beharrt auf Kretschmanns Zusage. „Der Ministerpräsident steht im Wort“, sagte der Geschäftsführer Grundsatzfragen, Tobias Zwiener. Hinsichtlich der Repräsentativität der Umfrage zeigte er sich skeptisch. Die NGG vertrete nur einen kleinen Teil der Arbeitnehmer.

Es wird auch auf Ministerpräsident Kretschmann ankommen

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Erstellt:
15. Februar 2019, 03:04 Uhr

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