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Studie: Jedes zweite Kind besucht Kita mit zu wenig Personal

dpa/lsw Stuttgart/Gütersloh. Es gibt gute Zeugnisse - und es gibt Zeugnisse, die nur vergleichsweise gut sind. Baden-Württemberg steht im Vergleich gut da, wenn es um die Betreuung in Kitas geht. Aber perfekt ist das nicht. Eine Studie legt den Finger in die Wunde.

Ein Junge spielt in einem Kindergarten mit Bauklötzen und einem Spielzeugauto. Foto: Bernd Thissen/dpa/Archivbild

Ein Junge spielt in einem Kindergarten mit Bauklötzen und einem Spielzeugauto. Foto: Bernd Thissen/dpa/Archivbild

Kinder in Krippen und Kindergärten im Südwesten erhalten laut einer Studie zwar die bundesweit intensivste Betreuung in einem Flächenland. Allerdings besucht jedes zweite von ihnen eine Einrichtung mit zu wenig Personal, wie aus einer Auswertung der Bertelsmann Stiftung hervorgeht. „Obwohl Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich gut dasteht, sollte noch mehr für die frühkindliche Bildung gemacht werden“, kritisierte Kathrin Bock-Famulla, die Bildungsexpertin der Stiftung, am Dienstag in Gütersloh. Gruppengrößen und Personalausstattung seien nicht überall kindgerecht, die Fachkräfte nicht ausreichend qualifiziert.

Die Studie im Einzelnen:

Laut Studie kamen Stand März 2019 auf eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft im Kindergarten rein rechnerisch 6,9 Drei- bis Sechsjährige. 2012 lag die Relation noch bei 1 zu 8,6 Kindern, 2016 waren es 7,2 Kinder. Auch der Personalschlüssel bei den Krippenkindern ist laut Studie im Bundesvergleich bei Flächenländern spitze: Eine Fachkraft kümmert sich rechnerisch um 3,1 Kinder - 2012 waren es noch 3,5 Kinder.

Hier setzt die Kritik an: „Ein Teil der baden-württembergischen Kitas kann seinen Bildungsauftrag aufgrund unzureichender Rahmenbedingungen nicht oder nur eingeschränkt umsetzen“, bemängelt die Stiftung. Der Personalschlüssel sei zwar gemeinsam mit Bremen seit Jahren der günstigste. Allerdings würden rund 138 500 Kita-Kinder nicht kindgerecht betreut. „Für 50 Prozent der Kinder in amtlich erfassten Kita-Gruppen stand nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung“, heißt es kritisch in der Studie.

Laut Studie hängen die Bildungschancen nach wie vor vom Wohnort ab. In Mannheim ist eine Fachkraft rein rechnerisch für 8,4 Kindergartenkinder verantwortlich und somit für 2,3 mehr als in den kreisfreien Städten Karlsruhe sowie Freiburg (1 zu 6,1). Bei den Krippen betreut eine Fachkraft im Landkreis Heidenheim im Durchschnitt 2,7 Krippenkinder, in Mannheim dagegen 4,0. Seit 2016 haben sich die regionalen Unterschiede kaum verändert.

Für faire Bildungschancen muss nach Ansicht der Bertelsmann Stiftung auch die Gruppengröße stimmen. „Nach wissenschaftlichen Empfehlungen sollten Gruppen für jüngere Kinder nicht mehr als 12 Kinder umfassen, für die Älteren nicht mehr als 18“, heißt es in der Studie. Ist die Gruppe zu groß, werden Kinder und Fachpersonal gestresst. Für Baden-Württemberg bedeutet das laut Studie, dass von allen amtlich erfassten Kita-Gruppen 43 Prozent zu groß sind (bundesweit: 54 Prozent). Allerdings gibt es auch hier einen deutlichen Unterschied: Drei von vier Kita-Gruppen (73 Prozent) sind zu groß, bei den Krippen entspricht nur ein Prozent nicht den Empfehlungen.

Die meisten der rund 92 300 Erzieherinnen und Erzieher (68 Prozent) können auf eine Ausbildung vertrauen. Das entspricht in etwa dem westdeutschen Durchschnitt (66 Prozent), liegt aber deutlich unter dem der ostdeutschen Bundesländer (82 Prozent). Nach Einschätzung von Bildungsexpertin Bock-Famulla sollten keine Ausbildungsgänge unterhalb des Erzieherinnenniveaus angestrebt werden. „Eine Absenkung des Qualifikationsniveaus verschlechtert die Bildungsqualität“, sagte sie. Gegen den akuten Personalmangel könnten Hauswirtschafts- und Verwaltungskräfte eingestellt werden.

Kultusministerin Susanne Eisenmann sieht die Studie als „gutes Zeugnis“. Das Land werde in der Schwerpunktsetzung auf Qualität in der frühkindlichen Bildung und Betreuung bestätigt, sagt die CDU-Politikerin.

Das sehen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und SPD anders. „Die relativ positiven Werte spiegeln nicht die Alltagssituation wider“, sagt die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Die Berechnungen gingen davon aus, dass alle Stellen besetzt seien. Das sei wegen des Fachkräftemangels allerdings meist nicht der Fall. „Elternzeit, krankheitsbedingte Ausfälle und Urlaub reduzieren die Präsenz der Beschäftigten weiter“, sagte Moritz. Sie spricht von einer alarmierenden Perspektive: Bis 2025 gehe jede vierte Erzieherin in Baden-Württemberg in Rente.

Daniel Born, SPD-Frakionssprecher für frühkindliche Bildung, kritisiert das Direkteinsteigerprogramm für Kitas. Es ziele auf Personal ohne Expertise, das weder Ausbildung noch Umschulung zur Erzieherin oder zum Erzieher anstrebe. „Dazu kommt, dass das gering qualifizierte Personal von Frau Eisenmann auch erst in ein oder zwei Jahren zur Verfügung steht“, sagt Born.

Unter den Begriff Kita werden Krippen für Kinder unter drei Jahren sowie Kindergärten für Kinder ab drei Jahren gefasst. In Baden-Württemberg gibt es laut Ländermonitoring 9117 Kindertageseinrichtungen, darunter 405 Horte. Darin betreut wird fast jedes dritte Kind im Alter unter drei Jahren (30 Prozent). Im Alter von drei bis sechs Jahren beträgt die Betreuungsquote - also der Anteil der Kinder in den Kitas an allen Kindern der Altersgruppe - fast 96 Prozent.

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Erstellt:
25. August 2020, 05:12 Uhr

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