Beruf als Ausgleich zum Spitzensport

Karrieren abseits des Sports (7): Katharina Menz konnte sich als Judoka für die Olympischen Spiele qualifizieren. Neben dem Sport studiert sie und arbeitet als Werkstudentin bei Daimler. Wie die Backnangerin das alles im Alltag verbindet.

Für Katharina Menz sind das Studium und ihre Arbeit bei einem Autokonzern ein Ausgleich zum Leben als Spitzensportlerin. Foto: Daimler

© Foto: Daimler-Benz

Für Katharina Menz sind das Studium und ihre Arbeit bei einem Autokonzern ein Ausgleich zum Leben als Spitzensportlerin. Foto: Daimler

Von Kristin Doberer

„Viele denken immer, dass ich auch etwas mit Sport studiere, aber für mich war eigentlich immer klar, dass ich beruflich auch etwas mit dem Kopf machen will“, sagt Katharina Menz, die seit Jahren erfolgreiche Judoka ist. Mehrfach hat sie die deutsche Meisterschaft in der Klasse bis 48 Kilogramm gewonnen, sich gerade eben erst die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft erkämpft und sich mittlerweile bereits für die Olympischen Spiele in Tokio im kommenden Sommer qualifiziert. Dazu studiert die Backnangerin Mechatronik und Elektrotechnik an der Fachhochschule in Esslingen und arbeitet seit etwa drei Jahren bei der Daimler AG in Sindelfingen, zunächst als Praktikantin und Bachelorandin, aktuell als Werkstudentin.

Um auf dem hohen Niveau bleiben zu können, trainiert die TSG-Sportlerin täglich etwa drei Stunden im Olympia-Stützpunkt der Judokas in Sindelfingen. Auf die Stelle bei dem großen Autohersteller aufmerksam wurde sie durch ihren ehemaligen Betreuer. Während viele Berufstätige als Ausgleich zum Vollzeitjob ins Fitnessstudio gehen, beim Heimatverein kicken oder laufen gehen, ist es für Menz genau andersherum. „Für mich ist der Werkstudentenjob eher ein Ausgleich zum Sport.“ Sie beschäftige sich dort mit anderen Themen und treffe Leute, die nicht direkt mit dem Judo zusammenhängen, auch wenn natürlich Interesse an ihrer sportlichen Karriere bestehe.

Bereits als Jugendliche war die Kämpferin aus dem Murrtal auf Turnieren im europäischen Ausland, mit 18 und 19 Jahren dann auch in weit entfernten Ländern wie Japan oder Korea. Dadurch habe sie sehr früh gelernt, ihren Tagesablauf selbst zu strukturieren und allgemein selbstständig zu werden. Das helfe ihr nun auch im Job weiter. „Ich muss meine Tage sehr genau durchplanen. Auch damit mit dem Training alles klappt.“ Auch auf der Arbeit muss sie strukturiert vorgehen, da könne sie nicht einfach mal etwas liegen lassen. Aktuell arbeitet sie in der Forschung und Entwicklung im Bereich der Wettbewerbsanalyse. „Es ist eine Mischung aus Bürojob und der Arbeit in der Werkstatt“, beschreibt Menz.

Nicht nur als Judoka hat das Leichtgewicht aus Backnang (links) alles im Griff. Foto: A. Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Nicht nur als Judoka hat das Leichtgewicht aus Backnang (links) alles im Griff. Foto: A. Becher

„Mein Teamleiter ist da einfach super“, sagt Menz. „Ich kann mir meine Arbeit super flexibel einteilen.“ Zehn Stunden pro Woche sind eingeplant, doch nicht jede Woche bekommt sie das auch hin. „Wenn ich mal weniger arbeite, dann hole ich das in anderen Wochen eben wieder auf.“ Wegen der Wettkämpfe im Ausland sei es auch schon vorgekommen, dass sie mehrere Wochen gar nicht auf der Arbeit war.

Und wie denken die Kollegen über die unregelmäßige Anwesenheit? Darüber habe sich Menz am Anfang auch etwas Gedanken gemacht, sie hatte Bedenken, dass es im Team dadurch nicht klappt. „Aber das war überhaupt kein Problem. Da sind alle sehr entspannt.“ Ihre Kollegen seien sogar sehr an ihrer sportlichen Karriere interessiert. Sie bekomme häufig Nachfragen, wie ein Wettkampf lief. „Oder sie wünschen mir sogar viel Glück für einen anstehenden Wettkampf“, berichtet Backnangs Vorzeigekämpferin.

Bisher war das Training – täglich etwa drei Stunden – gut mit dem Studium und dem Job als Werkstudentin vereinbar. Es gab aber durchaus eine Zeit, in der es etwas stressig wurde. So hat sie ihren Bachelor in Göppingen gemacht. Jeden Tag aufstehen, zur Uni pendeln, trainieren und wieder schlafen gehen. „Und am nächsten Tag wieder von vorne. Das war schon sehr hart. Aber irgendwie lässt sich das schon vereinbaren.“ Freizeit bleibe ihr dabei kaum, auch ist ihr bewusst, dass es deutlich entspanntere Leben gibt. Aber irgendwie habe sie Judo, das Studium und ihren Job immer vereinbaren können. Klar ist dabei aber auch: „Der Sport steht ganz klar an erster Stelle.“ Ihr Studium absolviert sie über einen verlängerten Zeitraum, so komme sie nicht zu sehr in Stress, wenn die Prüfungsphase ansteht, das Training aber nicht vernachlässigt werden kann.

Ihren Masterabschluss plant sie für die Zeit nach Olympia, da könne sie sich dann genug Zeit für das Schreiben der Abschlussarbeit nehmen. Ihr Studium streckt sie ohnehin, damit genug Zeit für Training und die Wettkämpfe bleibt. So hat sie sich für die Olympischen Spiele schon vom Studium beurlauben lassen und hat das nun auch für die wegen Corona auf 2021 verschobenen Spiele geplant. Ihr Studium wird sie dann voraussichtlich in etwa einem Jahr abschließen. Eventuell will sie nach ihrem Abschluss auch weiter bei Daimler arbeiten. Einen genauen Plan hat sie noch nicht. „Das kommt dann darauf an, ob ich noch mal einen Dreijahreszyklus starte oder nicht.“ Mit einer Vollzeitstelle sind ihr momentanes Trainingspensum und die Wettkämpfe im Ausland auf jeden Fall nicht möglich. Stattdessen erwägt sie unter anderem die Möglichkeit einer Teilzeitstelle, umgeschaut hat sie sich schon. „Es ist zwar etwas schwieriger, da etwas zu finden, aber die Firmen sind nicht grundsätzlich abgeneigt.“

In der Serie Karrieren abseits des Sports stellen wir regelmäßig Athleten aus der Region in ihrem Berufsalltag vor. Dabei geht es zum einen um bekannte Sportler in ihrem Beruf, zum anderen um solche, die einen ungewöhnlichen Beruf ausüben oder in ihrem Job besonders erfolgreich sind. Weitere Sportler mit interessanten oder ungewöhnlichen Berufen können sich unter sportredaktion@bkz.de melden.

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Erstellt:
5. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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