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Briefe aus einer anderen Zeit

Friederike Zeller erhält mit der Aufarbeitung der Lebensgeschichte ihres Urgroßvaters einen Förderpreis

Auf dem Dachboden eines Hauses in Backnang wurden zahlreiche Briefe aus der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit gefunden. Darunter auch die Kopie der Entnazifizierungsakte über den Rechtsanwalt Hermann Zeller. Für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten hat die 14-jährige Friederike Zeller die Geschichte ihres Urgroßvaters aufgearbeitet und einen Förderpreis erhalten.

Stolz zeigt Friederike Zeller ihre Urkunde des Förderpreises. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Stolz zeigt Friederike Zeller ihre Urkunde des Förderpreises. Foto: A. Becher

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Als die Familie Zeller das Haus von Friederikes Großvater übernahm, stieß sie auf die Unterlagen auf dem Dachboden. Mit ihrem Vater Sebastian Zeller schaute sich Friederike einige Briefe an. „Bei manchen hatte man Angst, dass sie zerfallen, wenn man sie anfasst“, sagt die 14-Jährige. Aber sie sei noch zu jung gewesen, um sich wirklich für die Geschichte zu interessieren.

Am Max-Born-Gymnasium erfuhr sie im letzten Jahr von der Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, dem größten historischen Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland, der Körber-Stiftung. Das Rahmenthema hieß „So geht’s nicht weiter. Krise, Aufbruch, Umbruch“. Am Schreiben und auch an Geschichte sei sie inzwischen sehr interessiert, sagt die Neuntklässlerin. Die Idee reifte, einen Beitrag aus ihrer eigenen Familiengeschichte einzureichen mit dem Titel „Die Krisen der Nachkriegszeit und der Entnazifizierung am Beispiel von Dr. Hermann Zeller“.

Großer Aufwand wird belohnt

Viel Recherchearbeit musste die Schülerin leisten. Sie kontaktierte ihren Großonkel, der heute Mitte 80 ist und als Hermann Zellers Sohn Zeitzeuge war. „Ich habe ihm ganz viele Fragen zu der Zeit gestellt“, erzählt Friederike. Einen langen Brief habe der Großonkel ihr geschrieben, und es fanden Telefonate statt. Die Briefe, Postkarten und die Akte vom Fund auf dem Dachboden zu lesen, war gar nicht so einfach, weil sie Schwierigkeiten hatte, die alte Schrift zu entziffern. In der Bücherei lieh sie sich zahlreiche Bücher aus, denn den Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg hatten sie im Unterricht noch gar nicht durchgenommen. Als Tutorin stand ihr Sonja Conrad, Schulleiterin des Max-Born-Gymnasiums, mit Rat und Tat zur Seite. Friederike hat als einzige Schülerin der Schule am Wettbewerb teilgenommen.

Bei ihren Recherchen erfuhr Friederike, dass Hermann Zeller vor dem Zweiten Weltkrieg Rechtsanwalt in Heilbronn und Mitglied der NSDAP war. Während des Kriegs war er Bahnhofsoffizier. Dass er eine gehobene Stellung gehabt haben musste, schließt Friederike auch daraus, dass er ein eigenes Dienstfahrzeug hatte. Am Ende des Kriegs war er in Frankreich stationiert. In der Familie Zeller wusste man, dass er nie in Kriegsgefangenschaft war und schon vor Kriegsende nach Hause kam. Als an seinem Posten klar wurde, dass man sich ergeben müsse, habe er sich ein Fahrrad geschnappt und sei unter großer Gefahr, erschossen zu werden, in die Heimat geradelt, haben Friederikes Recherchen ergeben.

Urgroßvater bezeichnete sich selbst als Mitläufer

Das Haus in Heilbronn sei inzwischen zerbombt gewesen, und Hermann Zellers Frau sei mit den drei Kindern in einem Ferienhaus von Verwandten in Kallenberg bei Althütte untergekommen. Dort verdiente er zunächst sein Geld als Erntehelfer und unterstützte die Bauern gelegentlich bei rechtlichen Fragen oder dem Ausfüllen von Formularen, denn als Rechtsanwalt hatte er Berufsverbot. Aus der Entnazifizierungsakte geht hervor, dass er sich selbst als Mitläufer eingestuft hatte. In zahlreichen Dokumenten von Zeugen, seien es Bekannte oder ehemalige Mandanten, wird dies bestätigt. Schließlich bekam er wieder seine Zulassung und eröffnete eine Rechtsanwalts-Kanzlei in Backnang.

Für Friederike war es spannend, in die Geschichte der eigenen Familie einzutauchen und von den persönlichen Schicksalen aus jener Zeit zu erfahren. Zwanzig Seiten umfasst ihre Arbeit. Am 26. Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten nahmen bundesweit rund 5600 Schüler teil. Bei der Körber-Stiftung gingen 1992 Beiträge von Teams und Einzelpersonen ein. Auf Landesebene vergibt die Körber-Stiftung insgesamt 250 Landessiege und 250 Förderpreise. Friederike Zeller erhielt eine Urkunde und ein Preisgeld von 100 Euro.

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Erstellt:
18. Juni 2019, 06:00 Uhr

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