Bündnis demonstriert heute gegen rechten Terrorismus

Kundgebungen finden am Backnanger Marktplatz und in Sachsenweiler statt. Waffenbesitzer sieht sich nach Razzia vorverurteilt.

Die Razzia in Sachsenweiler, bei der die Polizei Waffen und militärische Fahrzeuge fand und abtransportieren ließ, rief nun das Bündnis“Zusammen gegen Rechts Rems-Murr“ auf den Plan.Foto: 7aktuell.de/ Adomat

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Die Razzia in Sachsenweiler, bei der die Polizei Waffen und militärische Fahrzeuge fand und abtransportieren ließ, rief nun das Bündnis“Zusammen gegen Rechts Rems-Murr“ auf den Plan.Foto: 7aktuell.de/ Adomat

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG. „Ich bin absolut kein Nazi“, erklärt der Mann, dessen Wohnstätte in Sachsenweiler vor gut einer Woche Schauplatz eines Großeinsatzes der Polizei war. Lastwagenweise seien dort Waffen und diverses Kriegsgerät entdeckt und abtransportiert worden, wie die Polizeipressestelle mitteilte (wir berichteten).

Derzeit gehen die Ermittler der Frage nach, wie der Fund genau einzuordnen ist, inwieweit es sich bei dem gefundenen Material um funktionstüchtige Waffen handelt, und welche möglicherweise politischen Ziele damit verfolgt werden sollten. Letzteren Punkt betreffend ist die Sache für die Aktivisten des Bündnisses „Zusammen gegen Rechts Rems-Murr“ bereits klar. „Wie viele Lastwägen und Einzelfälle noch? Rechter Terror hat System“, lautet das Motto, unter dem heute Vormittag um 10.30 Uhr auf dem Backnanger Marktplatz die Mitglieder ihrer Meinung Ausdruck verleihen und die Öffentlichkeit vor rechtsterroristischen Umtriebe und Machenschaften warnen wollen. „Im Anschluss an diese Kundgebung werden wir gemeinsam nach Backnang-Sachsenweiler ziehen, um auch vor Ort ein klares Zeichen zu setzen“, kündigt Tim Neumann als Pressesprecher des Bündnisses an. Hintergrund der Polizeiaktion in Sachsenweiler, die im Rahmen eines Großeinsatzes an mehreren Orten in Baden-Württemberg und Bayern stand, ist ein bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart geführtes Ermittlungsverfahren gegen derzeit 19 Beschuldigte – unter anderem wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz.

„Wer jetzt denkt, das Problem des rechten Terrors im Rems-Murr-Kreis habe sich erledigt, täuscht sich“, mahnt Bündnissprecher Neumann. Es sei nach der „Gruppe S“ und „Uniter“ die dritte aufgedeckte Struktur in einem Jahr, die Verbindungen in den Rems-Murr-Kreis habe und Aktionen vorbereite. „Gleichzeitig finden sich in Backnang und Umgebung genügend geistige Unterstützer der Terroristen: In den Gemeinden um Backnang häufen sich die Hakenkreuz- und SS-Schmierereien“, so Neumann weiter. Mit jeder aufgedeckten braunen Chat- oder Terrorgruppe in Polizeikreisen werde klarer, dass „nur wir selbst den Rechten den Boden unter den Füßen wegziehen können“. Neumann: „Die Attentate von Halle und Hanau dürfen sich nicht wiederholen.“

„Ausgangspunkt der Ermittlungen war ein Hinweis, wonach sich bewaffnete Personen in Wehrmachtsuniformen in einem Gebäude im Landkreis Biberach getroffen haben sollen“, hatte das Polizeipräsidium Ulm jüngst im Nachgang des Einsatzes in Sachsenweiler mitgeteilt. Inhalt und Menge des Funds bestreitet der Filmausstatter indessen auch nicht. Im Gespräch mit unserer Zeitung gibt er allerdings zu verstehen, dass die Einordnung des Materials als kriegstauglich und seine Verortung als Rechtsextremist nicht der Wahrheit entsprächen.

Er sei vielmehr seit gut 25 Jahren als Sammler von Militaria aktiv und mittlerweile als Waffenexperte bekannt und geschätzt. Seine Expertise auf diesem Gebiet und sein Fundus an verschiedensten Gegenständen von Waffen über Uniformen bis hin zu fahrtüchtigen Vehikeln aus Wehrmachtsbeständen habe nichts mit rechtsterroristischen Ambitionen, sondern mit seinem Geschäft zu tun. Er ist als Leihausstatter für sogenannte Reenactment-Veranstaltungen, bei denen historische Ereignisse – zumeist Kriegsszenen und bestimmte Schlachten –nachgestellt werden, ein versierter Ansprechpartner und nicht zuletzt im Filmgeschäft ein gefragter Mann. Er nennt verschiedene, zum Teil namhafte und auch preisgekrönte Filmproduktionen, für die auf seine Fahrzeuge und Ausrüstungsgegenstände zurückgegriffen worden sei und die er als Fachmann für authentisch historische Ausstattung begleitet habe.

Nun aber sieht er durch den Verlust seines Materials nicht nur seine berufliche Existenz bedroht. Er fürchtet auch eine Eskalation der Demo vonseiten der Aktivisten vor seinem Haus, in dem er mit seiner Frau und seiner Mutter lebt, die von dem Paar gepflegt wird. Derweil hofft er, dass die Ermittlungen der Polizei möglichst bald „die Wahrheit ans Licht bringen“.

Wie beim Polizeipräsidium Aalen am Freitag zu erfahren war, ist die heutige Kundgebung für 100 Teilnehmer genehmigt worden. Für die Kundgebung in Sachsenweiler rechnet die Polizei mit weit weniger Teilnehmer. Die Ordnungshüter seien heute vor Ort und könnten jederzeit aktiv werden, wenn das wider Erwarten nötig werden sollte, so die Mitteilung aus Aalen.

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Erstellt:
24. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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