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Bus lässt Schüler an Haltestelle stehen

Nach Stopps in Sulzbach und Oppenweiler finden Strümpfelbacher Kinder morgens keinen Platz im rappelvollen Bus der Linie 390

Zweimal schon seit Beginn des neuen Schuljahrs ist der Bus der Linie 390, der unter anderem die Schüler von Strümpfelbach ins Stadtgebiet bringen sollte, an der Haltestelle vor der Germania vorbeigerauscht, ohne die wartenden Kinder mitzunehmen. Grund: Der Bus war zu diesem Zeitpunkt schon rappelvoll, nämlich mit Schülern aus Sulzbach und Oppenweiler. Der Theorie nach sollten diese jedoch den Regionalzug nehmen.

Die Strümpfelbacher Kinder sind auf den Bus angewiesen, sie haben im Gegensatz zu anderen nicht die Alternative, die Bahn zu nehmen. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die Strümpfelbacher Kinder sind auf den Bus angewiesen, sie haben im Gegensatz zu anderen nicht die Alternative, die Bahn zu nehmen. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Das Konzept zur Schülerbeförderung auf der Strecke zwischen Murrhardt und Backnang ist in der Theorie sinnvoll. Demnach fahren die Busse versetzt zu den Regionalzügen. In der Praxis jedoch funktioniert diese Lösung nicht. Weil nämlich die Zugverbindung vor allem für die Schüler aus Sulzbach an der Murr und Oppenweiler zeitlich nicht optimal ist, entscheiden sich diese mehrheitlich für die Fahrt mit dem OVR-Bus. Mit der Konsequenz, dass der Bus in Strümpfelbach (Abfahrt 7.05 Uhr) an einigen Tagen so voll ist, dass keine Kinder mehr hineinpassen. Die Strümpfelbacher Kinder sind jedoch auf den Bus angewiesen, schließlich haben sie nicht die Option, den Zug nehmen zu können. Strümpfelbachs Ortsvorsteherin Siglinde Lohrmann monierte die unbefriedigende Bussituation in der jüngsten Sitzung des städtischen Verwaltungsausschusses.

Die Omnibus-Verkehr Ruoff GmbH nimmt die Situation sehr ernst. Seit Tagen ist OVR-Projektleiter Günther Kisser jeden Tag vor Ort und schaut nach dem Rechten. Die Eltern der Schulkinder formulieren es so: „Er drückt die Kinder in den Bus.“ Kisser selbst sieht dies anders: „Ich ermuntere die Kinder, aufzurücken und durchzulaufen und im Einstiegsbereich Platz zu machen.“ Die Eltern bestätigen, dass der Bus seit Beginn des neuen Schuljahrs schon zweimal ohne zu stoppen vorbeigefahren ist. Einmal sogar am ersten richtigen Schultag nach den Ferien, damals schauten etwa 25 Kinder in die Röhre, darunter einige Fünftklässler. Vor allem dienstags und freitags sei es problematisch.

„Wir wissen nie, ob unsere Kinder mitgenommen werden“

Stefanie Hägele, die stellvertretende Ortsvorsteherin von Strümpfelbach, kritisierte gestern Morgen vor Ort an der Haltestelle: „Für uns ist alles nicht planbar. Wir wissen keinen Tag, werden unsere Kinder mitgenommen oder nicht. Die etwas älteren Kinder fahren freiwillig einen Bus früher, weil sie Angst haben, sie kommen zu spät und müssen dann nachsitzen oder Strafarbeiten machen. Die sind dann aber sehr früh an der Schule.“ Andere werden von ihren Eltern zur Schule gefahren. Diese Lösung gefällt vielen nicht – Stichwort Mamataxi – und kann im Übrigen auch von Berufstätigen nicht dauerhaft angeboten werden. Und nochmals andere Jugendliche laufen nach Backnang und steigen dort in andere Buslinien ein. Das bedeutet einen Fußmarsch von 20 Minuten.

Günther Kisser weist darauf hin, dass die Firma OVR von sich aus und schon von Anfang an Gelenkbusse einsetzt, obwohl in der Ausschreibung nur Standardbusse gefordert waren. „Wir haben gleich gemerkt, dass es mit Solobussen nicht funktioniert.“ Er verweist auch auf andere Fortschritte. So sind inzwischen Direktbusse zum Gymnasium in der Taus im Einsatz. „Die gab es früher nicht, da mussten die Schüler am Berliner Ring auf Stadtverkehrbusse umsteigen. Wir haben schon sehr viel gemacht.“ Auf der anderen Seite stellt er klar, „Schülerverkehr bewegt sich immer im Grenzbereich. Zu diesen Stoßzeiten haben wir weder weitere Fahrzeuge noch weitere Fahrer zur Verfügung.“ Aus diesem Grund appelliert er auch an die Mitarbeit der Fahrgäste. Sie sollten aufrücken und jeden Platz nutzen. Nötig ist dieser Appell seiner Erfahrung nach deshalb, weil viele Schüler morgens noch müde sind. Die Bedenken einiger Mütter, ob es überhaupt zulässig ist, so viele Kinder in den Bus zu stopfen, zerstreut er: „Es ist biologisch gar nicht möglich, die zulässige Anzahl von 160 Fahrgästen zu überschreiten.“ Auch wenn die Kinder mit ihren Schulranzen dicht an dicht stehen, für den Fahrer ist laut Kisser nur von Bedeutung, „dass er nach vorne freie Sicht hat“. So sind die Fahrer auch angewiesen, nicht vorbeizufahren und immer anzuhalten. Kisser: „Etwas geht immer noch.“

Die Eltern kritisieren vor allem die unrealistische Annahme, dass ein (großer) Teil der Schüler aus Sulzbach und Oppenweiler den Zug nehmen würde. Nicht nur, dass dessen Abfahrt ungünstiger liegt, viele Schüler müssten bis zum Bahnhof auch viel weiter laufen als bis zur nächsten Bushaltestelle. Peter Zaar, im Landratsamt Rems-Murr Dezernent für Ordnung, Gesundheit und ÖPNV, sieht die Ursache des Problems vor allem darin, dass das Land eine Zugverbindung von Murrhardt nach Backnang gestrichen habe. Diese sei zeitlich sehr lukrativ für Schüler gewesen. Deren Streichung habe nun zu der problematischen Verlagerung auf den Busverkehr geführt. Als die Busverkehre neu ausgeschrieben worden sind, sei der finale Fahrplan der Bahn und somit die Streichung der beliebten Verbindung noch nicht bekannt gewesen. Nun appelliert Zaar an die Schüler: „Nutzt den Bahnanschluss, damit die Strümpfelbacher Schüler Platz im Bus finden.“ Zaar ist ferner der Auffassung, dass die Schülerbeförderung im Normalfall passe. Die Busse seien an den beiden betreffenden Tagen nur deshalb so voll gewesen, weil es auf der Zugstrecke Probleme gegeben habe. So seien an einem Tag Wildschweine überfahren worden und in der Folge Züge verspätet gewesen. Auf der anderen Seite ist für Zaar klar: „Wir müssen die Situation im Blick behalten und uns Gedanken machen. Eventuell muss OVR nachjustieren.“ Zaar und Kisser verweisen jedoch auch darauf, dass in Strümpfelbach auch um 6.50 Uhr ein Bus abfährt, der oft sogar noch Sitzplätze frei habe. Zaar: „Früher gab es nur diesen Bus. Die sehr beliebte Verbindung um 7.05 Uhr ist neu.“ Stimmt, räumen die Eltern ein, aber dafür fuhren damals zwei Busse, nämlich auch ein spezieller Verstärkerbus extra ab Oppenweiler, in dem es immer Platz gab.

Die Stadtverwaltung Backnang erklärte gestern, sie habe erst vor knapp einer Woche von den Problemen Kenntnis erhalten. Nun werde sie auf den Landkreis, der für den Busverkehr die Verantwortung trage, und auf das Land, das die Verantwortung für den regionalen Schienenverkehr trage, „dahin gehend einwirken, baldmöglichst eine sachgerechte Lösung zu finden – entweder durch Vorverlegung einer Regionalbahn-Verbindung auf der Murrbahn in Richtung Backnang oder durch Einsatz eines Verstärkerbusses“.

Kommentar
Illusorisch

Von Matthias Nothstein

Die Hoffnung, das Problem werde sich mit dem Appell an die Schüler von Sulzbach und Oppenweiler lösen, diese sollten bittschön die Bahn nehmen und an ihre Strümpfelbacher Mitschüler denken, diese Hoffnung ist illusorisch. Es ist doch sehr wahrscheinlich, dass jedes Kind und jeder Jugendliche die nächstliegende Verbindung nutzt, und nicht viele Hundert Meter weiter läuft, um dort in die Bahn einzusteigen. Noch dazu, wenn es demnächst wieder kalt und ungemütlich wird. Und wenn darüber hinaus die Busabfahrtszeit noch viel günstiger liegt. Grundsätzlich wäre diese Solidarität wünschenswert. Aber wer glaubt, dass es ein solches Mitgefühl unter Schülern gibt, der sollte einmal beobachten, wie es zugeht, wenn Schüler in einen Bus drängen.

m.nothstein@bkz.de

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Erstellt:
25. September 2019, 06:00 Uhr

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