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Chaos in Bartenbach

Die Sperrung der Ortsdurchfahrt bereitet große Probleme und sorgt für gereizte Stimmung. Viele Verkehrsteilnehmer ignorieren die Leitschilder und suchen sich eigene Wege.

Die Bagger haben sich gleich ans Werk gemacht und die Deckschicht der bisherigen Brücke abgebrochen. Aber trotz des Eifers wird die Sperrung vermutlich elf Wochen lang andauern. Die Arbeiten am Ersatz der Brücke sind sehr kompliziert, die örtlichen Verhältnisse sehr beengt.Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Die Bagger haben sich gleich ans Werk gemacht und die Deckschicht der bisherigen Brücke abgebrochen. Aber trotz des Eifers wird die Sperrung vermutlich elf Wochen lang andauern. Die Arbeiten am Ersatz der Brücke sind sehr kompliziert, die örtlichen Verhältnisse sehr beengt.Fotos: J. Fiedler

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Donnerstagmorgen, erster Tag der großen Ferien, und im Dörflein Bartenbach in der Gemeinde Sulzbach an der Murr herrscht der Ausnahmezustand. Unzählige Fahrzeuge landen vor der Baustelle mitten auf der L 1066, wo ein Bagger gerade den Rest des Straßenbelages abkratzt.

Nach drei Wochen halbseitiger Sperrung ist die stark frequentierte Verbindungsstraße zwischen Sulzbach und Murrhardt jetzt dicht (wir berichteten). Viele wollten das wohl nicht wahrhaben und ignorierten die Absperrbaken, die an mehreren Stellen auf der Strecke den Weg versperren mit dem Hinweis: „Keine Durchfahrt!“. Wie die junge Frau, die jetzt mit einem gewagten Wendemanöver hin- und hergeigt und die ganze Straße blockiert. Ungeduldig hupt der Busfahrer, der in seine eigens eingerichtete Busstrecke einbiegen möchte. „Halt die Fresse“, giftet die Autofahrerin zurück und garniert ihren Ausspruch noch mit einer wüsten Beschimpfung.

Ein Autofahrer nimmt sich einen Pressefotografen vor, der geistesgegenwärtig reagiert.

Auf der anderen Seite der Baustelle geht’s auch ab: Ein Sattelzug hat die Beschilderung in Sulzbach falsch verstanden und steht jetzt vor dem Ende. Sein Glück, dass die Einfahrt des anliegenden Bauernhofes breit und lang genug ist, um schwerfällig rückwärts zu wenden. „Das ist nicht der erste heute“, murrt der Landwirt, der sich angesichts der Tonnage Sorgen um seinen Asphalt macht.

Auch an anderen Stellen wird’s laut: „Seit heut‘ morgen um halb sieben ist da ein Geschrei auf der Straße“, berichtet Susanne Röhrich, die am Eckhaus zwischen der L 1066 und der Grimmstraße wohnt, durch die außer den Anliegern jetzt nur noch Busse und Einsatzfahrzeuge fahren dürfen, und die damit mitten im Zentrum des Geschehens sitzt: „Da ist der sonstige Verkehr richtig ruhig dagegen.“ Mit ihren Kindern, die ja ab heute Ferien haben, haben sie sich eine Bierbank vors Haus gestellt und beobachten den Trubel: „Möchtsch en Kaffee?!“

Der beauftragte Pressefotograf lichtet einen Autofahrer ab, welcher gerade illegalerweise in die Busspur abbiegen will. Der steigt aus und nimmt sich den Fotografen zur Brust: „Ich zeig‘ Sie an, wenn Sie von mir ein Foto veröffentlichen.“ Gleich gibt’s Schlägerei. Aber der Pressevertreter ist in Deeskalationsmethoden geschult und kontert gelassen: „Dann kriegen Sie eine Anzeige wegen Verstoß gegen die StVO.“ Und deutet auf das Durchfahrtsverbotsschild.

Ein Stück weiter in der Grimmstraße hat’s auch schon gekracht: Eine Autofahrerin hat versucht, sich auf der engen Brücke über den Bach am Linienbus vorbeizuquetschen. „Ich glaub‘, das Gezeter war größer als der Schaden“, konstatiert das bei der Brücke wohnende Ehepaar. Die beiden überlegen sich schmunzelnd, ob sie heute nicht ausnahmsweise ihren Kaffee auf dem Balkon zur Straße trinken sollen. Irgendjemand hat scheint’s auf Google-Maps besagte Grimmstraße als geeignete Umleitung eingegeben. Das für die Beschilderung zuständige Regierungspräsidium war’s jedenfalls nicht.

Dessen Vertreter trifft sich heute kurz nach Mittag unter anderen mit den zuständigen Vertretern der betroffenen Kommunen zur Abnahme der Beschilderung: „Es gibt da ja eine verkehrsrechtliche Anordnung wegen der Umleitung.“ Vorschläge der Bevölkerung könnten da nur bedingt umgesetzt werden.

Die innerörtliche Umleitung Richtung Sulzbach ist unscheinbar ab dem Dorfbrunnen durch die Rotkäppchenstraße eingerichtet, ab Ortsende als Einbahnstraße geregelt und auf 7,5 Tonnen beschränkt. Sie führt über den als Gassi-Strecke bei Hundehaltern beliebten Feldweg auf halber Höhe am Waldrand entlang auf die Eichendorffstraße und dann bergab über die Theodor-Heuss-Straße wieder auf die L 1066. Unzählige Anrufe sind mit der Frage, wo es denn nun ordnungsgemäß langgeht, bei der Gemeinde eingegangen.

Einer der Leidtragenden dieser Regelung ist Landwirt Frieder Weller: Diese sonst nur von Anliegern befahrene Straße führt praktisch mitten durch seinen Betrieb. Durch die Ortsrandlage hat er die Futterlager und die großzügigen Stallungen für das Jungvieh vor Jahren auf die andere Straßenseite verlegen können. Zur Versorgung der Tiere muss er freilich häufig hin und her fahren. „Was mich ärgert, ist, dass hier heute schon Fahrzeuge von weiß Gott woher durchfahren. Das sind doch keine Einheimischen.“

Familie Köhler wohnt direkt an der L 1066 gegenüber der ampelgeregelten Zufahrt für den Linienbus, der hier vor dem Ortseingang auf Sulzbacher Seite durch eine eigens eingerichtete Ausweichstelle kreuzen kann. Mit Interesse beobachten Köhlers, wie sich orientierungslose, gestrandete Autofahrer, die weder die überörtliche Umleitung über Mainhardt, noch die interne Umleitung über die Industriestraße und Schleißweiler ergriffen haben, vor der roten Ampel sammeln. „Da können die lange warten. Das wird nicht grün.“ Dafür braucht’s nämlich ein kleines Kästchen, mit dem die Ampel umgeschaltet wird, und das haben nur Busfahrer und Anlieger ausgehändigt bekommen.

„Elf Wochen Vollsperrung sind sportlich, aber machbar.“

Ungerührt vom Trubel um ihn herum, leitet Bauunternehmer Thorsten Seide die Arbeiten an der Brücke. Parallel zum Abriss werden gerade die Schablonen für die Bohrlöcher aufgestellt, an denen morgen der Presslufthammer ansetzen soll: „Dann wird’s leider laut.“

Bisher sei man im Zeitplan. Die elf Wochen Vollsperrung bis 10. Oktober seien „sportlich, aber machbar.“ Dann wendet er sich an die Autofahrerin, die fassungslos vor der Verkehrsbake stehen bleibt und feststellt: „Geschtern ging des doch noch!“ – „Geschtern isch geschtern und heut‘ isch heut‘“. Seidel ruft seinen Arbeitern eine Anweisung zu und erklärt dann gelassen: „Das ist immer so. Zwei, drei Tage, und die Leut‘ haben einen Weg gefunden.“

Für den Bus wurde in der Grimmstraße eine eigene Umleitungsstrecke festgelegt. Trotzdem krachte es schon am ersten Tag. Eine Autofahrerin wollte sich an einer Engstelle vorbeiquetschen.

© Jörg Fiedler

Für den Bus wurde in der Grimmstraße eine eigene Umleitungsstrecke festgelegt. Trotzdem krachte es schon am ersten Tag. Eine Autofahrerin wollte sich an einer Engstelle vorbeiquetschen.

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Erstellt:
31. Juli 2020, 06:00 Uhr

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