„Claus Vogt hat dem VfB großen Schaden zugefügt“

Sind über die Äußerungen des VfB-Präsidenten Claus Vogt verärgert: Vorstandschef Alexander Wehrle (li.) und Marketingvorstand Rouven Kasper.

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Sind über die Äußerungen des VfB-Präsidenten Claus Vogt verärgert: Vorstandschef Alexander Wehrle (li.) und Marketingvorstand Rouven Kasper.

Von Jochen Klingovsky und Dirk Preiß

Stuttgart - Nächste Runde im Machtkampf beim VfB Stuttgart. Die Vorwürfe, die Präsident Claus Vogt Mitte der Woche erhoben hat, haben Alexander Wehrle, Vorstandschef der VfB AG, und Rouven Kasper, Vorstand für Marketing und Vertrieb, sehr geärgert. Ihre Antworten fallen deutlich aus.

Herr Wehrle, Herr Kasper, VfB-Präsident Claus Vogt hat dem „Kicker“ ein hochexplosives Interview gegeben. Wussten Sie davon?

Wehrle: Nein, wir alle waren sehr überrascht.

Was halten Sie von der Verbalattacke?

Wehrle: Ich bin jetzt seit 22 Jahren im Profifußball, aber ich habe noch nie erlebt, dass ein Präsident im Alleingang an allen im Club vorbei ein Interview gibt, in dem er derart zum Rundumschlag ausholt – gegen den Vorstand, den er ins Amt berufen hat, gegen Aufsichtsratsmitglieder, die er als Chef des Aufsichtsrats maßgeblich mitausgewählt und eingesetzt hat, gegen unsere Gesellschafter und Partner, deren Aufsichtsratsvertreter er erst im Februar öffentlich herzlich willkommen geheißen hat, gegen seine Präsidiumskollegen. Offenbar vertraut er nicht einmal mehr der Medienabteilung des VfB. Das ist nicht zum Wohl des VfB Stuttgart und enttäuscht mich persönlich extrem.

Claus Vogt behauptet unter anderem, dass die Einmischung des Kapitals beim VfB viel zu weit gehe. Können Sie das nachvollziehen?

Wehrle: Die Rechtsform der AG für einen Bundesligisten ist in der Satzung der Deutschen Fußball-Liga ganz klar geregelt und zugelassen. Claus Vogt stand über vier Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender diesem Konstrukt vor – ich habe in dieser Zeit von ihm nie eine Äußerung gehört, dass er mit der Rechtsform ein Problem hat. Im Gegenteil: Er hat ja selbst strategische Partner und Anteilseigner mit an Bord geholt. Wichtig ist mir zu betonen, dass 50+1 beim VfB ein eherner Grundsatz und immer gewahrt ist. Der VfB Stuttgart e. V. hat durch das Präsidium und die von ihm berufenen Mitglieder immer die Mehrheit im Aufsichtsrat. Dazu bekennt sich beim VfB jeder.

Was bedeutet es, wenn der eigene Präsident erklärt, der VfB sei ein gutes Beispiel dafür, wie die 50+1-Regelung gekonnt ausgehebelt wird?

Wehrle: Es ist mehr als irritierend.

Ist der VfB, wie von Claus Vogt behauptet, ein investorengeführter Club?

Wehrle: Ganz klar nein! In der Hauptversammlung entscheidet am Ende immer der e. V. über die Besetzung des Aufsichtsrates, der den AG-Vorstand einsetzt und ihn auch abberufen kann. Der aktuelle Aufsichtsrat ist in großen Teilen von Claus Vogt zusammengesetzt worden. Das zeigt, dass der e. V. das Heft des Handelns in der Hand hält – und das ist auch gut so, denn das ist der Grundpfeiler von 50+1, der geschützt werden muss.

Kasper: Man darf nicht vergessen, dass wir als Vorstand den klaren Auftrag des Aufsichtsrates und Präsidiums hatten, Gesellschafter und Partner zu suchen. Diesen Auftrag haben wir erfüllt. Weder Porsche noch Mercedes haben Renditeabsichten oder wollen den Club übernehmen. Beide Unternehmen möchten etwas für den Fußball, den Sport, die Region und die Menschen tun. Sie sind nicht ansatzweise mit der Definition eines klassischen, renditeorientierten Investors oder einer sogenannten Heuschrecke zu vergleichen. Mit ihnen sind wir weit entfernt von einer Gefährdung von 50+1.

Der Einstieg von Porsche hatte aus Sicht von Claus Vogt einen großen Haken: Warum forderte der neue Investor, dass er als Chef des Aufsichtsrates abtritt?

Wehrle: Unternehmen wie Porsche möchten im Aufsichtsrat eine professionelle Steuerung mit klaren Richtlinien und klaren Umsetzungen, und sie legen Wert auf eine positive Außendarstellung. Diesen Wunsch hat Porsche mit Claus Vogt erörtert. Es ging um seine Person, nicht um eine grundsätzliche Trennung von Präsidentenamt und Aufsichtsratsvorsitz.

Kasper: Wer eine solche Partnerschaft eingeht, tut dies nicht ohne sorgfältige Prüfung. Dass es beim VfB Stuttgart in den vergangenen Jahren immer wieder öffentlichkeitswirksame Streitereien gab, ist bekannt. Das tut der Außenwirkung und Entwicklung des Clubs und somit auch eines Investments nicht gut. Es ist nicht die Intention von Porsche, dass dies so weitergeht.

Claus Vogt sagt nun, damals unter großem Druck gestanden zu haben, weil der Porsche-Einstieg aus finanziellen Gründen zwingend notwendig gewesen sei.

Wehrle: Das ist für uns nicht nachvollziehbar. Er hat vor der Pressekonferenz, in der wir gemeinsam das Weltmarkenbündnis vorgestellt haben, die schriftliche Erklärung abgegeben, dass er bereit ist, das Amt niederzulegen. Danach gab es bis zur endgültigen Unterschrift unter den Beteiligungsvertrag im Oktober viele Verhandlungen, Wünsche des e. V., Wünsche von Porsche, Wünsche von anderen Anteilseignern. Kein Thema war in diesen rund drei Monaten sein abgesprochener Rücktritt als Chef des Aufsichtsrates. Dass er damit ein Problem hat, kam erst acht Monate später, nachdem alles abgewickelt worden war, zur Sprache. Auch davon, dass er zunächst die Mitglieder befragen müsse, war nie die Rede, obwohl im September 2023 eine Mitgliederversammlung war.

Wurde Claus Vogt dazu gedrängt, den Vorsitz des Aufsichtsrates abzugeben?

Wehrle: Nein, es war seine ganz persönliche, eigenständige und freiwillige Entscheidung. Von uns gab es keinerlei Druck.

Sondern?

Wehrle: Wenn Claus Vogt damals nicht seine Bereitschaft erklärt hätte, das Amt niederzulegen, hätten wir als Vorstand eine andere Lösung gefunden. Das haben wir beide ihm im persönlichen Gespräch klar mitgeteilt.

Er hatte also eine Alternative?

Kasper: Wir haben ihm zwei Optionen vorgestellt. Zum einen eine Zukunft mit Porsche. Und andererseits haben wir ihm gesagt, dass die Existenz des VfB auch ohne diesen Einstieg nicht gefährdet ist und wir mit ihm gemeinsam einen anderen Weg gehen. Die Entscheidung, welchen Weg wir einschlagen, hat er getroffen.

Was sagt es denn über Claus Vogt aus, dass er eine schriftliche Zusage gemacht und sich gleichzeitig darüber informiert hat, ob diese rechtlich bindend ist?

Wehrle: Es geht um Vertrauen und Verlässlichkeit. Auch diese Punkte haben im Aufsichtsrat offenbar dazu geführt, dass man die Frage des Vorsitzenden klären wollte.

Claus Vogt ist bereit, mit harten Bandagen um seine Ämter zu kämpfen. Wie sehr schadet er damit dem VfB?

Wehrle: Ein paar Tage nachdem er von der Cannstatter Kurve zum Rücktritt aufgefordert wurde, ein derartiges unabgestimmtes Interview zu geben, ist beispiellos und beantwortet die Frage von selbst.

Erschwert dies auch die Verhandlungen mit aktuellen und künftigen Sponsoren?

Kasper: Jein. In der Unternehmerschaft in Stuttgart und im Umland gibt es schon seit Längerem das Thema Claus Vogt, es ist leider die Norm, dass sie bezüglich seiner Person nicht positiv gestimmt ist. Wir haben jedoch Wege gefunden, unsere Gespräche mit Partnern davon zu entkoppeln und voranzubringen. Es hindert uns also nur unwesentlich daran, unseren Job professionell zu machen. Selbst wenn weiter jeden Tag eine mediale, nicht abgestimmte Bazooka käme, können die Unternehmen das ganz gut trennen und richtig einschätzen.

Ist Vogt als VfB-Präsident noch tragbar?

Wehrle: Der höchste Souverän des VfB ist die Mitgliederversammlung. Dort muss diese Frage geklärt werden.

Wie ist Ihre Meinung?

Wehrle: Claus Vogt hat dem VfB leider in den letzten Wochen großen Schaden zugefügt.

Kasper: Und trotzdem sind wir komplett handlungsfähig – unabhängig von der Person Claus Vogt. Das ist wichtig für die Weiterentwicklung und Fortführung der aktuellen Erfolgsstory des VfB Stuttgart.

Wie tief sind die Gräben beim VfB?

Wehrle: Es geht immer, auch in der jetzigen Situation, ums Gestalten, nicht ums Kämpfen. Wir sind kein zerrissener Verein. Der Vorstand der AG arbeitet mit dem Präsidium des e. V. und dem Aufsichtsrat sehr gut zusammen. Wenn wir ein zerrissener Verein wären, hätten wir zuletzt nicht so viel auf den Weg gebracht – den gemeinsamen Grundlagenvertrag, den Stadionumbau, die Stiftungsgründung, die finanzielle Konsolidierung mit starken Partnern und die Kontinuität, die zu sportlichem Erfolg geführt hat.

Das Thema Zerrissenheit sieht, von außen betrachtet, völlig anders aus. Und Claus Vogt spricht davon, dass der Mutterverein konfliktbereiter sein und kämpfen müsse.

Wehrle: Das sind Vokabeln, mit denen ich nichts anfangen kann. Wir wollen und müssen die Zukunft des VfB als eine Einheit gestalten, nicht kämpfen. Kämpfen sollen unsere Jungs auf dem Platz.

Claus Vogt stellt sich als Opfer einer Intrige dar. Gibt es den großen Masterplan mit dem Ziel, ihn loszuwerden?

Wehrle: Mir ist ein solcher Plan nicht bekannt.

Kasper: Bis vor drei Wochen gab es eigentlich einen anderen Plan beim VfB – mit Claus Vogt. Dieser Plan wurde von Anfang an gemeinsam diskutiert, besprochen, ausgearbeitet. Von diesem Plan abzuweichen und öffentlich wie intern nun dieses Durcheinander auslösen zu wollen war alleine die Entscheidung von Claus Vogt.

Ist eine Zusammenarbeit von Ihnen mit Claus Vogt überhaupt noch denkbar?

Wehrle: Wir arbeiten seit unserem Amtsantritt mit den Gremien, von denen Claus Vogt ein Teil ist, sehr gut zusammen. Sollte er dies bleiben, werden wir auch weiterhin professionell arbeiten können. Aber natürlich haben die vergangenen Wochen Spuren hinterlassen, die einen zum Nachdenken bringen.

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Erstellt:
29. März 2024, 22:14 Uhr
Aktualisiert:
30. März 2024, 22:01 Uhr

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