Covid-19: Zahlen gehen leicht zurück

Schon vor einer Woche gab es Anzeichen, dass sich das Infektionsgeschehen im gesamten Rems-Murr-Kreis nach den starken Zunahmen im August wieder beruhigt. Jetzt sieht das Bild anders aus: Die Backnanger Zahlen gehen entgegen dem Trend hoch.

Covid-19: Zahlen gehen leicht zurück

Von Armin Fechter

BACKNANG/WAIBLINGEN. Die Statistik des Landratsamts könnte deutlicher nicht ausfallen: Backnang ist da mit 24 aktiven Coronafällen aufgeführt. Vor einer Woche waren es nur sieben. Gleichzeitig gehen aber die Zahlen für den Rems-Murr-Kreis insgesamt zurück: Im Wochenvergleich wurden nur 64 neue Infektionen registriert. Dagegen waren es in der Woche davor noch 83 gewesen.

Der starke Anstieg in Backnang läuft dem allgemeinen Trend völlig zuwider. Mit verantwortlich für diese ungewöhnliche Entwicklung ist der Coronaausbruch in dem Wohnheim in der Hohenheimer Straße, wo elf infizierte Bewohner positiv getestet wurden (wir berichteten).

Kreisweit sieht es dagegen ganz anders aus: Städte wie Waiblingen, Fellbach und Weinstadt verzeichnen rückläufige Fallzahlen. Ohne Anstieg bleiben zudem Schorndorf und Winnenden bei ohnedies schon niedrigen Zahlen. Auffällig auch: Bei fast allen Gemeinden im Backnanger Umkreis steht die Null zu Buche, außer in Aspach und Sulzbach an der Murr, wo jeweils ein aktiver Fall registriert ist.

Insgesamt hat die Zahl der bestätigten Infektionen seit voriger Woche auf 2217 zugenommen. Gleichzeitig konnten 2040 Personen aus der Quarantäne entlassen werden, ihre Zahl ist also um 76 gestiegen. 80 Personen befinden sich derzeit noch in Isolation, zwölf weniger als zuletzt, aber immer noch mehr als in den vorangegangenen Sommermonaten, als es teilweise sogar weniger als 30 Quarantänefälle waren. Unverändert geblieben ist laut Landratsamt die Zahl der mit positivem Sars-CoV-2-Befund Verstorbenen, nämlich 97. Das Regierungspräsidium Stuttgart meldet allerdings am Abend einen weiteren Todesfall.

Von besonderer Bedeutung für die Frage, wie sich das Infektionsgeschehen in einem Landkreis darstellt, ist die sogenannte Sieben-Tages-Inzidenz. Sie betrifft die Zahl der neuen Infektionen innerhalb der jeweils zurückliegenden Woche. Liegt dieser Wert zu hoch, können Lockerungen zurückgenommen und schärfere Verhaltensmaßregeln erlassen werden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Grenze liegt gemäß den Beschlüssen von Bund und Land bei 50 Neuinfizierten pro 100000 Einwohner. Das ergibt, auf den Rems-Murr-Kreis mit seinen 426635 Einwohnern umgerechnet, eine Alarmmarke von 213 neuen Fällen innerhalb der letzten sieben Tage.

Die Zahl der Neuinfektionen im Kreis liegt im grünen Bereich.

Aktuell liegt dieser Wert für den Rems-Murr-Kreis bei 62 (Vorwoche: 80) und damit weiterhin im grünen Bereich, die Sieben-Tages-Inzidenz wird vom Regierungspräsidium Stuttgart mit 14,1 pro 100000 Einwohner angegeben. Ab einem Wert von 150 Neuinfektionen – Stufe gelb – werden vorbereitende Maßnahmen eingeleitet, ehe die Ampel bei 213 auf Rot springt.

Um die derzeitige Situation besser einordnen zu können, kann man den Vergleich mit der Hochphase des Infektionsgeschehens im Rems-Murr-Kreis heranziehen: So gab es zwischen 23. und 29. März immerhin 267 neue Infektionen, zwischen 30. März und 5. April sogar 332 und zwischen 6. und 12. April 242. In der darauffolgenden Woche sank die Zahl der Neuinfektionen aber schon auf 124, und seither liegt der Kreis durchgehend im grünen Bereich.

Nun wird immer wieder gesagt, dass die Zahl der Infektionen allein nicht aussagekräftig sei – man müsse auch mit berücksichtigen, dass inzwischen viel mehr getestet wird als noch am Anfang der Pandemie. Dass die Testkapazitäten ausgeweitet wurden und inzwischen mehr Abstriche genommen werden, sei schon zutreffend, bestätigt Leonie Ries, Pressesprecherin des Landratsamts. Was dies aber in konkreten Zahlen bedeutet, ist unklar – „es gibt keinen Überblick“. Dazu müssten nicht nur alle Arztpraxen im Kreis abgefragt werden, die Coronatests vornehmen, sondern es müsste die ganze dezentrale Struktur bedacht werden. So können sich Reiserückkehrer auch am Flughafen, an der Autobahn oder sogar im Urlaubsland testen lassen, macht Ries deutlich. Hinzu kommt, dass sich auch die Teststrategie des Landes – wer wird in welchen Fällen getestet – wiederholt geändert hat, was die Vergleichbarkeit erschwert. Dem Gesundheitsamt werden jedenfalls, so die Pressesprecherin, nicht alle Tests gemeldet, die vorgenommen wurden, sondern nur die positiven.

Trotzdem lassen sich Aussagen darüber treffen, wie das Verhältnis zwischen Tests und positiven Befunden aussieht, wenn auch nicht auf lokaler Ebene. Denn das Robert-Koch-Institut veröffentlich bundesweite Zahlen, aus denen hervorgeht, dass die Zahl der Tests stark gestiegen und zugleich die Quote der positiven Tests stark gesunken ist – von einstmals neun Prozent auf nunmehr unter einem Prozent. Und: Auch die Zahl der schweren Erkrankungen ist gesunken. In den Rems-Murr-Kliniken müssen nur einzelne Patienten stationär behandelt werden.

Und wer ist besonders stark von Covid-19 betroffen? Die Statistik des Landratsamts zeigt, dass sich das Infektionsgeschehen aktuell hauptsächlich im jüngeren bis mittleren Erwachsenenalter abspielt. So sind bei den Personen, die sich aktuell in Quarantäne befinden, die meisten, nämlich 19, zwischen 21 und 30 Jahren alt. An zweiter Stelle folgen die 41- bis 50-Jährigen (16), an dritter die 31- bis 40-Jährigen (12). Dagegen fallen Kinder und Jugendliche ebenso wie Senioren beziehungsweise die Gruppe der über 50-Jährigen kaum ins Gewicht.

Junge Männer sind aktuell stärker betroffen als Frauen.

Nach Geschlecht betrachtet, sind Männer unterm Strich stärker betroffen als Frauen. Das fällt bei der Gruppe der 21- bis 30-Jährigen besonders auf: Hier sind es 14 Männer gegenüber fünf Frauen. Eine Erklärung für diese Symptomatik gibt es offiziell vom Landratsamt nicht, das ginge ins Spekulative, sagt Ries. Denkbar wäre aber, dass junge Männer häufiger Kontakte suchen, sei es bei privaten Feiern oder auf Reisen und im Urlaub, und damit auch mehr Risiken eingehen.

Ein etwas anderes Bild ergibt sich beim Blick auf die Gesamtverteilung der Coronafälle seit Anfang März. Da stellen nämlich die 51- bis 60-Jährigen mit 365 Betroffenen den größten Anteil, wenn auch nur knapp vor den 21- bis 30-Jährigen mit 364 Fällen, dicht gefolgt von den 41- bis 50-Jährigen (354). Mit einem gewissen Abstand folgen darauf dann die 31- bis 40-Jährigen (274).

Auch bei der Aufteilung nach Geschlecht ergibt sich in der Gesamtschau ein anderes Ergebnis als bei den aktuellen Fällen. Denn da sind in der Mehrzahl Frauen betroffen. Besonders prägnant zeigt sich dies bei den Altersgruppen von 41 bis 50 und 51 bis 60 Jahre. Da macht die Differenz jeweils rund 50 Betroffene aus. Auch dazu gibt es vonseiten des Landratsamts keine Erklärung. Doch ein Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit von Frauen erscheint nicht unbegründet: Frauen – zumal auch in diesen Altersgruppen – arbeiten häufig an Stellen, an denen sie vielen Kontakten und damit einer höheren Gefährdung ausgesetzt sind, sei es als Verkäuferinnen im Einzelhandel, als Kassierinnen in Supermärkten oder als Pflegekräfte in Kliniken und Heimen.

Kurioses zeigt eine weitere Statistik des Landratsamts: Die Zahl der seit Anfang August gemeldeten Fälle schwankt erheblich. An manchen Tagen stehen nur einer oder zwei Fälle in der Bilanz, mitunter sogar keiner. Dafür gibt es Tage, an denen 20 Fälle und mehr gemeldet werden. Zuletzt war dies mit 22 Neuinfektionen am Dienstag dieser Woche der Fall.

Backnang fällt mit 24 aktiven Coronafällen im kreisweiten Vergleich auf – eine Situation völlig entgegen dem Trend an Rems und Murr, wo die Neuinfektionen insgesamt zurückgehen. Die Grafik des Landratsamts zeigt zudem, dass viele Backnanger Umlandgemeinden derzeit quarantänefrei sind.

Backnang fällt mit 24 aktiven Coronafällen im kreisweiten Vergleich auf – eine Situation völlig entgegen dem Trend an Rems und Murr, wo die Neuinfektionen insgesamt zurückgehen. Die Grafik des Landratsamts zeigt zudem, dass viele Backnanger Umlandgemeinden derzeit quarantänefrei sind.

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Erstellt:
19. September 2020, 06:00 Uhr

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