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„Cyberangriffe – ein ganz heißes Thema“

Das Interview: Warum gibt es Stromausfälle und wie werden sie behoben? Darüber spricht Syna-Standortleiter Michael Meyle

Den Stecker rein in die Dose, dann fließt der Strom. Die Lampe leuchtet, der Kühlschrank kühlt, der Ventilator dreht durch und das Handy wird geladen. So sind wir es gewohnt. Aber was ist, wenn es keinen Saft mehr aus der Dose gibt? Stromausfall – was dann? Über dieses Thema informiert Michael Meyle, Standortleiter des Netzbetreibers Syna, im Interview mit unserer Zeitung.

Interview auf dem Gelände der Umspannanlage in Backnang-Maubach. Syna-Standortleiter Michael Meyle informiert über Netzstörungen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Interview auf dem Gelände der Umspannanlage in Backnang-Maubach. Syna-Standortleiter Michael Meyle informiert über Netzstörungen. Foto: J. Fiedler

Von Florian Muhl

Die Stromversorgung in Deutschland funktioniert recht stabil. Hin und wieder kommt es aber doch zu einem Stromausfall. Wie verhalte ich mich dann richtig?

Da muss man unterscheiden: Geht’s um einen kurzzeitigen Ausfall von etwa zwei bis drei Stunden im schlimmsten Fall, wo ich als Bürger in der Lage bin, Vorkehrungen zu treffen. Jeder sollte beispielsweise einen Wasservorrat bereithalten und eine Kerze sowie ein Streichholz oder ein Feuerzeug in greifbarer Nähe haben. Bei den etwas länger anhaltenden Stromausfällen, die bei uns zum Glück sehr selten sind, da sind eher die Kommunen und die öffentlichen Institutionen in der Pflicht, sich durch entsprechende Konzeptionen und Notfallpläne auf so einen Fall vorzubereiten.

Ab wann sprechen Sie von etwas länger anhaltenden Stromausfällen?

Da sprechen wir von Ausfällen von bis zu zwei oder drei Tagen. Es gibt wissenschaftliche Ausarbeitungen, die besagen: Alles, was darüber hinausgeht, da geht’s ganz stark ans soziale Umfeld der Leute, das verloren geht. Nach zwei bis drei Tagen fühlt sich jeder so allein gelassen, dass die Gefahr zunimmt, dass Leute beispielsweise anfangen, Supermärkte zu plündern.

Wie kann es zu Stromausfällen kommen? Welche Ursachen gibt es dafür?

Die Hauptursache ist beim Kabel wirklich der klassische Baggerbiss. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Tiefbauunternehmer und Landschaftsgärtner oftmals ihrer Pflicht nicht nachkommen, sich über die Gegebenheiten vor Ort zu informieren. Uns ist es mittlerweile wichtig, dass wir über digitale Portale auch online unsere Pläne zur Verfügung stellen, dass es nicht daran scheitert, dass jemand nicht rechtzeitig einen Plan von uns bekommen hat.

Die Ursache für einen Stromausfall in Backnang am 23. Juli war „ein Kabelfehler“ – was bedeutet das?

Beim Kabel können das thermische Einflüsse sein, also ohne Fremdeinwirkung. Lang anhaltende Regenfälle, auch lange Trockenheit verändert die physikalische Eigenschaft des Kabels so, dass wenn es vielleicht schon angeschlagen war oder ein entsprechendes Alter hat, es dann eventuell zum Ausfall kommen kann.

Und wie sieht es bei Freileitungen aus?

Bei Freileitungen ists meist eine mechanische Störung, also beispielsweise: Kran fährt in Freileitung und reißt sie runter. Hier im Schwäbischen Wald ist der Klassiker im Winter: Schneebruch, Wind, Bäume fallen auf die Leitung. Hier zahlt sich einerseits aus, dass wir schon viele Freileitungen verkabelt haben, aber das können wir nicht überall, und andererseits, dass wir die Freileitungsschneisen so freischneiden, dass die Gefahr erst gar nicht besteht, dass ein alter, brüchiger Baum, der umfällt, die Freileitung beschädigt.

Wie reagiert der Netzbetreiber Syna, wenn ein Stromausfall bekannt wird?

Bestenfalls geht die Meldung als Erstes bei unseren Netzleitstellen ein, entweder automatisiert, wie beim Fall: Bagger greift ins Kabel. Störmeldung kommt an und Kabel wird automatisiert abgeschaltet. Oder im Niederspannungsbereich, wenn uns unsere Netzkunden über die kostenlose Hotline anrufen und uns eine Störung melden. Dann wird die Störung von unseren Schaltmeistern in der Netzleitstelle lokalisiert, die rund um die Uhr jeden Tag das ganze Jahr über besetzt ist. Und dann werden die Maßnahmen ergriffen. Dann wird Bereitschaftspersonal alarmiert, das zur Störungsstelle fährt und diese Störung behebt. Auch hier helfen allen Beteiligten neue Portale wie www.stromausfall.de, das von der Syna mit entwickelt wurde.

Wie kommt es, dass einige Kunden sofort wieder Strom haben, andere etwas länger warten müssen?

Unsere Netze sind N-1-sicher aufgebaut, das heißt, wenn ein Bauteil ausfällt, kann mindestens ein zweites dafür einspringen. Und das wiederum bedeutet, dass unser Personal vor Ort oft durch Umschaltungen im Netz kurzfristig die Stromversorgung wiederherstellen kann. Dadurch wird eine fehlerhafte Strecke, ob Kabel oder Freileitung, herausgeschaltet und am nächsten regulären Arbeitstag wird der Fehler durch unser Bauteam wieder behoben. Den Netzleitstellen obliegt die Hoheit, auch eine sofortige Schadensbehebung außerhalb der Arbeitszeit anzuordnen. Die N-1-Sicherheit gilt von der Hochspannungsebene, was die Umspanner in der Umspannungsanlage angeht, bis runter zu einer Trafo-Station, aus der wiederum die Wohn- und Gewerbegebiete versorgt werden. Auch in der Niederspannung haben wir ein vermaschtes Netz, wo sich einzelne Störungen von Niederspannungskabeln herausschalten und kompensieren lassen, allerdings nicht bis hin zum Endkunden in den Hausanschlusskasten des Kellers.

Was kann die Syna im Vorfeld tun, um die Stromausfallquote niedrig zu halten?

Ein ganz wichtiges Thema, das wir uns einiges an Geld kosten lassen. Entscheidend ist, dass wir eine vernünftige Instandhaltungs- und Wartungsstrategie haben und dass wir zu Erkenntnissen gelangen, Bauteile so frühzeitig zu identifizieren, dass die ausgetauscht werden, bevor es zu dieser Störung kommt. Freileitungen beispielsweise sind viel wartungsintensiver als Kabel. Deshalb haben wir viel verkabelt und wir tauschen frühzeitig störanfällige Bauteile aus. Zudem entwickeln wir gerade ein System mit künstlicher Intelligenz, bei dem über Algorithmen errechnet wird, wie störanfällig ein Kabel ist, und das bestenfalls vorgibt, welche Kabel vorsorglich auszutauschen sind, damit wir einer Störung vorgreifen können.

Wie viele Stromausfälle gibt es bei der Syna im Vergleich zu anderen Netzen?

Da sind wir sehr stolz drauf, dass unsere Ausfallzeiten unterhalb des Bundesdurchschnitts liegen. Wir liegen bei 11 Minuten durchschnittliche Versorgungsunterbrechung je angeschlossenem Letztverbraucher innerhalb eines Kalenderjahres. Bundesweit sind’s 13, 14 Minuten und europaweit geht’s schon in die 20er-, 30er-, 40er-Minutenbereiche.

Für wie gefährlich schätzen Sie Cyberangriffe für die hiesige Stromversorgung ein?

Das ist ein ganz heißes Thema, das wir auf dem Schirm haben. Wir sind auch ISMS-zertifiziert. Diese Informationssicherheits-Managementsystem-Zertifizierung wird von Netzbetreibern verlangt, um sich als verlässlicher Netzbetreiber zu qualifizieren. Wir müssen in der Lage sein, diese Cyberangriffe abzuwehren. Und wir haben, ohne jetzt eine Zahl nennen zu wollen, pro Woche, vermutlich sogar pro Tag, eine gewisse Anzahl an Hackerangriffen auf unsere vom Büroalltag entkoppelten Netzsysteme, die erfolgreich abgewehrt wurden. Da ging noch keiner durch, hat noch keiner zum Ausfall geführt. Aber es ist mittlerweile leider an der Tagesordnung, dass – wer auch immer das macht – durch einen solchen Hackerangriff versucht wird, die Infrastruktur von Netzbetreibern anzugreifen.

Müssen Sie solche Hackerangriffe melden?

Ja, das sind Themen, die über die Bundesnetzagentur dokumentiert werden. Wir haben schon relativ lang eine ganz eigenständige Organisationseinheit, die ganz oben an der Geschäftsführung der Syna angesiedelt ist und die sich nur um diese IT-Sicherheit kümmert. Wir machen auch jährliche Krisenübungen. Eine der letzten hatte folgendes Thema: Das Unternehmen wird durch einen Cyberangriff beschädigt, bedroht, wie auch immer – wie gehen wir damit um?

Wenn es nach einem Cyberangriff, oder auch nach einem Hochwasser, zu einem mehrtägigen Stromausfall kommt, wie kann sich eine Stadt wie Backnang darauf vorbereiten?

Das Regierungspräsidium sagt: Jede Kommune sollte selbst in der Lage sein, sich auf solche Fälle vorzubereiten. Da greift die Notstromkonzeption, mit der wir die Kommunen mit unserem Know-how unterstützen wollen, indem wir hinterfragen: Wo liegt in diesem Zusammenhang das Handlungspotenzial bei der Vorbereitung der Infrastruktur? Wie wird das öffentliche Leben bei zwei bis drei Tagen Stromausfall gesichert? Wo tagt der Krisenstab und was braucht er? Zugriff auf sensible Daten aus der Stadtverwaltung zum Beispiel. Wie wird die Stromversorgung in der Notunterkunft sichergestellt, wo Hilfe bedürftige Personen hin verlagert werden? An der Stromversorgung hängen auch andere Medien mit dran – ohne Strom gibt’s in der Regel nach absehbarer Zeit auch keine Wasserversorgung. Auch die Kläranlagen funktionieren vielleicht nicht mehr. Lauter Themen, die wir in dieses breite kommunale Produkt Notstromkonzeption mit reinpacken, bis hin zum Thema: Wie kommunizierst du als Kommune. Denn auch das Festnetz funktioniert nicht mehr und das Mobilfunknetz bricht nach gewisser Zeit auch zusammen. Weitere Themen sind Verpflegung und medizinische Versorgung der Bürger und Koordination der sozialen Dienste.

Glauben Sie an den Zusammenhang zwischen einem längeren Stromausfall und einer erhöhten Geburtenrate im betreffenden Gebiet neun Monate später?

Ich glaube dadran, weil’s anscheinend statistisch belegt ist. Wenn man mal im Jahr 2005 diese länger anhaltenden Münsterland-Stromausfälle über mehrere Tage analysiert, da spricht man ja mittlerweile von sogenannten Schneechaos-Kindern, die an diesem ersten Adventswochenende entstanden sind und neun Monate später das Licht der Welt erblickt haben. In den 60er-Jahren hatte man in New York einen noch größeren Stromausfall, auch dort ist die Geburtenrate deutlich nach oben gegangen. Wenn man keinen Strom mehr hat, kein Licht mehr hat, mittlerweile auch kein Internet mehr nutzen kann, setzt irgendwann Langeweile ein und es liegt in der Natur des Menschen, diese Langeweile zu beheben. Und zum Wohle unserer eigenen Rentenvorsorge über den Generationenvertrag glaube und hoffe ich an diesen Zusammenhang.

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Erstellt:
16. August 2019, 08:44 Uhr

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