Alternativer Wolf- und Bärenpark

Daria, Jurka & Co. - Wildtiere finden im Schwarzwald neue Heimat

Im Alternativen Wolf- und Bärenpark leben Tiere, die aus Notlagen gerettet wurden. Unter ihnen ist auch die Mutter von „Problembär“ Bruno.

Eine vorübergehend aus ihrer Winterruhe aufgewachte Bärin liegt im Eingang ihrer Höhle im Alternativen Wolf- und Bärenpark.

© dpa/Philipp von Ditfurth

Eine vorübergehend aus ihrer Winterruhe aufgewachte Bärin liegt im Eingang ihrer Höhle im Alternativen Wolf- und Bärenpark.

Von red/dpa

Luchs Hero wird in der winterlichen Freianlage gefüttert, es gibt Rindfleisch. Beim Laufen knickt das acht Jahre alte Raubtier nach hinten weg. Die Behinderung hält den Luchs mit den charakteristischen Pinselohren aber nicht davon ab, zügig seine Nahrung zu suchen.   

Hero stammt eigentlich aus dem Ostseeland Litauen und lebt seit rund zweieinhalb Jahren im Alternativen Wolf- und Bärenpark im Schwarzwald. Das Tier wurde in seiner baltischen Heimat für ein Projekt zur Auswilderung gezüchtet, kam aber wegen seiner Behinderung in ein Zoogehege.

„Dann gab es keinen Platz mehr, und er sollte eingeschläfert werden“, berichtet der Geschäftsführer der Tierschutzeinrichtung, Bernd Nonnenmacher. „Wir haben ihn dann aufgenommen.“ Den englischen Namen Hero (deutsch: Held) trage der rund 25 Kilo schwere Beutegreifer, weil er ein Kämpfer sei.   

Die Einrichtung will kein normaler Tierpark sein

Die Einrichtung in Bad Rippoldsau-Schapbach im Kreis Freudenstadt will kein normaler Tierpark sein. Sie sieht sich als ein Ort, an dem Bären, Luchse und Wölfe in naturnaher Umgebung zu einem normalen Leben zurückfinden können.

Die Betreiber haben sich auf die Fahnen geschrieben, dass Wildtiere eigentlich in freier Natur leben und überhaupt nicht zur Schau gestellt werden sollten. Die Realität sieht aber anders aus und lässt mitunter wenig Platz für Visionen. Immer wieder werden Tiere in einem Zoo, einem Zirkus oder bei Privatleuten in prekären Verhältnissen aufgefunden - in engen Käfigen, auf einem Betonboden oder schimmeligem Stroh. Mitunter wird sogar illegal mit den Tieren gehandelt.

In der zehn Hektar großen Anlage im Schwarzwald gibt es zurzeit nur einen Wolf, ein weibliches Tier aus Litauen namens Gaia. Die Bären kommen aus ganz Europa, aus Albanien, Spanien, Italien oder Frankreich. So lebte die inzwischen über 30 Jahre alte Braunbärin Daria in einem spanischen Zoo, der geschlossen wurde. 

„Wir haben zwölf Bären auf der Warteliste“, erzählt Nonnenmacher. Der 50-Jährige mit dunkelgrüner Forstmontur und breitkrempigem Hut ist auch für den Bärenpark im thüringischen Leinefelde-Worbis verantwortlich. Hinter den beiden Tierschutzprojekten, die sich in erster Linie über Spenden und Eintrittsgelder finanzieren, steht die Stiftung für Bären. An den grünen Zäunen der weitläufigen Anlage im Schwarzwald hängen Schilder, um Besucher auf Tierschicksale aufmerksam zu machen. Es kommen Nonnenmacher zufolge zwischen 80 000 und 90 000 Menschen im Jahr. 

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine löst dort auch Leid für gefangene Tiere aus. „Das bringt ganz Europa durcheinander“, resümiert Nonnenmacher mit Blick auf grenzüberschreitende Tierrettungen. In dem Krisenland am Südostrand Europas gebe es immer noch zahlreiche Bären, die privat gehalten werden.   

Nonnenmacher und andere Tierschützer schauen nicht einfach zu

Nonnenmacher und andere Tierschützer schauen nicht einfach zu: Vor knapp zwei Jahren holten sie drei Bären aus der Ukraine. Zwei von ihnen, die jungen Braunbären Popeye und Asuka, leben mittlerweile im Bärenpark in Thüringen. Eine Kragenbärin fand im schleswig-holsteinischen Tierschutzzentrum Weidefeld des Deutschen Tierschutzbundes ein neues Zuhause.

„Das war sehr nervenaufreibend“, erzählt Nonnenmacher.  „Wir haben 13 Stunden an der ukrainisch-polnischen Grenze gestanden und wussten nicht, ob wir da durchkommen.“ Eine neue Rettungsmission ist im Frühjahr geplant - Details werden bisher nicht verraten. 

Auch die Tierschutzstiftung Vier Pfoten schaltete sich in die Rettung von Bären aus der Ukraine ein. Zwei Braunbären kamen im vergangenen Sommer im Bärenwald Stuer an der Mecklenburgischen Seenplatte an, wie Sprecherin Susanne von Pölnitz berichtet. Der Transport sei nötig gewesen, da die Tiere medizinisch behandelt werden mussten.  

Der Schwarzwälder Park hat seit Gründung im Jahr 2010 so etwas wie ein Symboltier - es ist Jurka, eine Braunbärin, die ursprünglich aus Slowenien stammt. Über ein Artenschutzprogramm gelangte sie nach Norditalien, wo sie Nachwuchs bekam. Dann nahm das Drama seinen Lauf, wie Nonnenmacher schildert: „Jurka wurde angefüttert“ - das heißt mit Futter in die Nähe menschlicher Siedlungen gelockt. 

Die Bärin und ihr Nachwuchs verhielten sich daraufhin auffällig. Sohn Bruno wanderte aus: Er war im Sommer 2006 der erste Bär, der nach 170 Jahren seine Tatzen auf bayerischen Boden setzte. Wochenlang versuchten Behörden, den streng geschützten Bären zu fangen. Er riss Schafe, plünderte Bienenstöcke und marschierte durch Ortschaften. Schließlich wurde der „Problembär“ im bayerischen Rotwandgebiet abgeschossen.

Im Sommer kommt ein Bär auf rund 50 Kilo Gemüse pro Tag

Die als Gaia oder JJ4 bekannte Schwester von Bruno löste ebenfalls Schlagzeilen aus, aber in Italien. JJ4 griff im vergangenen April einen 26 Jahre alten Jogger in der nördlichen Provinz Trentino an und verletzte ihn tödlich. Regionalpräsident Maurizio Fugatti ordnete daraufhin an, die Bärin zu erlegen. Gerichte stoppten allerdings das Dekret nach Eilanträgen von Tierschützern. JJ4 wurde lebend gefangen und vorläufig in ein Gehege nahe Trient gebracht. Die Debatte um das Zusammenleben von Bär und Mensch hat sich seitdem in Italien zugespitzt.

Bären halten Winterruhe und sind deshalb in der kalten Jahreszeit nur gelegentlich in der Schwarzwald-Anlage zu sehen. Für die Tierpflegerinnen und -pfleger ist dann zumindest beim Füttern weniger zu tun. Im Sommer kommt ein Bär auf rund 50 Kilo Gemüse pro Tag, das macht bei neun Bären zusammen 450 Kilo. „Das heißt Schleppen - wie auf dem Wochenmarkt“, sagt Tierpflegerin Esther Kohnke augenzwinkernd.  

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Erstellt:
14. Februar 2024, 07:04 Uhr

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