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Das älteste Gerberviertel der Stadt

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Der Biegel und die Lederfabrik Kaess. Die Backnanger waren stolz auf ihre süddeutsche Gerberstadt. Exponate aus der ehemaligen Backnanger Lederindustrie sind im Technikforum zu sehen.

Beim Lohkäs-Trampeln stellte man einen Brennstoff aus Abfallprodukten der Gerberei her. Die Aufnahme ist um 1900 vor einem Lohkäs-Stand im Backnanger Biegel entstanden.

Beim Lohkäs-Trampeln stellte man einen Brennstoff aus Abfallprodukten der Gerberei her. Die Aufnahme ist um 1900 vor einem Lohkäs-Stand im Backnanger Biegel entstanden.

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Der Biegel war einst das älteste Gerberviertel der Stadt. Schon für das 15. Jahrhundert ist eine Bebauung des Areals überliefert, die in den Quellen als „Vorstatt hindenus“ bezeichnet wird, informiert das Backnang-Lexikon.

Das Gebiet zwischen Stadtmauer und Murr hieß „Rommelwiesen“, und ein Teil bei der Sulzbacher Brücke „Im Biegel“. Dort befanden sich Gerberwerkstätten außerhalb der Stadtmauer an der Murr. Zunächst wohnten die Handwerker noch innerhalb der schützenden Stadtmauer. Später wurden die Gerbereien zu Wohn- und Arbeitsstätten ausgebaut.

Das Backnang-Lexikon gibt an, dass die Bezeichnung Biegel daher rühre, dass seine ursprüngliche Bebauung jeder geordneten Planung entbehrte und völlig verwinkelt war.

Im Mittelhochdeutschen bedeutete das Wort „Biegel“ Winkel oder Ecke. Betrachtet man den Verlauf der Murr, so denkt man sofort an das Wort „Biegung“. Genaues zu einem solchen Ursprung des Namens ist aber nicht belegt.

Im Jahr 1837 erwarb Carl Kaess im Biegel die Hälfte eines Gebäudes und richtete darin eine Rotgerberei ein, heißt es im Backnang-Lexikon weiter. Wie seine Vorfahren hatte er das traditionelle Gerberhandwerk erlernt. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich eine der größten Lederfabriken Backnangs. Zunächst vergrößerte Carl Kaess seine Gerberei durch verschiedene Zukäufe und bauliche Erweiterungen. Spätestens 1873 ließ er eine erste Dampfmaschine aufstellen und schaffte dadurch den Übergang zur Lederfabrik. Nach und nach verdrängte sie die kleinen Gerberhäuser und breitete sich über den Bereich der Rommelwiesen aus.

1937/38 wurde in Richtung Schöntal eine Arbeitersiedlung gebaut.
Sein jüngster Sohn Gottlieb übernahm 1885 die Lederfabrik und führte sie unter dem Namen Carl Kaess weiter. Der Zusammenschluss mit der Unteren Fabrik seines Bruders Robert Kaess erfolgte 1891. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übernahm Robert Kaess die alleinige Führung des Unternehmens und erweiterte die Lederfabrik im Biegel ständig. Nach seinem Tod 1934 wurde 1937/38 eine Arbeitersiedlung in Richtung Schöntal gebaut, die von Roberts Sohn Carl maßgeblich mitfinanziert wurde. Sie wurde nach dessen Vater, der in Backnang im politischen und sozialen Bereich sehr engagiert war, Robert-Kaess-Siedlung genannt und auch eine Straße dort trägt seinen Namen.

Eine kolorierte Postkarte, die um 1910 entstanden ist, zeigt alte Gerberhäuser, die von der Sulzbacher Straße bis etwa zum Biegel-Wehr reichen. Das Ufer der Murr war in diesem Bereich nicht befestigt, so kam es natürlich häufig zu Überschwemmungen. Einfache Holzbrücken führten über den Fluss zu den Trockenplätzen auf der anderen Uferseite, zu denen die schweren, nassen Lederstücke getragen werden mussten. Die Lederfabrik Kaess im Zentrum der Fotografie nimmt bereits einen großen Teil des Areals ein. Das hohe weiße Gebäude, die „Villa Kaess“, beherbergte Wohnräume des Fabrikanten und die Verwaltung.

In den 1930er-Jahren fielen die letzten traditionellen Gerberhäuser entlang der Murr der Erweiterung der Lederfabrik zum Opfer. Außer den alten Gerberhäusern an der Murr gab es im Biegel früher auch Wohnhäuser von Arbeitern und Handwerkern. Ein Foto, das um 1900 entstanden ist, zeigt Anwohner oder Arbeitskräfte beim „Lohkäs-Trampeln“. Aus Abfallprodukten der Gerberei stellte man einen Brennstoff her. Dazu wurde der ausgelaugte Gerbstoff (Eichenrinde/Lohe) in Rundformen (Käse) gefüllt und mit den Füßen durch Stampfen entwässert und verdichtet, hat Peter Wolf bei Gesprächen mit älteren, ehemaligen Gerbern erfahren. Auf dem Foto ist ein Lohkäs-Stand zu sehen, in dessen oberem Bereich das Material zum Trocknen gelagert wurde. Danach diente es als Brennstoff für die Haushalte. Der Backnanger Karnevals-Club, der sich auf das typische, traditionelle Handwerk der Gerberstadt Backnang bezieht, hat seiner Guggenmusikgruppe den Namen „Lohkäs-Trampler“ gegeben.

Nach der Schließung der Lederfabrik Kaess im Jahr 1985 wurden die Fabrikgebäude komplett abgerissen. Es entstand das neue innerstädtische Wohn- und Geschäftszentrum Biegel, in dem sich auch ein Teil der Backnanger Stadtverwaltung und der Willy-Brandt-Platz befinden. Heute gibt es in Backnang keinen lederverarbeitenden Betrieb mehr. Im Technikforum erinnern aber liebevoll restauriere Exponate daran.

Um 1910 entstand diese kolorierte Postkarte. Das Foto ist vom Hagenbach aus aufgenommen und zeigt die alten Gerberhäuser und die Lederfabrik Carl Kaess in Backnang. Repros: P. Wolf

Um 1910 entstand diese kolorierte Postkarte. Das Foto ist vom Hagenbach aus aufgenommen und zeigt die alten Gerberhäuser und die Lederfabrik Carl Kaess in Backnang. Repros: P. Wolf

Ein Fabrikgebäude mit Trockenplatz für Leder 1892. In den 1930er-Jahren fielen die letzten traditionellen Gerberhäuser entlang der Murr der Erweiterung der Lederfabrik Kaess zum Opfer.

Ein Fabrikgebäude mit Trockenplatz für Leder 1892. In den 1930er-Jahren fielen die letzten traditionellen Gerberhäuser entlang der Murr der Erweiterung der Lederfabrik Kaess zum Opfer.

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Erstellt:
20. August 2020, 06:00 Uhr

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