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Das Baby von der Tankstelle

Vera Kailers Sohn Luca kam an der OMV in Weissach zur Welt – Freundin wurde zur Hebamme

Wochenlang hatte Vera Kailer immer wieder Wehen, dann ging es auf einmal ganz schnell mit der Geburt ihres Sohnes. Die Fahrt ins Krankenhaus musste an der OMV-Tankstelle in Weissach unterbrochen werden, die beste Freundin ist kurzerhand als Hebamme eingesprungen und wenige Minuten später erblickte Sohn Luca das Licht der Welt.

Bei der Geburt von Vera und Jens Kailers Sohn Luca (in der Mitte, mit seinem großen Bruder Max) an der OMV-Tankstelle in Weissach haben Nathalie Knebel, Jessica Kliegl, Sarah Contessa und Sandra Knebel (von links) kurzerhand mitgeholfen. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Bei der Geburt von Vera und Jens Kailers Sohn Luca (in der Mitte, mit seinem großen Bruder Max) an der OMV-Tankstelle in Weissach haben Nathalie Knebel, Jessica Kliegl, Sarah Contessa und Sandra Knebel (von links) kurzerhand mitgeholfen. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

WEISSACH IM TAL. Seelenruhig schläft der wenige Tage alte Luca. Für welche Aufregung er gesorgt hat – es scheint ihn nicht weiter zu stören. „Da ist ja das Tankstellenbaby“, begrüßt ihn Sandra Knebel lachend. Sie und ihr Mann Rudi betreiben die OMV-Tankstelle in Weissach im Tal und beide waren bei der Geburt des Kleinen dabei – sehr zu ihrer Überraschung. Als Jessica Kliegl am 24. Mai in die Tankstelle stürmte und den Knebels zurief, sie mögen einen Krankenwagen rufen, das Baby ihrer Freundin komme, dachte Sandra Knebel noch: „Das kann doch nicht sein!“ So etwas, meint man, passiert schließlich nur in Filmen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so was je erlebe“, sagt sie.

So ging es auch Vera Kailer. In der Nacht gegen 2 Uhr habe sie zu Hause in Auenwald-Oberbrüden Wehen bekommen, erzählt die 30-Jährige. „Da waren sie aber noch nicht sehr intensiv. Ich dachte, das dauert bestimmt noch eine Weile.“ Ihr Mann Jens, der als Berufskraftfahrer arbeitet, machte sich deshalb um 3 Uhr auf zur Arbeit. Gegen 6.30 Uhr am Morgen sei ihr dann aber klar gewesen: Es geht los! Vera Kailer sagte ihrer Schwester sowie ihrer besten Freundin Jessica Kliegl Bescheid. Trotz der Wehen schaffte sie es noch, ihren älteren Sohn Max anzuziehen und ihm ein Vesper zu machen. „Ich habe mich sogar noch geschminkt“, erzählt sie grinsend. Gegen 8 Uhr ging es dann los in Richtung Krankenhaus – ursprünglich habe sie geplant, in Stuttgart zu entbinden, erzählt Kailer. „Auf dem Weg zum Auto ist sie aber schon zusammengesackt“, erinnert sich Kliegl. Also, auf nach Winnenden.

So weit sollten die beiden Frauen aber nicht kommen. „Schon als wir in Mittelbrüden auf der Höhe des Supermarkts waren, hat Vera angefangen zu schreien“, erklärt Jessica Kliegl. Sie ist selbst Mutter, ihr sei schnell klar gewesen, dass die Geburt unmittelbar bevorstand. Kurz nach der Ortseinfahrt Weissach platzte dann auch die Fruchtblase, woraufhin Kliegl an besagter Tankstelle anhielt.

Über das Telefon gab ihr eine Hebamme aus dem Winnender Krankenhaus Hilfestellung. „Sie sagte mir, wie ich meine Hand zu halten habe, wenn das Baby kommt“, erinnert die gelernte Friseurin sich. „Ziehen Sie bloß nicht, das Kind kommt schon von selbst“ – dieser Rat habe sich eingeprägt.

Papa Jens kam gerade noch rechtzeitig zum Abnabeln

Während Sandra und Rudi Knebel, deren Tochter Nathalie und Sarah Contessa von der ALC Kfz-Reparatur nebenan den Notarzt verständigten und die Gebärende mit Handtüchern und Getränken versorgten, übernahm Jessica Kliegl also kurzerhand die Rolle der Hebamme. „Das wollte ich immer schon werden“, erzählt sie. Dass es so kam, habe sie dann aber doch überrascht.

Wie verdutzt ihre Kunden geschaut haben, daran kann sich Sandra Knebel noch gut erinnern. Eine Kundin, die eigentlich Benzin für 20 Euro habe tanken wollen, habe aus Versehen vollgetankt. „Machst du jetzt noch eine Entbindungsstation auf?“, habe jemand anderes gefragt. Vera Kailer hat davon gar nichts mitbekommen. Nur etwa vier Minuten später, bevor der Notarzt am Ort des Geschehens eintraf, erblickte der kleine Luca dann auch schon das Licht der Welt. „In seiner Geburtsurkunde steht als Geburtsort auch Weissach im Tal. Im Blättle haben sie sogar die Adresse dazu geschrieben“, erzählt Vater Jens. Die Geburt selbst habe er verpasst, er sei aber gerade noch rechtzeitig eingetroffen, um beim Abnabeln noch dabei zu sein.

Während Vera Kailer im Anschluss ins Krankenhaus gebracht wurde, waren ihre Geburtshelferinnen noch ganz aufgewühlt. „Da denkt man den ganzen Tag noch drüber nach“, sagt Sarah Contessa, die selbst mit ihrem ersten Kind schwanger ist. Auch Jessica Kliegl hat erst mal nicht weiterfahren können, erzählt sie. „Ich war so aufgeregt.“ Zusammen mit den Knebels stieß sie deshalb mit Sekt auf die gelungene Geburt ihres Patenkinds an. Am gleichen Tag noch war sie bei einem Schulfest im Einsatz, erzählt Kliegl. Dort sei sie bereits auf die spontane Geburt an der Tankstelle angesprochen worden – eine andere Mutter hatte das Geschehen beobachtet. „Das hat Kreise gezogen“, erzählt sie lachend.

Nicht nur haben die Beteiligten nun einiges zu erzählen, Vera Kailer beschreibt die Geburt im Nachhinein auch als tolles Erlebnis. „Das war etwas ganz anderes“, versucht sie, das Geschehene in Worte zu fassen. Direkt im Anschluss sei sie erst einmal überwältigt gewesen. „Ich habe eine Weile gebraucht, um zu realisieren, dass die Geburt schon rum ist.“ Aber das Gefühl, das Kind selbst zur Welt gebracht zu haben, ohne fachmännische Hilfe, dafür aber mit Unterstützung der besten Freundin – das sei schön. „Und die anfängliche Bindung zum Kind ist ganz anders.“ „Das nächste Kind kann bei dir zu Hause kommen, wir sind ja jetzt Profis“, scherzt Jessica Kliegl. Wie alle Beteiligten ist sie erleichtert, dass alles gut gegangen ist und Mutter und Kind wohlauf sind. „Mir geht es sogar besser als nach Max‘ Geburt“, sagt Vera Kailer. Das Familienleben zu viert funktioniere sehr gut, Max sei ganz stolz auf seinen kleinen Bruder. Luca, der Star der Geschichte, hat die ganze Unterhaltung allerdings verschlafen.

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Erstellt:
5. Juni 2019, 06:00 Uhr

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