Das Ende der Kreidezeit ist in Sicht

In der Coronakrise wurde es offensichtlich: Bei der Digitalisierung der Schulen hinkt Deutschland anderen Ländern weit hinterher. In Backnang hat man das Defizit schon länger erkannt. Bis 2024 will die Stadt ihre Schulen fit für die Zukunft machen.

Sabrina Spiller unterrichtet die Klasse 5d an der Max-Eyth-Realschule mit dem Smartboard. Momentan ist das in Backnang aber noch eine Ausnahme. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Sabrina Spiller unterrichtet die Klasse 5d an der Max-Eyth-Realschule mit dem Smartboard. Momentan ist das in Backnang aber noch eine Ausnahme. Foto: J. Fiedler

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Im Zimmer 119 der Max-Eyth-Realschule hat die digitale Zukunft schon begonnen: Neben Kreidetafel und Tageslichtprojektor steht dort seit wenigen Tagen ein neues Smartboard. Das Gerät, das aussieht wie ein überdimensionaler Fernseher, eröffnet Lehrerin Sabrina Spiller im Mathematikunterricht ganz neue Möglichkeiten. Auf dem Touchscreen kann sie nicht nur Tafelaufschriebe anfertigen, sondern auch Videos abspielen, Grafiken erstellen oder den Schülern interaktive Modelle präsentieren. Rund 10000 Euro hat das Smartboard gekostet. Es ist eines von vier Testgeräten, die die Stadt Backnang angeschafft hat, um sie an den beiden Realschulen zu erproben. Bis in vier Jahren könnte so eine digitale Tafel in allen Backnanger Klassenzimmern stehen.

„Lernen verändert sich, darauf müssen die Schulen Antworten finden“, sagt Heinz Harter, Rektor der Max-Eyth-Realschule und geschäftsführender Schulleiter der Backnanger Schulen. Als die Schulen im März wegen Corona von einem Tag auf den anderen auf Fernlernen umstellen mussten, wurde deutlich, dass die digitale Ausstattung vielerorts mangelhaft ist. Das Problem sei aber schon vorher bekannt gewesen, sagt der Backnanger Hauptamtsleiter Timo Mäule. Deshalb habe man vor drei Jahren damit begonnen, ein Konzept für die Digitalisierung zu erarbeiten, im Dezember 2019 wurde es vom Gemeinderat abgesegnet.

Die Anschaffung von Endgeräten für Lehrer und Schüler sei dabei eigentlich der letzte Punkt auf der Liste, erklärt Mäule: „Vorher müssen noch ganz viele andere Dinge geregelt werden.“ Zunächst einmal bräuchten die Schulen einen leistungsfähigen Breitbandanschluss und ein ebenso leistungsfähiges WLAN. Denn wenn im Unterricht künftig Hunderte Schüler gleichzeitig online sind, werden natürlich ganz andere Datenmengen übertragen als bisher. Außerdem müssten die Netze wirkungsvoll vor unbefugten Zugriffen geschützt werden.

755 neue iPads sind jetzt als Leihgeräte verfügbar.

Für die Verantwortlichen war klar, dass man diese komplexen Aufgaben nicht mehr wie früher einem computeraffinen Lehrer als Nebenjob überlassen kann. „Wir brauchen eine professionelle Herangehensweise“, sagt Harter. Weil es aber nicht sinnvoll gewesen wäre, für jede Schule einen eigenen IT-Experten einzustellen, hat man in Backnang beschlossen, die Aufgaben zu zentralisieren. Im Hauptamt der Stadt wurde ein Team für die Schuldigitalisierung eingerichtet. Aktuell besteht es aus drei Fachinformatikern, bis in drei Jahren sollen es sechs sein. „Wir verstehen uns als Dienstleister für die Schulen“, sagt Timo Mäule.

Im ersten Schritt hätten seine Kollegen und er den Status quo an den Schulen erfasst, der sehr unterschiedlich sei, berichtet Teamleiter Matthias Schupp. Nun gehe es darum, die Infrastruktur aufzubauen. Möglichst alle Schulen sollen an das bereits bestehende städtische Glasfasernetz angeschlossen werden. Künftig soll es dann auch nur noch einen zentralen Server in der Stadtmitte geben, was sowohl sicherer als auch wirtschaftlicher sei als viele kleine vor Ort. Auch bei der Beschaffung von Hard- und Software lasse sich durch einen zentralen Einkauf Geld sparen.

Bei der Versorgung der Schüler mit digitalen Endgeräten ist man heute schon einen Schritt weiter als im Frühjahr. Mit Mitteln aus dem Sofortausstattungsprogramm des Bundes hat die Stadt insgesamt 755 iPads angeschafft, die pünktlich zum Schuljahresbeginn geliefert wurden. Sie werden nun an Schüler verliehen, die zu Hause kein geeignetes Gerät zur Verfügung haben, um etwa an Videokonferenzen teilzunehmen.

Unter seinen Schulleiterkollegen sei das Digitalisierungskonzept der Stadt sehr positiv aufgenommen worden, berichtet Heinz Harter: „Wir geben dadurch zwar ein Stück Eigenständigkeit her, bekommen aber mehr Professionalität, Sicherheit und technisches Know-how.“ Die beste technische Ausstattung bringt allerdings wenig, wenn die Lehrer sie nicht bedienen können. Die Fortbildung der Lehrkräfte und die Entwicklung medienpädagogischer Konzepte ist deshalb die zweite wichtige Aufgabe auf dem Weg zur digitalen Schule.

Ziel des Konzepts ist, dass bis 2024 alle Backnanger Schulen bei der digitalen Ausstattung auf einem vergleichbaren Stand sind. Die ursprüngliche Idee, nach einem festen Plan eine Schule nach der anderen abzuarbeiten, wurde allerdings von der Realität überholt. Denn in der Zeit der coronabedingten Schulschließung wurde deutlich, dass der Handlungsbedarf an einigen Schulen besonders groß ist. „Diese Probleme gehen wir jetzt direkt an“, sagt Astrid Szelest, Sachgebietsleiterin für die Schulen im Amt für Familie, Jugend und Bildung.

Insgesamt 8,8 Millionen Euro will die Stadt Backnang in den nächsten vier Jahren in die Digitalisierung ihrer elf Schulen investieren, 2,7 Millionen erwartet sie aus Fördertöpfen von Bund und Land. Damit sei das Thema allerdings noch längst nicht abgehakt, erklärt Mäule. Nicht nur die Personalkosten für die IT-Betreuer blieben auf Dauer, auch in die Infrastruktur müsse laufend investiert werden. Bei den iPads etwa rechnet man bei der Stadt mit einer Nutzungsdauer von maximal fünf Jahren.

Pilotprojekt an zwei Schulen

Die Mörike-Gemeinschaftsschule und die Schillerschule nehmen in den kommenden zwei Jahren am Pilotprojekt „Digital macht Schule“ der Ralf-Rangnick-Stiftung teil. Bundesweit wurden zehn Schulen für dieses Projekt ausgewählt, darunter zwei in Rangnicks Heimatstadt Backnang.

Bei dem Projekt wird die Digitalisierung jeweils in den 3. Klassen beispielhaft gefördert. Medienpädagogen und IT-Spezialisten unterstützen die Schulen bei der Entwicklung pädagogischer Strategien und didaktischer Konzepte. Auch die Eltern werden in das Projekt eingebunden.

Offizieller Projektauftakt ist an der Mörikeschule am Montag, 12. Oktober, sowie einen Tag später an der Schillerschule.

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Erstellt:
7. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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