Das linke Erfolgsduo

Chris Führich und Maximilian Mittelstädt personifizieren den Höhenflug des VfB Stuttgart in besonderem Maße – und stehen längst im Fokus der Nationalelf.

 

© Pressefoto Baumann/Volker Müller

 

Von David Scheu

Stuttgart - Es gibt Tore, die sind ohne das nötige Selbstvertrauen völlig undenkbar. Weil ein zweifelnder Spieler gar nicht erst auf die Idee kommen würde, in dieser Situation den Abschluss zu suchen. Chris Führichs jüngster Treffer fällt ohne Zweifel in diese Kategorie. Der Flügelstürmer des VfB Stuttgart hätte gegen Union Berlin in der 65. Minute an der linken Strafraumkante viele Möglichkeiten gehabt – den Ball querlegen, ihn etwas länger halten, ins Zentrum flanken. All das aber waren keine Optionen für den 26-Jährigen, der unter Bedrängnis direkt zum Tor zog und die Kugel mit seinem starken rechten Fuß unhaltbar in die lange Ecke schlenzte.

Nicht weniger als ein „Weltklassetor“ war die Aktion zum 2:0-Endstand aus Sicht des Berliner Linksaußen Robin Gosens – sie hatte aber noch eine zweite Komponente: Außenverteidiger Maximilian Mittelstädt (26) erschwerte den Unionern das Verteidigen, indem er Führich in dessen Rücken wie so oft hinterlief und die Berliner damit vor eine komplizierte Entscheidung stellte: den Laufweg aufnehmen und den Flügel absichern? Oder Führich den Weg ins Zentrum verschließen? Heraus kam ein unentschiedener Mittelweg. „Deswegen gehört das Tor zu 50 Prozent Maximilian“, befand der frühere Nationalspieler und heutige DAZN-Experte Michael Ballack. Führich sah das ähnlich und lobte den Laufweg seines Mitspielers: „Das ist enorm wichtig für einen Außenspieler. Weil man dann weiß, ich habe zwei Richtungen. Dadurch kriege ich enormen Freiraum.“

Der Treffer verdeutlichte damit exemplarisch das blendend funktionierende Zusammenwirken auf der linken Stuttgarter Schokoladenseite. Vorne der wendige Tempodribbler Führich, der auch in engen Räumen immer wieder Torgefahr erzeugt. Dahinter der bissige Mittelstädt, der seinem Vordermann defensiv den Rücken freihält und sich offensiv immer wieder einschaltet zur Erzeugung von Überzahl. „Wir harmonieren sehr gut und profitieren gegenseitig voneinander“, sagt Mittelstädt. Auf insgesamt neun Tore und zehn Vorlagen kommen die beiden bereits in dieser Saison. Dass es auf links beim VfB seit Monaten kaum personelle Rochaden gibt, kann daher nicht ansatzweise überraschen.

Das Duo ist dabei nicht nur im Kampf um die Champions-League-Plätze ein Trumpf – es personifiziert auch in besonderem Maße den Stuttgarter Aufschwung in dieser Saison nach schwierigen Zeiten. Denn wie im Fall des VfB liegen auch hinter Führich und Mittelstädt komplizierte Jahre, in denen sie keinen einfachen Stand hatten. Unentdeckt, unterschätzt, oft außen vor. Mittelstädt? Kam in der Vorsaison beim Bundesliga-Absteiger Hertha BSC oft nicht über die Reservistenrolle hinaus. Führich? Wurde in seinen Anfangsjahren regelmäßig als körperlich zu schwach eingestuft.

Daran erinnerte sich unlängst auch ein früherer Weggefährte: Dortmunds Trainer Edin Terzic, der Führich in der Jugend des BVB unter seinen Fittichen hatte. Ein „schmächtiger kleiner Dribbler“ sei da seinerzeit zu ihm in die U 16 gekommen, hatte Terzic vor dem Duell mit dem VfB in der Hinrunde gesagt: „Er hat sich die Dinge hart erarbeitet. Ihm wurde häufiger mal gesagt, dass es vielleicht nicht ganz reicht bis ganz nach oben. Das hat er nicht akzeptiert und ist Umwege gegangen.“ Über diese landete er schließlich beim Zweitligisten SC Paderborn und danach in Stuttgart.

Die Beharrlichkeit hat Führich und Mittelstädt nun auf die große Bühne geführt – und in den Fokus der deutschen Nationalmannschaft. Am kommenden Donnerstag wird Bundestrainer Julian Nagelsmann sein Aufgebot für die letzten beiden Länderspiele vor dem EM-Sommer gegen Frankreich (23. März) und die Niederlande (26. März) bekannt geben, wobei die beiden formstarken Stuttgarter längst über den Status eines Geheimtipps mit Außenseiterchancen hinaus sind. Und das auch aus Sicht der Stuttgarter Verantwortlichen.

„Chris hat nachgewiesen, dass er auf jeden Fall in die Überlegungen reingehört“, sagte Trainer Sebastian Hoeneß nach dem Union-Spiel mit Blick auf Führichs erneut starken Auftritt. Auf Mittelstädt angesprochen, ergänzte VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth: „Maxi bringt sich immer mehr in die Nähe, eine Berufung irgendwann verdient zu haben.“ Und die Spieler selbst? Stehen parat und warten auf einen möglichen Anruf, immer im Wissen um die gelieferten Argumente. „Wir haben jetzt alle unsere Bewerbung abgegeben“, sagt Mittelstädt. Und das zweifelsohne über Monate und mit Nachdruck.

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Erstellt:
10. März 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
11. März 2024, 21:57 Uhr

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