Französische Filmtage
Das Publikum der Zukunft darf kommen
Lisa Haußmann ist die neue Leiterin der französischen Filmtage. Sie ist 35 Jahre alt, kommt aus Berlin und hat viele Pläne, etwa den, das Festival für jüngere Zuschauer zu öffnen.

© Thomas Morawitzky
Lisa Haußmann wurde mit den Filmtagen groß.
Von Thomas Morawitzky
Mehr Filme für Kinder und Familien, pädagogische Begleitung von Filmpräsentationen, zum ersten Mal ein Kurzfilmwettbewerb, zum ersten Mal ein Filmfrühstück, rund 60 Filme französischsprachiger Länder, die noch nie in deutschen Kinos liefen, mit Schlaglichtern auf politische und gesellschaftliche Themen – bei den französischen Filmtagen Tübingen/Stuttgart tut sich was. Das größte frankophone Filmfestival Deutschlands wird im Jahr 2025 in Stuttgart eröffnet. Es wird erstmals geleitet von Lisa Haußmann. Sie hat sich vorgenommen, Strukturen zu verändern, Brücken zu schlagen und neue Zuschauerschichten zu gewinnen.
Sie saß 20 Jahre in der Jugendjury
Die französischen Filmtage starten, nach einer Tübinger Eröffnungsfeier, am 30. Oktober in Stuttgart, mit einer umfassenden Schau zum Werk der Regisseurin Léonor Serraille. Ihr Film „Bonjour Paris“ wurde 2017 in Cannes als bester Debütfilm ausgezeichnet. „Une petit frére“ war 2018 Teil nominiert für die Goldenen Palme; „Ari“ sorgte 2025 bei der Berlinale für Aufsehen und erzählt von einem Millennial in der Krise. „Man merkt, dass Léonor Serraille vom Drehbuch herkommt“, sagt Lisa Haußmann. „Sie begleitet ihre Figuren auch stark in der Regie. Wir sind sehr froh, dass sie zugesagt hat und wir mit ihr in ihr Werk eintauchen können.“
Lisa Haußmann selbst wurde groß mit den französischen Filmtagen. Sie gehörte vor 20 Jahren schon zur Tübinger Jugendjury des Festivals. In Deutschland und Frankreich studierte sie Filmwissenschaften, begann unterdessen die Mitarbeit an Festivals in Frankreich. Seit zwölf Jahren ist sie als Kuratorin bei den Ciné-Rencontres in Prades tätig. Sie ist 35 Jahre alt, lebt in Berlin, leitet dort seit sieben Jahren die SchulKinoWochen, bei denen über zwei Wochen hin rund 30 Kinos im Berliner Stadtgebiet bespielt werden.
Kein Wunder also, dass sie bei den französischen Filmtagen diesen Aspekt nach vorne bringen möchte. Ein jugendliches Publikum sprach das Festival zuvor schon an, nun richtet es sich mit einigen Filmpräsentationen und Veranstaltungspunkten gezielt an ein sehr junges. Dem kommt zupass, dass die erste Hälfte des Festivals während der Herbstferien stattfindet, die zweite nach Schulbeginn.
In Tübingen wird ein Familiensonntag Teil der Filmtage sein. Geplant sind filmpädagogisch begleitete Vorführungen und Workshops, die Kindern die Möglichkeit bieten, sich mit den Filminhalten kreativ auseinanderzusetzen. Wiederum wird ein „Ciné-Concert“ im Tübinger Kino Museum stattfinden, die Musikerinnen Eunice Martins und Abril Padilla dem Stummfilm „Paris qui dort“ von René Clair klangliches Leben geben. Beide werden aber auch mit Kindern einen stummen Kurzfilm vertonen und live im Kino aufführen.
„Wir versuchen, an verschiedenen Programmstellen eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen“, sagt Lisa Haußmann. Filme mit Untertiteln, das weiß sie, sind für das jüngste Publikum kaum geeignet. Deshalb greift das Festival auf die Mitarbeit so genannter Einsprecher zurück. „Wer das noch nicht erlebt hat, mag vielleicht skeptisch sein, wird aber nach fünf Minuten schon merken, wie gut es funktioniert. Es ist technisch gründlich vorbereitet und abgemischt und wird mit professionellen Sprechern umgesetzt.“
Themenschwerpunkte im Erwachsenenprogramm ergeben sich von selbst: „Wir arbeiten stärker als früher aus dem Programm heraus.“ Das feministische Kino tritt in den Vordergrund, kollaborative Arbeitsweisen beim Film spielen eine Rolle, aktuelle Themen schlagen sich nieder – die Klimakrise, der Rechtsruck, die kriegerischen Konflikte. „Leben, Sterben, Tod behandeln sind Themen, die an vielen Stellen auf unterschiedliche Weise eine Rolle spielen. Auch verschiedene Formen von Männlichkeit werden hinterfragt oder präsentiert.“
Ganz neu: Mehrere Frühstücksveranstaltungen sollen zum Wettbewerbsprogramm gehören. Hier wird informiert, diskutiert: „Wir wollen die Filme und ihre Entstehungsprozesse klarer und greifbarer machen, den Blick vertiefen.“ Ob es ein Filmfrühstück auch in Stuttgart geben wird, ist noch offen.
25 Filme im Atelier am Bollwerk
Die französischen Filmtage werden jährlich von rund 15 000 Zuschauern besucht; bis zu 3000 von ihnen kommen in Stuttgart. Im Atelier am Bollwerk werden 2025 etwa 25 der Filme des Festivals zu sehen sein. Das Stuttgarter Insitut francaise, unweit vom Bollwerk gelegen, wird wiederum mit im Boot sein. In Tübingen kooperieren die Filmtage mit dem dortigen Institut bei der Präsentation eines Filmes zum Leben von Frantz Fanon, Psychiater und Vordenker der Entkolonialisierung, geboren vor 100 Jahren.
Ist die neue Leiterin des Festivals eigentlich mit der bisherigen Zahl der Zuschauer zufrieden? „Ein größeres Publikum zu erreichen, wäre wünschenswert“, sagt Lisa Haußmann, „aber es ist nicht unser erstes Ziel. Wir möchten vor allen Dingen jüngere Menschen für die Filme interessieren, für das Festival und seine Zukunft gewinnen.“