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„Das Rebhuhn verschwindet“: Dramatischer Rückgang

dpa/lsw Rottenburg. Kiebitz, Turteltaube, Rebhuhn - ihre Bestände schrumpfen dramatisch. Seit 1980 um rund 90 Prozent. Zur Lage des Rebhuhns beraten Experten nahe Tübingen - lokal könne den Vögeln geholfen werden, wirklich Hoffnung gebe es aber nicht, sagt einer.

Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma. Foto: Sina Schuldt/dpa/Archivbild

Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma. Foto: Sina Schuldt/dpa/Archivbild

Der Rückgang der Rebhühner ist so dramatisch wie bei kaum einer anderen Vogelart. Früher hätten Spaziergänger aus Versehen schon mal eine Gruppe von Rebhühnern im Feld aufgeschreckt, die dann mit lautem Flügelschlag hochflog. „Diese Zeiten sind längst vorbei“, sagt Naturschutzbiologe Eckhard Gottschalk von der Universität Göttingen. Die Bestände der Tiere gehörten einstmals im Grunde auf jeden Acker. Das habe sich dramatisch geändert.

Um gut 91 Prozent nahmen die Bestände deutschlandweit von 1980 bis 2016 ab, wie der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) mitteilte. Diesen dramatischen Rückgang übertrifft nur der Kiebitz mit mehr als 93 Prozent, auf Platz drei folgt die Turteltaube mit knapp 89 Prozent. Sie teilen das gleiche Schicksal wie das Rebhuhn: Alles seien Arten, die auf Ackerflächen brüteten oder dort ihre Nahrung finden müssten, erklärte Sven Trautmann vom DAA.

Angesichts des dramatischen Rückgangs kamen Vertreter aus Landwirtschaft, Wissenschaft, Naturschutz, Jägerschaft, Politik und Verwaltung am Donnerstag in Rottenburg bei Tübingen zusammen, um über den Schutz der am Boden lebenden Vögel zu beraten. Das Rebhuhn gilt in Baden Württemberg als vom Aussterben bedroht, deutschlandweit findet es sich Gottschalk zufolge „in der zweithöchsten Kategorie der Roten Liste: stark gefährdet.“

„Eigentlich gibt es drei wesentliche Ursachen“, erklärt der Naturschutzbiologe. Als erstes nennt er den Insektenrückgang unter anderem durch den verbreiteten Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln. „Die Küken leben von Insekten und auf den intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen findet das Rebhuhn nicht mehr ausreichend Nahrung.“ So wird zudem der Lebensraum für das Rebhuhn immer knapper, es werde an Randstreifen neben den Feldern gedrängt. Das macht die Vögel zugleich, Punkt drei, anfälliger für ihre Feinde wie den Fuchs. Denn der kann die Tiere an den wenigen für sie geeigneten Orten leicht aufspüren.

Das Vogelschutzzentrum des Naturschutzbundes Mössingen (Landkreis Tübingen) versucht in einem Projekt, Rebhühnern wieder mehr geeigneten Lebensraum zu bieten. „Es braucht brache Strukturen, es braucht Deckung ganzjährig“, erklärt Sabine Geißler-Strobel von der „Initiative Artenvielfalt Neckartal“. Durch mehrjährige Blühbrachen zum Beispiel, denn sie böten sichere Brutplätze und Nahrung bis zum Winter. „Was wir im Moment überwiegend im Land fördern sind einjährige Brachen.“ Für Rebhühner und viele andere Arten hätten diese allerdings keine Funktion.

Bei der zweitägigen Tagung „Perspektiven für das Rebhuhn“ stellt sie das Rebhuhnschutzprogramm vor. Die Landwirte spielten darin eine entscheidende Rolle, so Geißler-Strobel. Denn sie müssen Raum für die Blühflächen frei machen. Im Projekt bekommen sie dafür als Ausgleich Geld. 25 beteiligten sich bislang im Landkreis Tübingen. „Wir haben durchaus Landwirte, die diese ganze Problematik sehen und gerne was machen würden.“

Am Freitag ist eine Exkursion der Tagungsteilnehmer zu den neu angelegten Lebensräumen geplant - dazu gehören etwa auch gestutzte Hecken. Hecken bieten natürlichen Feinden Deckung, das Rebhuhn meidet ihre Nähe deswegen. Hoffnung, bei der Begehung Rebhühner zu treffen, macht sich Geißler-Strobel jedoch nicht: „Im Moment sind die tagsüber in der Deckung und von daher werden wir die wahrscheinlich nicht mitkriegen.“

Es gibt sie aber wieder: Mit den Fördermaßnahmen haben sich Rebhühner auch in einst verwaisten Gebieten angesiedelt. „Jetzt haben wir in einem Gebiet zwölf Reviere“, so Geißler-Strobel, „also rufende Hähne“. 2017 seien es sechs Reviere gewesen, vergangenes Jahr elf. Wo es hingegen keine Maßnahmen gab, seien die Bestände teilweise weiter zurückgegangen.

„Wenn wir Maßnahmen fürs Rebhuhn machen, dann fördern wir auch eine ganze Reihe anderer Arten“, sagt Naturschutzbiologe Gottschalk. Wo das Rebhuhn noch lebe, könnten eben auch viele andere Arten leben - neben Vögeln betreffe das etwa auch den Feldhasen. „Das Rebhuhn ist insofern auch ein guter Indikator für eine intakte Landschaft.“

Doch die Chancen stehen seiner Ansicht nach nicht gut: „Ich fürchte, dass das Rebhuhn als Vogel der normalen Landschaft verschwindet und wir vielleicht dann solche Reservate haben, wo wir die Rebhühner noch halten können mit intensiven Maßnahmen.“ Vielerorts sei das Rebhuhn schon komplett verschwunden, so Gottschalk. „Da muss man schon Glück haben, wenn man dann mal ein Rebhuhn antrifft.“

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Erstellt:
28. November 2019, 13:01 Uhr

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