Das Stuttgarter Abwehrpuzzle

Der VfB muss in Dortmund ohne Waldemar Anton auskommen. Nun bastelt der Trainer Sebastian Hoeneß an einer neuen Lösung.

Hiroki Ito ist der Fixpunkt in der VfB-Abwehr. Die Frage ist, wer mit ihm spielt. 
         
         Fotos:  Baumann

©  

Hiroki Ito ist der Fixpunkt in der VfB-Abwehr. Die Frage ist, wer mit ihm spielt. Fotos: Baumann

Von Carlos Ubina

Stuttgart - Waldemar Anton ärgert sich noch immer, wenn er an diese Situation denkt. Seine fünfte Gelbe Karte hat er erhalten – in der Nachspielzeit gegen den 1. FC Heidenheim. Wegen einer Einwurfentscheidung hat er sich beschwert. Nicht wild, aber heftig genug für den Schiedsrichter Felix Zwayer. In einem Moment des Frusts, als der VfB Stuttgart das Spiel aus der Hand gegeben hatte und plötzlich 2:3 zurücklag. Dem Fußball-Bundesligisten gelang gegen den aufständischen Aufsteiger zwar noch der Ausgleich, doch nun verpasst Anton am Samstag (18.30 Uhr) die Spitzenbegegnung bei Borussia Dortmund gelbgesperrt.

Ein bitterer Verlust für die VfB-Elf, da der Kapitän nicht nur als starker Zweikämpfer fehlt, sondern ebenso als Führungsfigur. Anton ist der Mann, an dem sich der Rest aufrichten kann. „Das war leider abzusehen“, sagt Sebastian Hoeneß, „da er jetzt einige Spiele vorbelastet war.“ Anfang März kassierte der Innenverteidiger beim Sieg in Wolfsburg die vierte Gelbe Karte. Drei Spiele später steht der Trainer vor einem Abwehrpuzzle, da auch die verletzten Dan-Axel Zagadou (Kreuzbandriss) und Anthony Rouault (Kieferbruch) weiter nicht dabei sind.

„Diese Ausfälle zu kompensieren ist jetzt eben die Herausforderung in Dortmund“, sagt Hoeneß und ist überzeugt, eine gute Lösung zu finden. Um die Mannschaft zu festigen, um der schwarz-gelben Offensivwucht etwas entgegenzusetzen, um sich gegen einen Rivalen um die Champions-League-Ränge zu behaupten. Das alles schafft Spannung und verdeutlicht die Bedeutung der Partie im Signal-Iduna-Park.

Die Stuttgarter Abwehrkette, ganz gleich, wie sie angeordnet wird, steht vor einer Zerreißprobe – mit Hiroki Ito als Fixpunkt, um den die personellen und taktischen Möglichkeiten kreisen. Der ballsichere Japaner ist die letzte verbliebene Stammkraft aus der Reihe der Innenverteidiger. Ansonsten gehörten zuletzt noch Leonidas Stergiou (22) und Anrie Chase (20) zum Kader.

Zwei junge Spieler, denen viel Potenzial bescheinigt wird. Der Schweizer Stergiou, der vom FC St. Gallen ausgeliehen ist, kommt aber erst auf 147 Einsatzminuten (einmal Startelf/achtmal eingewechselt) in der Bundesliga. Der Japaner Chase überzeugt hauptsächlich in der Regionalliga und wartet auf sein Erstligadebüt. Ob sie einem Härtetest unterzogen werden, wenn vor der gefürchteten gelben Wand viel auf dem Spiel steht?

Bleibt abzuwarten. Denn jeder, der Hoeneß und seine Arbeitsweise kennt, weiß, dass sich das Trainerteam viele Gedanken macht. Eine Idee wäre es, Atakan Karazor aus dem defensiven Mittelfeld nach hinten zu ziehen. Eine Position, die der 27-Jährige schon öfter begleitet hat. Als eine Art moderner Libero in der Dreierkette, da er seine Nebenleute ohnehin dirigiert. Mahmoud Dahoud würde dann gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber wie gegen die Heidenheimer mit Angelo Stiller die Doppelsechs bilden.

Doch Karazor und Stiller zählen zu den besten Tandems in der laufenden Saison. Sie auseinanderzureißen fällt schwer. Zumal Karazor mit seiner Laufstärke, seinem Stellungsspiel und seinem Zweikampfverhalten bereits vor der Abwehr viele Angriffe unterbindet. Dahoud ist mehr ein Passgeber. Deshalb gehört Josha Vagnoman zu den fachfremden Kandidaten für das Abwehrzentrum. Der Außenverteidiger ist körperlich robust. Er könnte mit Ito (und Karazor?) gemeinsam den kopfballstarken Niclas Füllkrug kontrollieren. Der deutsche Nationalstürmer ist mit Donyell Malen nicht nur der beste BVB-Torjäger (beide elf Treffer), sondern der Mittelstürmer behauptet auch viele Bälle.

Dadurch gibt Füllkrug den BVB-Angriffen mit den schnellen Flügelstürmern eine Stoßrichtung. Ein Aspekt, der nicht zu vernachlässigen ist, wenn Jadon Sancho, Donyell Malen oder Karim Adeyemi lossprinten. Da müssen beim VfB die Außenpositionen gut besetzt sein. Das spricht vom Tempo her mehr für Stergiou, weniger für Pascal Stenzel. Aber Hoeneß schätzt den Routinier wegen seiner Verlässlichkeit und seiner Spielintelligenz. Stenzel kann sowohl in einer Dreier- als auch in einer Viererkette an verschiedenen Stellen ein Bindeglied bilden.

Zunächst alles Gedankenspiele, an denen Hoeneß tüftelt. Es geht dem Chefcoach um ein Gleichgewicht aus defensiver Stabilität und offensiver Kraft. Weshalb vieles auf eine Dreierkette hindeutet, die sich bei Ballverlust zum Fünferbollwerk ausweitet, bei Ballbesitz den Stuttgartern aber genügend Möglichkeiten eröffnet, selbst zum Torerfolg zu kommen.

Zum Artikel

Erstellt:
3. April 2024, 22:03 Uhr
Aktualisiert:
4. April 2024, 22:03 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen