„Das Werk lässt sich nicht vollenden“

Das Interview: Tanja Menz, deren Sohn Konstantin vor zehn Jahren in Afghanistan gefallen ist, hält den Truppenabzug der Bundeswehr für richtig. Was in 20 Jahren nicht gelungen ist, das klappt jetzt auch nicht in den nächsten ein, zwei Jahren.

Tanja Menz am Ehrengrab ihres gefallenen Sohnes Konstantin auf dem Friedhof in Backnang-Waldrems. Fotos: A. Becher/privat

© Alexander Becher

Tanja Menz am Ehrengrab ihres gefallenen Sohnes Konstantin auf dem Friedhof in Backnang-Waldrems. Fotos: A. Becher/privat

Von Matthias Nothstein

Die Entscheidung, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, kam für viele überraschend. Auch für Sie?

Ich habe schon länger damit gerechnet, so ganz überraschend fand ich die Ankündigung daher nicht.

Aber das ursprüngliche Ziel, erst dann zu gehen, wenn die afghanische Regierung selbst für Sicherheit sorgen kann, dieses Ziel wurde nicht erreicht.

Ich denke, das Werk lässt sich nicht vollenden. Zumindest nicht so, dass wir es als optimal bezeichnen würden. Das kriegen wir realistischerweise nicht hin. Zumindest nicht in den nächsten 20 bis 30 Jahren.

Und deshalb ist der Rückzug jetzt richtig?

Deshalb ist der Rückzug jetzt genauso gut oder schlecht wie in zwei oder drei Jahren. Ich kann einfach nicht erkennen, dass sich mittelfristig noch wirklich etwas erreichen lässt. Deshalb lieber jetzt sofort. Was man in 20 Jahren nicht geschafft hat, das jetzt plötzlich in ein oder zwei Jahren hinzukriegen, das halte ich für unrealistisch.

Nun hat ihr Sohn Konstantin dort sein Leben gelassen. Wie bewerten Sie unter diesem Aspekt den Abzug der Truppen? War sein Blutopfer vergebens?

Ich glaube, dass wir das bis jetzt immer noch nicht ganz sicher sagen können. Klar, es sieht im Moment nicht so gut aus in dem Land, wenn man allgemein die Sicherheitslage und die aktuelle Entwicklung betrachtet. Aber ich denke trotzdem, dass viele junge Menschen einige Jahre lang die Möglichkeiten hatten, in eine Schule zu gehen und lesen und schreiben zu lernen. Und das ist etwas, was nie überflüssig ist.

Das gilt insbesondere für die Mädchen.

Richtig. Ich denke immer, die jungen Mädchen sind die zukünftigen Mütter, die die nächste Generation erziehen. Und da schadet es nie, auch wenn es nur eine begrenzte Zeit war, wenn diese Kinder eine gewisse Schulbildung bekommen haben.

Ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt, weil es seit Monaten oder gar Jahren auch keine Todesopfer mehr bei der Bundeswehr gegeben hat?

Zum Glück war dies der Fall. Deshalb ist es jetzt auch richtig, den Rückzug vorzunehmen, damit es nicht erst wieder dazu kommen muss.

Welche Wünsche haben Sie für die Zeit nach dem Abzug?

Ich würde mir wünschen, dass man den Einsatz gut aufarbeitet und ehrlich kommuniziert, was schlecht und was gut gelaufen ist. Nicht um zu sagen, ihr habt etwas falsch gemacht. Denn Fehler haben wir selbstverständlich gemacht. Es geht aber darum, ob wir aus den Fehlern etwas lernen können, ganz besonders für zukünftige Einsätze. Ich finde, Kommunikation nach außen, was machen die Soldaten da, wie geht’s denen vor Ort, was läuft da, wie sieht so ein Einsatz aus? Da können wir noch viel lernen.

Der militärische Abzug ist nicht gleichbedeutend damit, dass sich Deutschland überhaupt nicht mehr engagiert. Was glauben Sie, was wäre an weiterer ziviler Hilfe angebracht?

Die Bundesregierung hat ja schon angekündigt, dass sie das Land weiter unterstützen wird. Und ich denke, das ist gut und richtig. Es ist jetzt ganz wichtig, all jene Afghanen zu schützen, die für uns gearbeitet haben, zum Beispiel als Sprachmittler. Sie verdienen ganz klar unsere Unterstützung. Wir müssen sie notfalls nach Deutschland holen oder ihnen im Land sichere Möglichkeiten geben, wo sie sich aufhalten können, denn die sind ganz besonders gefährdet.1

Haben Sie die Angst, dass das Land im Chaos versinkt?

Die Befürchtung gibt es. Aber das wäre nicht anders, wenn wir drei Jahre später gehen würden. Die Situation ist sehr kompliziert. Die Taliban sind nur ein Teil des Problems. Wir bekommen das nicht hin, dass Frieden in dem Land herrscht, auch nicht in weiteren zwei Jahren.

Konstantin Menz

Konstantin Menz

Hilfe für Menschen mit Einsatzfolgen und deren Angehörige

Tanja Menz aus Backnang-Waldrems ist die Mutter von Konstantin Menz, der 2011 im Alter von 22 Jahren in Afghanistan als Bundeswehrsoldat erschossen wurde.

Seit neun Jahren engagiert sich Tanja Menz selbst im Beirat für Fragen der inneren Führung der Bundesministerin der Verteidigung. Für die Arbeit im Beirat fährt Menz mindestens einmal monatlich, meist öfter, nach Berlin. Zumindest tat sie das vor Corona, seither deutlich seltener.

Vier Arbeitsgemeinschaften gibt es im Gremium. Menz gehört der AG „Einsatzrückkehrer/ Einsatzfolgen“ und der AG „Bundeswehr in der Gesellschaft“ an. Sie engagiert sich bei der Bundeswehr, obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – ihr Sohn bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen ist. „Der Beirat ist ein kritisches Gremium, wir sind nicht mit allem einverstanden, was bei der Bundeswehr passiert“, sagt sie über ihre Mitarbeit.

In der Arbeitsgemeinschaft Einsatzfolgen setzt sie sich für Verbesserungen für Einsatzrückkehrer und für Menschen mit Einsatzfolgen, also für traumatisierte oder verwundete Soldaten oder Hinterbliebene ein. „In dieser AG haben wir in den vergangenen Jahren vieles geschafft, was in neue Gesetze einfließt. Speziell in den Bereichen, bei denen es um die Versorgung dieser Betroffenen und deren Familien geht.“

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Erstellt:
19. April 2021, 06:00 Uhr

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