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„Das wird ein sehr gutes Jahr für Tesat“

Das Interview: In vielen Firmen herrscht Katzenjammer, doch Backnangs größter Arbeitgeber hat keinen Grund zum Klagen. Geschäftsführer Marc Steckling erklärt, warum die Coronakrise das Geschäft mit der Satellitenkommunikation kaum tangiert.

Die Coronapandemie hat sich bei Tesat zwar auf die Arbeitsweise ausgewirkt, aber nicht auf die Umsätze. „Eine kurzfristige Krise hat auf unsere langfristigen Projekte keinen großen Einfluss“, sagt Geschäftsführer Marc Steckling. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die Coronapandemie hat sich bei Tesat zwar auf die Arbeitsweise ausgewirkt, aber nicht auf die Umsätze. „Eine kurzfristige Krise hat auf unsere langfristigen Projekte keinen großen Einfluss“, sagt Geschäftsführer Marc Steckling. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Die Coronakrise hat die Wirtschaft hart getroffen, in vielen Unternehmen gilt Kurzarbeit. Von Tesat hört man bis jetzt keine Klagen. Läuft das Geschäft bei Ihnen genauso gut wie vor Corona?

Die Raumfahrt insgesamt und die Tesat insbesondere kommen bis jetzt gut durch die Krise. Wir hatten letztes Jahr schon festgestellt, dass die Raumfahrt einen sehr starken Aufwind bekommen hat. Es gab eine ESA-Ministerratskonferenz, bei der beschlossen wurde, dass sich Deutschland mit insgesamt 3,3 Milliarden Euro an europäischen Raumfahrtprojekten beteiligt, auch das nationale Budget ist auf knapp 300 Millionen aufgestockt worden. Das sind alles Projekte, die eine sehr lange Laufzeit haben, und davon profitiert die Tesat. Ein Satellit, der heute ins All geschossen wird, funktioniert die nächsten 15 Jahre. Deshalb hat eine kurzfristige Krise, so schlimm sie auch ist, auf unsere Projekte keinen großen Einfluss.

Werden Sie also trotz Corona wieder die Umsatzzahlen des vergangenen Jahres erreichen oder sogar toppen?

Wir haben über die letzten drei Monate einen unglaublichen Auftragseingang gehabt. In Amerika sind zehn Telekommunikationssatelliten ausgeschrieben worden, und an allen zehn Satelliten sind wir beteiligt – das ist fantastisch. Im ersten Halbjahr haben wir damit alle Parameter unserer Planung erfüllt oder übererfüllt. Ich würde sagen, das wird ein sehr gutes Jahr für die Tesat.

Ganz normal weiterarbeiten konnten Sie trotzdem nicht. Welche Maßnahmen hat Tesat in der Pandemie getroffen?

Unsere oberste Prämisse war es, ein sicheres Arbeitsumfeld für unsere Mitarbeiter zu schaffen und somit die Firma langfristig am Laufen zu halten. Wir haben deshalb unglaublich viele Maßnahmen implementiert, um den Betrieb sicherzustellen. Wir haben zum Beispiel die gesamte Firma aufgeteilt in ein blaues und ein rotes Team und haben diese zeitlich entkoppelt. Das rote Team durfte von 5 bis 13 Uhr auf das Werksgelände, danach wurde das Gebäude komplett desinfiziert und dann kam das blaue Team von 14 bis 22 Uhr, wobei nicht jeder Mitarbeiter im gesamten Zeitraum anwesend sein musste. So haben wir sichergestellt, dass sich die beiden Teams nicht begegnen.

Wie lange galt dieser Zwei-Schicht-Betrieb?

Die strikte Trennung haben wir zum 1. Juli aufgehoben, die Einteilung in Rot und Blau haben wir aber aufrechterhalten. Kaffeeküchen und Sanitärräume sind weiterhin getrennt.

Tesat ist ein international tätiges Unternehmen. Welche Auswirkungen hatte Corona auf Ihre Lieferketten?

Die Lieferketten waren zum großen Teil stabil. Es gab zwar einige Zulieferer in Frankreich und den USA, die temporär geschlossen waren, das hat sich aber nur auf einen sehr kleinen Teil unserer Projekte ausgewirkt.

Tesat gehört zum Airbus-Konzern, und der ist von der Krise stark betroffen. Konzernchef Faury hat angekündigt, 15000 Stellen zu streichen. Müssen Sie befürchten, dass auch bei Tesat der Rotstift angesetzt wird?

Der Airbus-Konzern ist in drei Bereiche aufgeteilt: den kommerziellen Flugzeugbau, die Helikoptersparte und schließlich den Bereich Verteidigung und Raumfahrt, zu dem die Tesat gehört. Die Ankündigungen, die Guillaume Faury gemacht hat, bezogen sich auf die Flugzeugsparte und betreffen unseren Bereich zunächst einmal nicht.

Das heißt, die Arbeitsplätze bei Tesat in Backnang sind sicher?

Ja, davon gehe ich aus.

Die Raumfahrt wird zu großen Teilen mit staatlichen Mitteln finanziert. Als Folge der Coronapandemie verschulden sich die Staaten zurzeit bis über beide Ohren. Müssen Sie nicht befürchten, dass in der Folge auch die Budgets für die Raumfahrt gekürzt werden?

Das kann man natürlich nicht ausschließen. In der Tat wird momentan unglaublich viel Geld verteilt, das am Ende aller Tage auch irgendjemand bezahlen muss. Ich denke allerdings, dass die Raumfahrt als systemkritischer Bereich eine besondere Relevanz hat, gerade was Kommunikation anbetrifft. Kommunikation ist zurzeit ja in aller Munde und sie ist heute sogar noch wichtiger als vor der Krise. Und die Tesat steht für Kommunikation: Wenn wir Equipment für Kommunikationssatelliten bauen, helfen wir, Konnektivität weltweit sicherzustellen.

Auch viele private Unternehmer zieht es ins Weltall, von Tesla-Chef Elon Musk und seiner Firma SpaceX bis zu Amazon-Gründer Jeff Bezos. Kann Tesat davon profitieren?

Das sind spannende Projekte und natürlich versuchen wir, auch in diesen Markt reinzukommen. Deshalb haben wir das Produktportfolio so überarbeitet, dass wir auch für diese Märkte die richtigen Produkte haben. Die Anforderungen sind dort ganz andere als im klassischen Raumfahrtbereich. Wir müssen Produkte anbieten, die deutlich preisgünstiger sind, aber in viel höheren Stückzahlen. Wir gehen also in eine Serienproduktion und das ändert sowohl die Art des Arbeitens als auch das Produkt.1

Wie stellt sich die räumliche Situation am Standort Backnang dar? Tesat nutzt ja teilweise gemietete Räume. Lange Zeit war unklar, ob der Mietvertrag über 2025 hinaus verlängert wird. Wurde da inzwischen eine Lösung gefunden?

Ja, wir haben es geschafft, unseren Mietvertrag optional bis 2045 zu verlängern. Darüber sind wir froh, weil wir nun Planungssicherheit für die nächsten 25 Jahre haben. Wir haben am Standort hier auch noch Möglichkeiten zu wachsen. Außerdem gehören uns noch Flächen auf dem Gebiet, das nun für die IBA 2027 entwickelt wird.

Die Entwicklung dieses Areals in Ihrer direkten Nachbarschaft dürfte für Tesat von großem Interesse sein. Welche Wünsche und Hoffnungen verknüpfen Sie mit dem IBA-Projekt?

Ich finde es ein tolles Projekt, das ein Leuchtturm für Backnang werden kann. Ich glaube, es ist ein sehr attraktives Konzept, Wohnen und Arbeiten zusammenzubringen. Und ich bin auch recht zuversichtlich, dass die Bedürfnisse der Tesat bei diesem Projekt berücksichtigt werden. Wir sind ein Industriebetrieb und produzieren auch hier. Deshalb ist es wichtig, dass die entsprechenden Abstände zu den Wohnungen eingehalten werden. Und wir haben auch noch die Thematik, dass unsere Parkplätze auf diesem Gelände sind. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir dafür mit der Stadt und den Investoren eine gute Lösung finden werden.

Ein Leben für die Raumfahrt

Marc Steckling ist seit 2017 Mitglied der Geschäftsführung bei Tesat und seit Dezember 2018 deren Vorsitzender. Der 52-Jährige ist Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik und hat an der Technischen Universität Berlin im Bereich Satellitentechnik promoviert.

Direkt nach seinem Studium wechselte Steckling zum Airbus-Konzern und war dort an verschiedenen Standorten und in unterschiedlichen Funktionen tätig. Bevor er nach Backnang kam, leitete er drei Jahre den Bereich Lean Management bei Airbus Defence &Space in München. Der gebürtige Berliner ist verheiratet und hat einen Sohn.

Bei Tesat in Backnang entwickeln, fertigen und vertreiben rund 1000 Mitarbeiter Systeme und Geräte für die Telekommunikation via Satellit. Das Produktspektrum reicht dabei von kleinsten raumfahrtspezifischen Bauteilen bis hin zu kompletten Systemen und Nutzlasten für Satelliten. Bis heute war Tesat an mehr als 700 Raumfahrtprojekten weltweit beteiligt.

Das Unternehmen, das aus der Raumfahrtsparte des Bosch-Konzerns hervorgegangen ist, gehört seit 2001 zur Airbus Group (ehemals EADS). 2019 erzielte Tesat einen Jahresumsatz von 242 Millionen Euro.

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Erstellt:
1. August 2020, 06:00 Uhr

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