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„Das wird nicht schön aussehen“

Am Hang hinter dem Backnanger Freibad müssen nahezu alle Bäume gefällt werden – Eschentriebsterben sorgt für Lebensgefahr

Keine guten Nachrichten für alle Freunde der Natur. Der Hang hinter dem Backnanger Freibad muss auf einer Länge vonmehreren Hundert Metern nahezu komplett abgeholzt werden. Grund: Die Bäume – vor allem Eschen und Buchen – drohen, umzustürzen. Die einen sind vom Eschentriebsterben betroffen, die anderen haben aufgrund der jüngsten Hitzesommer kapituliert. In der Summe werden 250 Festmeter gefällt.

Zwischen der Straße nach Steinbach, dem Freibad und dem Radweg entlang der Murr werden nicht viele Bäume stehen bleiben. Der Kahlschlag dient der Verkehrssicherung. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Zwischen der Straße nach Steinbach, dem Freibad und dem Radweg entlang der Murr werden nicht viele Bäume stehen bleiben. Der Kahlschlag dient der Verkehrssicherung. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein



BACKNANG. Erster Bürgermeister Siegfried Janocha weiß aus Erfahrung, dass massive Eingriffe in den Wald die Bürger berühren. Weshalb er die Stadträte in der Sitzung des Ausschusses für Technik und Umwelt prophylaktisch mit Argumenten aufmunitionierte, schließlich würden diese mit Sicherheit auf den Kahlschlag angesprochen werden. Und mit Blick auf die radikalen Fällarbeiten räumte er auch gleich ein: „Das wird nicht schön aussehen.“ Trotzdem habe die Stadt keine Alternative zur Fällung.

Konkret geht es um den riesigen Bereich vom Freibad bis zum Biotop Pfaffenrinne. Ulrich Häußermann, der stellvertretende Leiter des Forstamts, stand den Stadträten Rede und Antwort. Das größte Problem in dem Bereich ist das Eschentriebsterben. Am Hang hinter dem Freibad nehme die Krankheit geradezu einen „schulbuchmäßigen Verlauf“, attestierte der Forstmann. Auch jetzt im Winter, wenn die Laubbäume keine Blätter tragen, könne selbst ein Laie erkennen, dass die feinen Äste fehlen. Später können ganze Äste abbrechen. Gravierender jedoch sei, dass auch die Wurzeln befallen sind, sie sterben ab und geben dem Baum keinen Halt mehr. So kommt es zu der gefährlichen Situation, „dass einige Bäume aus dem Nichts einfach umfallen, auch ohne Wind“, so Häußermann. Für Passanten besteht daher Lebensgefahr.

Neben dem exotischen Pilz schädigt zusätzlich der einheimische Hallimasch den Baum. Der essbare Pilz ist eigentlich unter Fichten zu finden, hat aber als Sekundärschädling nun im Bereich Eschen einen neuen Lebensraum gefunden.

Der zweite Problembaum ist die Buche. Sie hat in den beiden Hitzesommern 2018 und 2019 extrem gelitten. Im Gegensatz zur langfasrigen Esche brechen bei der kurzfasrigen Buche die Äste und Kronen bereits kurz nach dem Absterben ab. Und so bilden umstürzende Eschen und Buchen in diesem Bereich derzeit eine große Gefahr für Spaziergänger, Radfahrer und Autofahrer. Häußermann appelliert an alle Bürger, die Sperrungen zu beherzigen und die Gefahr nicht zu unterschätzen.

Aktuell werden zahlreiche Bäume im Stadt- und Staatswald gefällt. Seit Tagen bereits arbeiten Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamtes in dem Gebiet. Sie sind zuständig für den Bereich direkt am Murrufer. So wurden auch schon einige Erlen umgesägt. „Die sind zwar nicht von der Krankheit betroffen, aber auch sie hingen gefährlich übers Gewässer“, so Häußermann. Zudem sind schon Bäume quer über die Murr gestürzt. In einem Fall wurde sogar der Radweg getroffen, obwohl der betreffende Baum auf der anderen Murrseite gestanden hatte.

„Dass der Großteil der Bäume am steilen Hang steht, macht die Arbeiten nicht leichter“

Die Hauptarbeiten beginnen am Montag, 10. Februar, den schwierigen Auftrag haben die Firmen Pfitzenmaier aus Strümpfelbach und Kircher aus Nassach übernommen, die zum Teil auch Harvester-Vollernter einsetzen. „Dass der Großteil der Bäume am steilen Hang steht macht die Aufgabe nicht leichter“, so Häußermann. Die Bäume können wohl alle innerhalb von zwei Wochen gefällt werden, aber dann sind die Arbeiten noch nicht zu Ende. „Da wird eine Masse an Holz liegen. Die Abfuhr wird sich vermutlich über vier Wochen hinziehen, da sind wir abhängig von der Industrie und der Forstverwaltung des Landes. Beim Beladen der Lastwagen ist der Radweg ein Nadelöhr, weshalb er in dieser Zeit für die Öffentlichkeit gesperrt werden muss.“ Das Holz ist trotz des Befalls noch nutzbar, zumindest für Holzhackschnitzel, eventuell auch als Scheitholz.

Die Stadträte beschäftigte die Frage, welche Bäume künftig eine Chance haben werden. Häußermann verwies auf die Probleme an diesem Standort: Hanglage und sehr trockener Muschelkalk. Er glaube nicht, dass sich die Douglasie hier durchsetzen werde, seine Tendenz ging eher in Richtung (Ess-)Kastanie oder Nussbäume. „Künftig werden sich mehr Bäume aus dem südlichen oder westlichen Europa durchsetzen, interessanterweise wohl auch die Tanne und selbstverständlich die Eiche.“ Bei den neuen Baumarten gebe es jedoch eine andere Schwierigkeit. Sie könnten zwar aufgrund des immer mehr mediterranen Klimas bei uns anwachsen. „Die Frage aber ist, wie sie mit den Spätfrösten bei uns klarkommen. Das vertragen die auch nicht.“ Häußermann kann sich im konkreten Fall aber auch eine extensive Aufforstung vorstellen. Das heißt: Es werden keine Bäume gepflanzt, sondern man überlässt dies der Natur. So könnten sich etwa Büsche entwickeln, die auch für Vögel interessant wären. „Von einem Wirtschaftswald sind wir hier weit entfernt.“

Wie groß der Handlungsbedarf ist, verdeutlicht diese Aufnahme von Bernhard Engelmann, auch wenn sie an einer anderen Stelle im Stadtgebiet, nämlich in den Spitzwiesen, aufgenommen wurde. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn auf dieser Parkbank jemand gesessen wäre.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, verdeutlicht diese Aufnahme von Bernhard Engelmann, auch wenn sie an einer anderen Stelle im Stadtgebiet, nämlich in den Spitzwiesen, aufgenommen wurde. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn auf dieser Parkbank jemand gesessen wäre.

Info
Erreger heißt „Falsches weißes Stengelbecherchen“

Das Eschentriebsterben wurde in Europa erstmals im Jahr 2008 beobachtet. Der Pilz, der den Bäumen zusetzt, heißt „Falsches weißes Stengelbecherchen“ und wurde aus Asien eingeschleppt.

Das jetzt betroffene Areal liegt zwischen dem Freibad und dem Biotop Pfaffenrinne. Es wird unten begrenzt von der Murr beziehungsweise dem parallel verlaufenden Geh- und Radweg, der bereits seit Tagen gesperrt ist. Oben am Hang verläuft die Straße nach Steinbach.

Wenn die Hauptarbeiten beginnen wird die Kreisstraße vom 10. bis 21. Februar zwischen dem Autohaus Buchfink und Steinbach halbseitig gesperrt. Eine Ampelanlage wird dann den Verkehr regeln.

Parallel zu den Arbeiten verlegen die Stadtwerke eine Stromtrasse durch das Gebiet. Entlang der Strecke werden alle Bäume auf einer Breite von sechs Metern gefällt. Die Leitung führt vom Umspannwerk Steinbach durch den Plattenwald zum Industriegebiet Lerchenäcker. Die Murr wird unterquert.

Vor Wochen schon hat die Stadt darauf hingewiesen, dass auch entlang der Straße nach Sachsenweiler viele Eschen gefällt werden müssen. Seit Monaten weist auch Bernhard Engelmann auf die Gefahren hin, die sich an vielen Stellen im Stadtgebiet auftun, häufig auch „nahe bei oder direkt an öffentlichen Wegen und Straßen“. Lange Zeit hatte der Backnanger Bürger nicht den Eindruck, dass seine Warnungen ernst genommen werden. Dies scheint nun doch der Fall zu sein.

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Erstellt:
25. Januar 2020, 06:00 Uhr

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