Konflikt im Nahen Osten
Dei Wirtschaftsministerin beobachtet den Krieg „mit Sorge“
Je länger der Krieg im Nahen Osten anhält, desto deutlicher werden die Auswirkungen auf die Wirtschaft in Baden-Württemberg sein – nicht nur wegen der höheren Öl- und Gaspreise.
© IMAGO/piemags
Die Blockade der Straße von Hormus, hier ein Archivbild von der Raumstation ISS aus aufgenommen, hat auch für Baden-Württembergs Wirtschaft negative Folgen.
Von Matthias Schiermeyer
Nicht einmal eine Woche nach Kriegsbeginn im Iran ist klar, dass die baden-württembergische Wirtschaft massiv von den Folgen berührt ist – insbesondere wenn der militärische Konflikt anhalten und sich auf die ganze Region ausdehnen sollte. Konkrete Auswirkungen auf die Firmen zeichnen sich bisher kaum ab. Ein Überblick.
Wie sieht die Landesregierung die Lage? Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) beobachtet die Entwicklungen im Nahen Osten „mit Sorge“. Die gesamte Golfregion und allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) seien außenwirtschaftlich ein zunehmend wichtiger Zukunftsmarkt für die Südwest-Unternehmen.
Zudem spiele die Golfregion bei Bemühungen um eine Diversifizierung der Handelspartner sowie als Dreh- und Angelpunkt zwischen Asien, Afrika und Europa eine bedeutende Rolle. Konkret lasse sich zu den Folgen des Kriegs für die baden-württembergische Wirtschaft noch nichts sagen – dies hänge entscheidend von der Dauer der Auseinandersetzungen ab. Aus wirtschaftspolitischer Sicht betont Hoffmeister-Kraut: „Alles was unsere Unternehmen weiter belastet – seien es gestörte Lieferketten oder steigende Energiepreise – gefährdet die so dringend benötigte Erholung.“
Durch den eingeschränkten oder ausgesetzten Flugverkehr werden Lieferketten unter Stress gesetzt, so die Einschätzung des Ministeriums. Die Blockade der Straße von Hormus betreffe Europa aber viel weniger als China. Der überwiegende Teil des transportierten Öls gehe in den asiatischen Raum.
Welche Erwartungen haben die Firmen? Besonders genau wird in den Industrie- und Handelskammern (IHK) auf mögliche Konsequenzen geschaut. „Wir stehen in engem Austausch mit den Auslandshandelskammern vor Ort“, schildert Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart. „Einig sind wir uns, dass die tatsächlichen und insbesondere langfristigen Auswirkungen derzeit noch nicht absehbar sind – sie hängen maßgeblich von der Dauer des Konflikts ab.“
Die gestiegenen Gas- und Ölpreise sind ein Risiko. „Trotz des von der Bundeswirtschaftsministerin eingeleiteten Kartellverfahrens geraten betroffene Branchen bereits unter Druck – allen voran die Speditionswirtschaft, aber auch Unternehmen mit eigener Lieferlogistik“, so Herre. Auch die Tourismusbranche, gerade mit Blick auf den arabischen Raum, sei spürbar betroffen. Die Auswirkungen auf die Energiepreise seien besonders besorgniserregend, weil diese „schon länger als zentrales Geschäftsrisiko gelten und die internationale Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen belasten – der zaghafte konjunkturelle Aufwärtstrend könnte dadurch wieder eingetrübt werden.“
Wie läuft der Handel mit der Golfregion? Die Golfregion, allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate, sind für Baden-Württemberg ein „strategisch relevanter Zukunftsmarkt“, so das Ministerium. Neben den energiepolitischen Perspektiven gebe es eine Zusammenarbeit etwa in den Bereichen Aerospace, Gesundheitswirtschaft, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.
Nach aktuellen Angaben exportierte Baden-Württemberg 2024 in die Golfregion Waren in Höhe von 3,37 Milliarden Euro. Die Importe machen 338 Millionen Euro aus. Der Anteil der Ausfuhren in die VAE belief sich auf 1,53 Milliarden Euro. Die wichtigsten Exportgüter sind Kraftwagen und Kraftwagenteile, Maschinen sowie pharmazeutische Erzeugnisse. Die VAE sind für die Südwest-Wirtschaft der wichtigste Exportmarkt in der arabischen Welt.
Aus Saudi-Arabien importiert der Südwesten Erdöl und Erdgas – weshalb die Schließung der Straße von Hormus sich noch bemerkbar machen könnte, selbst wenn die Abhängigkeiten von den arabischen Ländern in den vergangenen Jahren stark reduziert wurden. Die IHK weist zudem darauf hin, dass über diesen Seeweg wichtige Grundstoffe für die deutsche Chemieindustrie transportiert werden. Zudem dienen die Golfstaaten als zentrale Umschlagpunkte im See- und Luftverkehr. Falle diese Logistikdrehscheibe teilweise aus, könnten Waren zwischen Europa und Asien verspätet eintreffen oder ganz ausbleiben, heißt es.
Gibt es noch Handel mit dem Iran? Das Geschäft mit dem Iran ist infolge der Sanktionen eklatant zurückgegangen. Nach IHK-Angaben gibt es so gut wie keine Bank mehr, die noch direkte Zahlungen in die Islamische Republik abwickelt. Die AHK Iran habe 2023 den Status als anerkannte Auslandshandelskammer verloren. 2025 sind die Exporte um weitere 19,5 Prozent geschrumpft. Die Importe haben ohnehin ein sehr niedriges Niveau, wie auch der 104. Platz des Iran unter allen importierenden Ländern zeigt.
Exportiert werden Maschinen, chemischen und pharmazeutische Erzeugnisse in den Iran. Importiert werden Nahrungsmittel (Pistazien) und Teppiche oder Erzeugnisse aus Tierhaaren. Der IHK zufolge geben die Firmen aus Furcht vor öffentlicher Kritik nur ungern bekannt, dass sie Geschäfte mit dem Iran machen – ähnlich wie bei Russland.
