Dem Borkenkäfer auf der Spur: Unterwegs mit einem Förster

Sommerreportage Christian Hamann ist für 670 Hektar Wald zuständig. Er ist Förster im Revier Rudersberg/Weissach im Tal. Arbeit in freier Natur und am Schreibtisch wechseln sich ab. Wir haben ihn im Berufsalltag begleitet.

Stets dabei hat Christian Hamann sein Tablet mit digitaler Karte. Sucht er bestimmte Baumgruppen, kann er sie mit dem Gerät auf wenige Meter genau lokalisieren.

© Jörg Fiedler

Stets dabei hat Christian Hamann sein Tablet mit digitaler Karte. Sucht er bestimmte Baumgruppen, kann er sie mit dem Gerät auf wenige Meter genau lokalisieren.

Von Anja La Roche

Weissach im Tal/Rudersberg. Es ist ein schwüler Sommermorgen. Um sieben Uhr startet Förster Christian Hamann seine Arbeit in den vier Wänden seines Büros im Backnanger Forstamt. Hinter seinem Schreibtisch in dem schönen Altbauzimmer hängen Karten an der Wand, auf denen die Forstreviere eingezeichnet sind. Telefonieren, E-Mails schreiben, den Tag planen – der Förster ist gedanklich schon längst draußen im Grünen. Seit Oktober 2020 ist er für den kommunalen Wald in den Gemeinden Auenwald, Weissach im Tal, Allmersbach im Tal und Rudersberg verantwortlich. Insgesamt sind das 670 Hektar, davon 515 Hektar in Rudersberg. Sein Beruf fordert Weitsicht und taktisches Kalkül. Sein Wissen um den Wald als Biotop muss er tagtäglich mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ansprüchen der Gemeinden abwägen. An diesem Morgen liegt auch der Jahresplan für 2023 auf dem Schreibtisch. Den Plan wird der Förster Ende des Jahres im Gemeinderat vorstellen. Er entscheidet, welche Bäume wo gepflanzt und welche wo gefällt werden sollen – also wie der ihm überantwortete Wald in Zukunft aussehen soll.

Anhand der Nummer ist der Standort klar

Heute bleibt nicht viel Zeit für Bürokram, denn Hamann hat einiges im Wald zu erledigen. Farblich passend gekleidet in brauner Hose, grünem T-Shirt und Wanderstiefeln geht es für den 36-Jährigen Backnanger raus aus dem Forstamtsgebäude und rein in die Natur. Es regnet glücklicherweise nicht, das würde seine Arbeit erschweren. „Das ist aber ein zweischneidiges Schwert“, sagt Hamann. Denn für den Wald wäre Regen bitter nötig.

Mit dem Auto geht es zur ersten Station namens „20i5“ im Auenwalder Bürgerwald (2 = Distriktnummer, 0 = Abteilungsnummer, i = labile Fichte, 5 = 40 bis 50 Jahre alter Baumbestand). Schon anhand dieser Bezeichnung weiß Hamann, um welche Bäume er sich kümmern muss. Dort hat der Borkenkäfer gewütet. In vom Sturm niedergemähten Fichten hat er sich breitgemacht. Im Februar hatte Hamann den Befall entdeckt und sogleich die entsprechenden Bäume fällen und abtransportieren lassen. Jetzt überprüft er, ob der Käfer auf weitere Fichten übergegangen ist. Geübt springt er durchs unebene Gelände hin zu seinen Sorgenkindern, um nach Indizien zu suchen. Aber da ist nichts, die Bäume scheinen gesund zu sein.

Förster Christian Hamann steht bei einem toten Baum. Einige kranke und tote Bäume lässt er stehen. Sie bieten Tieren, Pflanzen und Pilzen Nährstoffe und Unterschlupf. Fotos: Jörg Fiedler

© Jörg Fiedler

Förster Christian Hamann steht bei einem toten Baum. Einige kranke und tote Bäume lässt er stehen. Sie bieten Tieren, Pflanzen und Pilzen Nährstoffe und Unterschlupf. Fotos: Jörg Fiedler

An anderer Stelle wird Hamann dann fündig: Schmale Rinnsale Harz laufen am Stamm eines Baums nach unten, glitzernd heben sie sich von der braunen Rinde ab. Am Fuß der Fichte bedecken feine Holzspäne und grüne Nadeln den Boden – klare Zeichen für den Borkenkäfer. Dieser hat sich eingenistet und frisst sich durch das Holz. Der über 40 Jahre alte Nadelbaum ist dem Tod geweiht. Hamann markiert ihn mit Sprühfarbe in pink. Geschlagen wird er jedoch nur, wenn der Käfer in den nächsten Wochen auf die Nachbarn übergeht. Denn „wenn nur ein Baum gefällt werden muss, ist das nicht wirtschaftlich“.

Um heranwachsende Bäume wird der Boden freigemäht

Weil er eh schon in der Gegend ist, prüft Hamann ein Stück den Weg hinab noch etwas anderes. Auf einer Lichtung stehen kleine Laubbäume, etwa drei Jahre alt und einen Meter groß, vom vorherigen Förster gepflanzt. Kürzlich hat Christian Hamann einen Forstunternehmer beauftragt, um die heranwachsenden Eichen, Ebereschen, Wildkirschen und Douglasien vom Brombeer- und Brennnesselgebüsch zu befreien. Der Förster ist zufrieden mit dem Ergebnis, der Boden wurde freigemäht.

Die Jungpflanzen stecken geschützt in sogenannten Wuchshüllen. Diese fungieren als kleine Gewächshäuser und schützen vor Rehen, die ihr wachsendes Gehörn von der darüber liegenden Haut befreien wollen, indem sie sich an der Rinde reiben. Eine kleine Douglasie hat es dennoch erwischt. Ihre Rinde hat eine Verletzung durch ein Reh erlitten. „Die versucht das jetzt zu überwallen“, erklärt Hamann die Rindenwulst. Der Begriff Überwallung meint das selbstständige Verschließen einer Wunde durch den Baum. Die Douglasie kostet das viel Kraft. „Aber vielleicht schafft sie es noch.“

Der tote Baum (auch großes Foto) ist bereits von Käferlarven durchfressen.

© Jörg Fiedler

Der tote Baum (auch großes Foto) ist bereits von Käferlarven durchfressen.

Weiter geht es mit dem Auto. Christian Hamann sitzt „wie ein Fahranfänger“ dicht am Steuer, wie er selbst augenzwinkernd sagt. Er erklärt, warum er das macht: „Man guckt immer ein bisschen nach oben.“ Dadurch hat er auf dem Weg zu seinem nächsten Ziel stets die Äste der am Weg stehenden Bäume im Blick. Brüchige Äste, die den Verkehr gefährden könnten, müsste er entfernen lassen. Später entdeckt der Förster gestapelte Baumstämme am Wegesrand und ärgert sich. Sie hätten schon längst abgeholt werden sollen, er wird sich beim beauftragten Unternehmer beschweren. Auch das gehört zum Job.

Weiter geht es in den Rudersberger Gemeindewald, zur Abteilung „40e16“ (4 = Distriktnummer, 0 = Abteilungsnummer, e = Eiche, 16 = 150 bis 160 Jahre alter Baumbestand). Dort stehen also vorrangig 150- bis 160-jährige Eichen. Eine Tanne sticht dem Förster ins Auge. Ihre Nadeln sind teilweise rot aufgrund der Trockenheit. „Eigentlich vertragen Tannen das gut, weil sie Tiefwurzler sind“, weiß Hamann. Aber der Grundwasserpegel nach der regenarmen Zeit ist selbst für die Tanne zu niedrig.

Wenn zu wenig Lich die jungen Eichen erreicht, gehen sie ein

Am Waldboden wachsen junge Eichen heran, gerade einmal zehn Zentimeter groß. Doch sie werden vermutlich alle eingehen, weil zu wenig Licht sie erreicht. Die großen Eichen und vor allem die Buchen mit ihrem dichten Blattwerk stehen zu dicht nebeneinander. Deswegen hat Hamann auf der anderen Seite des Weges hangabwärts einen sogenannten Schirmschlag machen lassen, das heißt, einige große Bäume wurden herausgenommen. „Ich will das natürliche Wachstum der jungen Eichen hervorbringen.“ Früher habe man das öfters gemacht. Aber weil es bei der Bevölkerung schlecht ankomme, greife man inzwischen seltener zu solchen Maßnahmen. „Sonst wird einem direkt Profitgier vorgeworfen“, bedauert der Förster.

Die junge Eiche ist auf natürlichem Weg – aus einer Eichel – im Wald gewachsen.

© Jörg Fiedler

Die junge Eiche ist auf natürlichem Weg – aus einer Eichel – im Wald gewachsen.

Den Unterschied beobachtet Hamann mit Hilfe eines Experiments. Zwei jeweils zehn Quadratmeter große Flächen hat er im sonnigeren Bereich einzäunen lassen sowie eine Fläche im schattigeren Bereich. So kann er nach einigen Jahren sehen, ob der Schirmschlag etwas gebracht hat. Außerdem sieht er, ob die heranwachsenden Eichen außerhalb des Zauns von Rehen kaputt gemacht werden. „Wenn das so ist, kann ich den Jägern sagen, dass sie mehr jagen sollen,“, erklärt der Förster. Er überprüft den Zaun und entfernt störende Pflanzen wie etwa kleine Buchen, die den Eichen Konkurrenz machen.

Dann geht es weiter zum nächsten Ort. Hamann kennt seinen Wald. Nur noch ab und zu braucht er die digitale Karte. „Jetzt fängt der Staatswald wieder an“, sagt er ganz unvermittelt. „Und das hier ist Privatwald“, sagt er nur wenige Meter später. Privatwald, Staatswald, Gemeindewald – die Zuständigkeiten in den hiesigen Wäldern gleichen einem Flickenteppich.

Neben einem weiteren Sturmloch im Rudersberger Wald steht es schlecht um die Fichten. Ihre Nadeln rieseln zu Boden, es klingt wie feiner Nieselregen. „Das ist das Todesurteil“, sagt Hamann. Auch hier ist der Borkenkäfer zugange. Hamann eilt von Baum zu Baum und markiert die kranken Fichten. Im Frühjahr will er in dem Sturmloch Schwarzkiefern und Eichen pflanzen. Der sandige, eher trockene Boden könnte ihnen gefallen. „Ich kann entscheiden, welche Bäume hier stehen werden“, sagt Hamann. Ein Job mit viel Verantwortung. Die Ergebnisse seiner Projekte sind über Generationen hinweg wirksam. „Das ist aber auch das Schöne an dem Beruf“, sagt er und steigt ins Auto. Der nächste Fall wartet.

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Erstellt:
3. September 2022, 16:00 Uhr

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