Dem Wald geht es so schlecht wie noch nie

Seit drei Jahren werden Bäume durch Trockenheit und Hitze geschwächt. Die Kommunen ernten mehr und mehr Schadholz.

Laut Forstamtsleiterin Dagmar Wulfes werden die Buchen im Rems-Murr-Kreis aussterben.

© Jörg Fiedler

Laut Forstamtsleiterin Dagmar Wulfes werden die Buchen im Rems-Murr-Kreis aussterben.

Von Florian Muhl

AUENWALD. „Trockenheit und Hitze schwächen unsere Waldbäume im dritten Jahr in Folge und treiben das mittlere Schadniveau in bislang nicht bekannte Höhen“, warnte Peter Hauk bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts vor ein paar Tagen. Der Waldumbau ist eine gesellschaftlich wichtige Jahrhundertaufgabe, so der Forstminister weiter. „Dem Wald geht es so schlecht wie noch nie“, konstatiert die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). So seien in Baden-Württemberg inzwischen 46 Prozent der Waldfläche deutlich geschädigt. „Die Lage ist dramatisch“, stellt Roland Burger fest. Weiter sagt der Präsidenten der Forstkammer Baden-Württemberg: „Immer mehr Waldbesitzern in Baden-Württemberg geht langsam, aber sicher die finanzielle Puste aus, um die Wälder zu erhalten und neu aufzubauen.“

Und wie sieht’s speziell im Rems-Murr-Kreis aus? Auch nicht besser. Der Anteil an Schadholz steigt und steigt. Unter Schadholz versteht man Bruchholz, Sturmholz und Käferholz. Und weil es davon so viel gibt, wird immer weniger fürs Holz gezahlt. „Im Kreis sind wir erstmalig in der Situation, dass in einzelnen Wäldern die Holzerntekosten den Holzertrag für das Schadholz übersteigen“, sagt Forstamtsleiterin Dagmar Wulfes. Demnach könnten Eigentümer von Kleinprivatwäldern nur deshalb noch kostendeckend arbeiten, weil sie die Aufarbeitungshilfe des Landes von sechs Euro pro Festmeter erhalten würden.

Kommunalwälder mit einem hohen Nadelbaumanteil hätten in den vergangenen Jahrzehnten noch gute Erträge für den kommunalen Haushalt beitragen können, sagt Wulfes. „Jetzt werden sie zum Zuschussbetrieb.“ Zum Glück sei das Forstamt noch in der Lage, das anfallende Holz noch vermarkten zu können. Allerdings: „Die erzielten Preise sind leider extrem unbefriedigend“, so die Amtsleiterin.

Beispiel Auenwald. Im knapp 25 Hektar großen Kommunalwald werden Forstleute Ende 2020 so viel Holz geschlagen haben, wie das erst für 2023 geplant war. Damit wäre der Zehnjahresplan bereits nach sieben Jahren erfüllt. Vorgesehen waren 124 Festmeter (fm) pro Jahr, derzeit liegt der Schnitt bei 167 Festmetern. Der Tragik nicht genug. Die im vergangenen Jahr beschlossene Wiederaufforstung im Bürgerwald ist in die Hose gegangen. Von den 1000 gesetzten Douglasien sind die meisten eingegangen.

„Wenn ich höre, man soll den Wald gießen, gehn bei mir die Schuhbändel auf.“

Und das trotz einer Premiere. Denn in diesem Jahr hatte der Revierförster erstmals das Gießen im Wald empfohlen beziehungsweise angeordnet. Dass dies auch geschehen ist, bestätigte Bürgermeister Karl Ostfalk in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Gießen im Wald? Ratlose Ratsgesichter. „Wenn ich höre, man soll den Wald gießen, gehn bei mir die Schuhbändel auf“, kommentierte UWA-Sprecher Franz Karl Matyas. „Stimmt, das muss die Ausnahme bleiben“, pflichtete Wulfes bei, die den Douglasienausfall auf 75 bis 80 Prozent schätzt.

Aber was tun angesichts der Trockenheit? „Wir können mit der Buche nicht mehr rechnen, die wird als Folge der Trockenheit aussterben. Und das Gleiche gilt für die Fichte.“ Wulfes listete die Baumarten auf, die hierzulande eine Zukunft haben. Vorneweg bei den Laubbäumen ist das die Eiche, zudem die Robinie, Elsbeere, Esskastanie und Baumhasel sowie der Tulpenbaum. Bei den Nadelbäumen nannte sie die Douglasie, Tanne und die Atlaszeder sowie bedingt die Kiefer.

Jetzt will Auenwald im Bürgerwald einen zweiten Anpflanzversuch starten, wieder mit Douglasien, aber auf Anregung von NL-Rat Volker Wengert durchmischt mit anderen Baumarten. Der Vorschlag von Bürgermeister Ostfalk, „mindestens 20, eher 30 Prozent Laubbäume“ dazuzunehmen und zu wässern, wenn es notwendig ist, „aber nicht zu spät“, wurde mit großer Mehrheit befürwortet.

Fürs kommende Jahr hat sich Auenwald neben der Aufforstung einen Hiebsatz von 124 Festmetern vorgenommen. Die Gemeinde wird das kommende Wirtschaftsjahr mit einem Minus von knapp 4000 Euro im Forst abschließen.

Beispiel Althütte. Hier sieht die Zehnjahresübersicht (2014 bis 2023) noch krasser aus. Bereits nach fünf Jahren hatte man das Hiebsoll im 27 Hektar großen Kommunalwald erfüllt. 733 Festmeter waren bis Ende 2023 geplant, 1140 Festmeter sind dort jetzt schon geerntet worden. Das voraussichtliche Minus liegt im kommenden Jahr bei gut 7000 Euro.

Beispiel Kirchberg an der Murr. Im 131 Hektar großen Kommunalwald haben Waldarbeiter in diesem Jahr bereits 582 Festmeter gefällt. Davon war, wie Revierförster Stefan Grätsch in der jüngsten Gemeinderatssitzung einräumte, kein einziger Festmeter planmäßig: Es handelte sich nur um Schadholz (wir berichteten).

Beispiel Oppenweiler. Im laufenden Jahr hat der Förster bereits 1762 Festmeter Holz gemacht, davon waren nur 75 Festmeter planmäßig. Grund war unter anderem Sturm Sabine im Februar, der hat „enorm Fichte geschmissen“, so Grätsch. Die Gemeinde befindet sich derzeit in Jahr sieben ihres Zehnjahresplans, hat aber schon 106 Prozent dessen an Holz gemacht, was sie eigentlich für die ganzen zehn Jahre vorgesehen hatte.

Der Wald im Rems-Murr-Kreis

Die Gesamtfläche des Rems-Murr-Kreises beträgt knapp 86000 Hektar (ha). Rund 40 Prozent der Landkreisfläche sind von Wald bedeckt, das sind rund 35000 Hektar.

Dabei bildet der öffentliche Wald von Land und 31 waldbesitzenden Kommunen mit knapp 23000 Hektar den Schwerpunkt. Davon wiederum sind 15600 Hektar Staatswald, der nicht mehr vom Rems-Murr-Kreis betreut wird, und 7200 Hektar Kommunalwald.

Aber auch der Privatwald, der überwiegend kleinstrukturiert ist, hat mit rund 11500 Hektar einen bedeutenden Anteil an der Waldfläche. Quelle: Landratsamt.

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Erstellt:
28. Oktober 2020, 11:30 Uhr

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