Deponie-Gas macht Winnender Wasser warm

Eine deutschlandweit einzigartige Anlage verwandelt das Klimakiller-Gas Methan in Wärme

Von Regina Munder

WINNENDEN. Wer an der Kreismülldeponie Eichholz vor der Kasse in der Autoschlange steht, sieht gleich nach dem Tor links einen militärgrünen Container. Darin befindet sich allerneueste Klimaschutztechnik: Die Anlage verwandelt das Klimakiller-Gas Methan aus der alten Deponie in Wärme. Und diese heizt Wasserkessel und Wohnungen von Winnender Fernwärmekunden.

„Wir hätten das Gas auch einfach abfackeln können“, sagt Gerald Balthasar. Doch das verträgt sich nicht mit den Klimaschutzzielen des Landkreises. „6500 Tonnen CO2-Äquivalente werden durch diese Anlage pro Jahr eingespart, was dem Schadstoffausstoß von 40000 Autos entspricht, die einmal quer durch Deutschland fahren.“ Der Vorstandsvorsitzende der Abfallwirtschaftsgesellschaft Rems-Murr (AWRM) kommt bei der Vorstellung der neuen Anlage mit Superlativen daher. Es sei eine in der Bundesrepublik bisher einzigartige Technik, die die Renninger Firma Eflox da geliefert hat. Mit 90 Prozent Wirkungsgrad und quasi null Schadstoffen, die am Ende aus den Schornsteinen kommen – Stickstoff und ein bisschen Kohlendioxid.

Etwa 500 Megawattstunden Nutzwärme erzeugt die Anlage im Jahr. 15000 bis 16000 Euro, so die Kalkulation, nimmt die AWRM künftig monatlich durch den Verkauf an die Fernwärme Winnenden ein. Die 550000 Euro teure Anlage soll sich schon in anderthalb bis zwei Jahren amortisiert haben – das geht so schnell, weil die Hälfte von der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundesumweltministeriums bezahlt worden ist. „Deren Fördertopf wird von Einnahmen aus CO2-Zertifikaten gespeist“, erläutert Gerald Balthasar.

Für die Wärmeerzeugung genutzt wird Methan (CH4), das zusammen mit CO2hauptsächlich durch faulenden Rohmüll entsteht, aber 28-mal klimaschädlicher ist als das Kohlendioxid. Je länger aber der alte Müll verrottet (seit 2005 kommt kein neuer mehr hinzu), desto weniger Methan entsteht. Darum konnte die Fernwärme Winnenden ihre alte Anlage, in der das Gas direkt verbrannt wurde, nicht mehr weiterbetreiben. Sie hat sie abgebaut und die AWRM begann statt ihrer im Mai 2017 mit dem Probebetrieb der Schwachgasbehandlungsanlage, wie sie bisher nur für Grubengas eingesetzt wurde.

Der Müll der Deponie liefert noch

ungefähr 15 Jahre ausreichend Gas

„Der Methangehalt liegt jetzt bei 30 Prozent und nimmt kontinuierlich ab. Doch mit dieser Anlage können wir das CH4trotzdem noch für die Wärmeerzeugung nutzen, bis der Anteil nur noch sechs Prozent beträgt“, sagt Ingenieur Martin Eisenlohr, der mit seinem Energie- und Umwelttechnikbüro in Esslingen am Neckar die AWRM in dieser Sache technisch betreut. „Das Methan aus der Altdeponie wird abgesaugt und reagiert mit der Verbrennungsluft. Die Oxidation führt zu 1000 Grad Hitze im Kessel, aber optisch nur zu einem leichten blauen Leuchten. Könnte man reinschauen, man würde keine Flamme sehen.“ Der Eflox-Prototyp aus Renningen arbeitet mit einem besonderen Verfahren, das sich Depofit nennt. Es sorgt dafür, dass die Gasmenge immer gleich hoch ist.

Und noch etwas macht die Anlage sehr effektiv: „Ein Wärmetauscher kühlt das Abgas von 150 auf 60 Grad und speist die so gewonnene Wärme ins Netz.“ 15 Jahre, schätzt Eisenlohr, wird die Anlage laufen, dann tritt kein Gas mehr aus den organischen Anteilen des alten Mülls aus. Der nächste Schritt hin zur Renaturierung der Deponie kann erfolgen. Landrat Richard Sigel ist froh, dass die Anlage läuft und der Kreis den Förderzuschlag bekommen hat. „Wir reduzieren Treibhausgasemissionen der Deponie und erwirtschaften Einnahmen, die wieder dem Müllgebührenzahler zugutekommen.“

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Erstellt:
24. August 2018, 06:00 Uhr

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