Nach Brand: Bewohner müssen Übergangslösungen finden

Thorsten Traut ist einer der Bewohner des Hauses, auf das der Brand in der Murrhardter Bahnhofstraße 9 übergriff. Für ihn heißt es jetzt, eine Übergangslösung zu finden. Er hofft, dass er später in seine Wohnung zurückkann. 14 Personen haben ihre Bleibe verloren.

Brandruine in der Bahnhofstraße in Murrhardt. Die Bewohner sind nach dem Feuer woanders untergekommen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Brandruine in der Bahnhofstraße in Murrhardt. Die Bewohner sind nach dem Feuer woanders untergekommen. Foto: A. Becher

Von Christine Schick

MURRHARDT. Heute vor zwei Wochen hat sich in der Murrhardter Bahnhofstraße ein verheerender Brand ereignet. Das Feuer, das am Montag gegen 15 Uhr in dem Mehrfamilienhaus mit der Nummer 9 ausbrach, griff auch auf das direkt benachbarte Wohnhaus Nummer 7 über. Feuerwehrleute aus Murrhardt erhielten Unterstützung von Kollegen aus Backnang, Sulzbach an der Murr, Schwäbisch Hall und der Betriebsfeuerwehr von Bosch in der Walterichstadt, um den Brand zu bekämpfen und eine weitere Drehleiter einsetzen zu können. Elf Bewohner konnten sich aus den beiden Häusern retten, zwei zogen sich eine Rauchgasvergiftung zu.

Thorsten Traut war am Montagnachmittag zu Hause, als das Feuer ausbrach. Er wohnt beziehungsweise wohnte ganz oben, im zweiten Obergeschoss des Hauses Nummer 7, das durch die Nähe ebenfalls vom Brand betroffen war. Zunächst nahm er einen seltsamen Geruch wahr, ging dann zum Fenster und sah bereits den Rauch. „Ich hab den Notruf gewählt“, erzählt er. Dann musste alles äußerst schnell gehen. „Ich hab mir das Handy, Ladegerät und meine Jacke geschnappt und bin raus.“

Hinter dem Haus traf er auf Nachbarn, eine Familie, auch sie am Telefon, um die Feuerwehr zu alarmieren. „Man hat die Hitze schon gespürt“, sagt er und beschreibt das eindrückliche Knallen von berstenden Materialien. Nach seiner Wahrnehmung waren die Feuerwehrleute sehr schnell vor Ort, möglicherweise hatte bereits ein weiterer Bewohner einen Alarm abgesetzt. „Vorher hab ich noch kurz überlegt, was man machen könnte“, aber der Brand hatte sich schon stark ausgebreitet. Als Thorsten Traut sich beim Sanitäter gemeldet hatte und die Löscharbeiten verfolgte, sah ihn zufällig ein Bekannter, der ihn mit nach Hause nahm und bei dem er auch die erste Nacht schlafen konnte. Zwar hat ihm die Feuerwehr später ermöglicht, noch seinen Geldbeutel, ein paar Kleider und seinen Rucksack zu holen, aber kaum etwas von der Einrichtung seiner Wohnung wird wohl zu retten sein.

Aus einem Glutnest hat sich erneut ein Feuer im Dachstuhl entwickelt.

Die Einsatzkräfte waren nicht nur am Tag des Feuers lange – bis Dienstagmorgen – mit der Brandbekämpfung und Nachlöscharbeiten beschäftigt. In den frühen Morgenstunden des Mittwochs wurden sie wieder zum Brandhaus gerufen, da sich aus einem Glutnest erneut ein Feuer im Dachstuhl entwickelt hatte, das gelöscht werden musste. Schon zuvor war klar, dass der Schaden enorm ist – die Polizei schätzt ihn auf rund 700000 Euro.

Die Bewohner, insgesamt 14 Menschen, die ihre Bleibe und ihr Hab und Gut verloren haben, standen nun vor dem Problem, wie es für sie konkret weitergehen konnte. Die Stadt Murrhardt hat sich um Unterkünfte gekümmert und zu weiterer Unterstützung in dieser Hinsicht sowie zu Spenden aufgerufen. Es ist nicht schwer, zu erahnen, dass eine Wohnungssuche in Pandemiezeiten und vor dem Hintergrund von Wohnungsknappheit kein einfaches Unterfangen ist.

Thorsten Traut hat mithilfe der Stadt beziehungsweise über ihre Vermittlung eine vorläufige Unterkunftsmöglichkeit bekommen und angefangen, in seiner Wohnung Verschiedenes auszusortieren. Wie er den Müll aus der Wohnung entsorgen kann, weiß er noch gar nicht. Der 37-Jährige hofft sehr, dass er nach einer Instandsetzung wieder in seine Zweizimmerwohnung zurückkehren kann, ist mit dem Eigentümer in Kontakt. Ihm ist allerdings auch klar, dass dieser Prozess lange dauern kann und er in der Zwischenzeit eine Übergangslösung braucht. Er ist arbeitslos, was die Wohnungssuche auch nicht gerade einfacher macht, da somit eine bestimmte Grenze vom Budget her nicht überschritten werden kann. Im Vergleich zu der Zeit vor rund zehn Jahren, als er in seine Wohnung eingezogen ist, „sind die Mieten aktuell sehr hoch“. Hinzu kommt, dass er sich dort sehr wohlfühlt. Trotzdem sagt er auch: „Es ist gut, dass keiner schwerer verletzt worden oder ums Leben gekommen ist. Alles andere kann man ersetzen, auch wenn es vermutlich hart wird.“

Neben ihm haben ein weiterer Einzelmieter sowie eine dreiköpfige Familie im Haus Nummer 7 gewohnt. Die Familie ist nach Informationen der Stadt privat untergekommen, ebenso der weitere Mieter. Wie sich die Situation für Waltraud Butsch darstellt, die im Erdgeschoss des Hauses den Friseursalon „Hair&Style“ betreibt, war nichts bekannt.

Die siebenköpfige Familie hat in Großerlach eine Bleibe gefunden.

Von den Schäden her noch viel schwerer betroffen ist das Haus Nummer 9, in dem der Brand seinen Ausgang nahm. Die Polizei geht davon aus, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit abgerissen werden muss. Dort wohnte ein größerer Familienverbund mit insgesamt sieben Personen, darunter auch zwei Kinder und ein Jugendlicher, sowie als zweite Partei ein Paar. Letzteres konnte die Stadt unterbringen. Auch die siebenköpfige Familie hatte vorübergehend die Möglichkeit, über die Stadt in Murrhardt unterzukommen, hat zwischenzeitlich aber im benachbarten Großerlach eine neue Wohnung gefunden.

Die Stadt hat die Betroffenen unterstützt, die sich gemeldet hatten, über keine Hausratversicherung verfügen und alles verloren haben – mit einer Soforthilfe aus dem „Hilfsfonds zugunsten von bedürftigen Murrhardterinnen und Murrhardtern“ (Bürgerstiftung). Dabei ging es um den Kauf von Dingen für den täglichen Bedarf wie beispielsweise Handtücher, Kleidung oder Zahnpasta. Erreicht hat die Verwaltung auch die Option auf Sachspenden wie Fernseher und Möbel. Bürgermeister Armin Mößner war zudem über die Wohnungsangebote aus der Bevölkerung dankbar, auch wenn die Betroffenen teils privat Unterstützung in dieser Hinsicht erhalten haben und sich so zusätzliche Möglichkeiten ergeben haben. Auch er nimmt an, dass das Haus Nummer 9 abgerissen werden muss, eher noch Hoffnung für eine Instandsetzung beim Nachbargebäude besteht. Beide befinden sich im Sanierungsgebiet „Bahnhof/Östlich Klosterhof“. Ob in diesem Zusammenhang eine Unterstützung möglich ist, müsste über das Landessanierungsprogramm geprüft werden.

Bleibt die Frage, was eigentlich zum Brand geführt hat. Die Ermittlungen waren aufgrund der hohen Schäden für die Kriminalpolizei und die Zuständigen nicht ganz einfach. Polizeisprecher Robert Kreidler berichtet, dass es zwar noch kein endgültiges Ergebnis gebe, sich aber ein technischer Defekt als wahrscheinlichste Ursache abzeichne. Die Arbeit des zuständigen Fachmanns sei noch nicht abgeschlossen. Man müsse damit rechnen, dass das Brandgutachten bis zu zwei Monate dauern könne. Erst dann ließen sich detaillierte Aussagen treffen – beispielsweise ob für das Auslösen des Brands möglicherweise ein bestimmtes Gerät verantwortlich sei. Aktuell gehe man davon aus, dass das Feuer von einem Schuppen hinter dem Haus seinen Ausgang nahm.

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Erstellt:
3. Mai 2021, 11:30 Uhr

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